Constantin-Film-Chef Martin Moszkowicz "Dieser Zwischenstatus ist tödlich"

Freitag, 04. November 2016
Martin Moszkowicz, der CEO der Constantin Film
Martin Moszkowicz, der CEO der Constantin Film
Foto: Constantin
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Constantin Film Martin Moszkowicz Kinokasse


Mit „Terror“ hat Martin Moszkowicz, der CEO der Constantin Film, gerade bewiesen, dass großes und inhaltlich provokantes Event-TV aus Deutschland kommen kann. Und auch an den Kinokassen hat die Produktionsfirma dank „Fack ju Göhte“ immer noch einen Lauf. Ausgerechnet jetzt wird der schwelende Streit der Gesellschafter zum immer größeren Problem.
Constantin war mal die Filmproduktion, die mit Eventkino die deutschen Leinwände dominierte. Jetzt haben Sie mit „Terror“ gezeigt, dass Sie auch fürs Fernsehen Events liefern können. Ist das Constantins Zukunft? Es zeigt ganz deutlich die Transformation, die Constantin Film durchlaufen hat: Weg von einer Filmproduktion hin zu einem modernen Medienunternehmen. Den Großteil unseres Umsatz erzielen wir nicht mehr mit Filmen, sondern mit Fernsehevents wie „Terror“, das für Weihnachten geplante „Winnetou“ oder die für den internationalen Markt ausgelegte Serie „Shadow Hunters“. Diese Begeisterung für TV-Serien überrascht. Klagen viele deutsche Produzenten nicht, dass sie an TV-Produktionen nichts verdienen können? Zum einen hat sich hier der Markt verändert: Vor zehn Jahren gab es zum Beispiel in den USA rund zwölf Einkäufer für Serienstoffe, heute sind es etwa 60. Außerdem haben wir uns dafür entschieden, serielle Konzepte auf eigene Kosten zu entwickeln. Wenn man das Risiko eingeht, eigene Konzepte vorzuproduzieren, hat man später auch eine ganz andere Verhandlungsposition. Und diese Veränderung ist überfällig. Denn in dem klassischen Produzent-Sender-Modell konnten Produzenten nur dann profitabel arbeiten, wenn sie möglichst viele Kosten sparten – was das denkbar schlechteste Geschäftsmodell ist. Ein Produzent sollte mehr Geld verdienen, je besser er produziert, nicht je billiger er produziert.

Kreativität in Deutschland besteht ja oft darin, bewährte Erfolgsideen zu kopieren. Bekommen Sie nach „Terror“ nun viele Anfragen von Sendern, so etwas auch für sie zu liefern? Dieser sensationelle Erfolg hat natürlich dazu geführt, dass Sender aus der ganzen Welt bei uns angefragt haben. Und wir überlegen uns auch selbst, wie man dieses Format auch in andere Bereiche übertragen könnte. Aber das ist nicht ganz einfach, denn man braucht eine ähnlich große moralische Frage wie bei „Terror“ als Mittelpunkt der Dramaturgie. Und solche Fragen gibt es nur selten.

Wenn über die neue goldene Ära des Fernsehens gesprochen wird, stammen die meisten Beispiele aus den USA. Haben wir in Deutschland zu wenig begabte Geschichtenerzähler? Ich glaube nicht, dass Deutschland einen strukturellen Nachteil als kreativer Standort hat. Im Zentrum unseres Geschäfts steht seit der Zeit von Bernd Eichinger der Aufbau und die Pflege starker Content-Marken. Und auch heute gibt es immer wieder deutsche Geschichten, die zum internationalen Erfolg werden und uns damit perfekte Vorlagen liefern. Man denke nur an Patrick Süskinds „Parfum“ oder an die Bücher von Cornelia Funke. Und ein Mann wie Bora Dagtekin ist ein wahrer Kreativreaktor. Er gehört zu den seltenen Menschen, die in der Lage sind, selbst neue spannende Geschichten zu finden und diese auch noch zu produzieren. Die mexikanische Nachverfilmung von „Fack ju Göhte“ ist in den USA und in Mittelamerika einer der erfolgreichsten spanischsprachigen Filme aller Zeiten.

Nun denkt ja Ihr Mutterkonzern darüber nach, Constantin Film zu verkaufen. Waren Sie trotz all dieser Erfolge nicht erfolgreich genug, um weiterhin Teil der Constantin-Gruppe zu sein? Hier muss ich erst einmal einige Missverständnisse klarstellen. Im Geschäftsjahr 2015 kamen von den 480 Millionen Euro Gesamtumsatz der Constantin Medien 250 Millionen von Constantin Film. Beim Gewinn ist unser Beitrag noch deutlicher: Von den 28 Millionen Euro Vorsteuer-Gewinn des Gesamtkonzerns lieferte Constantin Film 18 Millionen. Und was den Namen betrifft: Wir haben den Namen Constantin dem Gesamtkonzern geliehen. Sollte Constantin Film tatsächlich verkauft werden, würde der verbleibende Rest sicher nicht mehr Constantin heißen.

Trotzdem ist der Verkauf offizieller Tagesordnungspunkt auf der Aktionärsversammlung am 9. November. Warum steht Constantin Film zur Disposition? Es ist richtig, es geht um eine Entscheidung, einen möglichen Verkauf zu prüfen. Das ist eine Diskussion zwischen den beiden größten Aktionären über die Strategie der Constantin Medien. Wie diese im Moment abläuft, ist aus unserer Sicht natürlich nicht besonders schön. Ich hätte mir gewünscht, dass die Parteien sich schon im Vorfeld geeinigt hätten. Jetzt haben wir eine problematische öffentliche Debatte, die für unser Tagesgeschäft nicht gerade hilfreich ist. Mal ganz davon abgesehen, dass die Strategie einer Firma von deren Vorstand entwickelt und bestimmt wird.

Inwieweit problematisch? Würde ein Verkauf Constantin Film schwächen? Ich kann mit dem Status quo vor der gegenwärtigen Diskussion mehr als gut leben – wobei mir wichtig ist, dass es auf Seiten unseres einzigen Aktionärs, der Highlight Communication, keine Verkaufsabsichten gibt. Aber die restlichen Tochterunternehmen beschäftigen sich vor allem mit dem Sportbusiness, was nur minimalste Synergien mit unserem Geschäft hat. Aber natürlich bekommen wir Anrufe von Kunden und Geschäftspartnern aus aller Welt, die wissen wollen, was bei uns gerade los ist. Und da liegt das eigentliche Risiko: In unserem Geschäft sind wir auf gute Beziehungen zu den Autoren, Regisseuren und anderen Künstlern angewiesen. Und je ruhiger das Fahrwasser ist, in dem wir segeln, desto leichter lässt sich die Vertrauensbasis mit unseren Kreativpartnern pflegen. Der Zwischenstatus, den wir gerade erleben, ist da sehr schädlich.

Es wird Ihnen kaum etwas übrigbleiben, als diesen Zwischenstatus noch etwas länger zu ertragen. Als CEO von Constantin Film kann ich mir die passive Zuschauerrolle nicht leisten. Meine Verantwortung ist es, die Interessen unserer Gesellschaft zu wahren und Optionen für sie zu entwickeln.

Welche Optionen haben Sie denn jetzt im Ärmel? Das hängt natürlich von den weiteren Entwicklungen ab. Mir ist wichtig, dass hier die Interessen der Gesellschaft, der Mitarbeiter und unseres Aktionärs gewahrt bleiben. cam

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