Chris Cox Wie Facebooks Produktchef die Verlage beschwichtigt

Donnerstag, 30. Juli 2015
Chris Cox, Chief Product Officer bei Facebook
Chris Cox, Chief Product Officer bei Facebook
Foto: Facebook

Auf HORIZONT Online läuft derzeit eine kleine Serie, in der sich prominente deutsche Verlagsmanager zu den Plänen von sozialen Netzwerken, Distributionsplattformen und Onlinekiosken äußern. Die Ahnung - manchmal auch: Befürchtung - vieler Medienschaffender ist, dass Facebook, Apple, Twitter oder Snapchat einen "Paradigmenwechsel im Newsgeschäft" einläuten könnten, wie "FAZ"-Chef Thomas Lindner es ausdrückte. Droht von dieser Seite also Gefahr für Verlage? Kein Grund zur Sorge, sagt nun Facebooks Produktvorstand Chris Cox im Interview mit der "Zeit".
Für viele Verlagschefs und Chefredakteure besteht kaum ein Zweifel, dass man sich Onlinekioske oder Formate wie Facebooks Instant Articles genau anschauen sollte. Die große Frage ist, was aus Sicht der traditionellen Medien überwiegt: Chancen oder Risiken? Zudem ist verstärkt auch davon die Rede, dass auch Unternehmen, die ihre Wurzeln eigentlich in der Entwicklung von Produkten oder Plattformen haben, zunehmend publizistische Ambitionen entwickeln. Apple etwa sucht derzeit Journalisten für seinen neuen Service Apple News, Twitter und Snapchat beschäftigen Redakteure, die Inhalte filtern sollen. Welche Rolle würden Verlage in einer Welt, in der Digitalplattformen die neuen starken Medienhäuser sind, überhaupt noch spielen? Geht es um Medienhäuser neuer Prägung, ist derzeit allerdings zu allererst von Facebook die Rede. Kein Wunder: Mit fast einer Milliarde täglicher Nutzer ist das soziale Netzwerk das größte seiner Art und scheffelt milliardenweise Werbegelder. Das bedeutendste - und auch verlockendste - Angebot Facebooks an die Verlage war die Einführung der Instant Articles. Das sind Artikel, die direkt auf Facebook eingestellt und auch dort vermarktet werden. Die Medien sollen dabei die Hoheit über die Inhalte behalten, ebenso sollen sie über einen Großteil der Werbeeinnahmen verfügen dürfen. Bekannte Medienmarken wie die "New York Times", Buzzfeed oder "National Geographic" nutzen den Service bereits, aus Deutschland sind Spiegel Online und Bild, das kürzlich seinen ersten Instant Article veröffentlichte, mit von der Partie.
Instant Articles
Bild: Facebook

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Doch die Vorbehalte sind groß. Was bedeutet die neue Medienmacht von Facebook für die Verlage? Werden sie mit ihren Marken in den Hintergrund gedrängt? Sagen die Nutzer künftig möglicherweise: "Ich lese Facebook" statt "Ich lese Spiegel Online, faz.net, sz.de" etc.? Geht ihnen dadurch Deutungshoheit verloren, während Facebook sich zum Herren über die Berichterstattung aufschwingt?

Diese Befürchtungen versucht nun ein prominenter Facebook-Manager zu zerstreuen. Chris Cox, Produktvorstand des Unternehmens und damit verantwortlich für die Entwicklung der Instant Articles, hat der "Zeit" für deren aktuelle Ausgabe ein längeres Interview gegeben. "Ich würde Facebook nicht als Nachrichtenmedium bezeichnen", so Cox auf die Frage, welche Medien außer Facebook er selber eigentlich nutze.

Vielmehr bleibe die Bedeutung der traditionellen Medien auch im digitalen Zeitalter bestehen: "Wenn Sie sich wirklich informieren wollen, einen Rundumblick haben und behalten wollen, dann hören Sie nicht auf, den Economist, den Spiegel oder die Zeit zu lesen, nur weil auf Ihrer Facebook-Seite regelmäßig Artikel auftauchen", bekräftigt Cox. Dies sei nur ein Service um darauf hinzuweisen, was Freunde derzeit besonders interessiere oder welche Themen aktuell viel diskutiert würden. "Aber umfassend informieren können Sie sich so nicht. Das ist auch nicht unser Ziel."
„Ich würde Facebook nicht als Nachrichtenmedium bezeichnen.“
Chris Cox
Noch nicht? "Zeit"-Redakteur Götz Hamann hakt nach und sagt, Facebook könne doch massenweise Journalisten einstellen. Darauf Cox: "Facebook wird nie der Ort werden, an dem es vordringlich darum geht, was in der Welt los ist und was Journalisten berichten." Vielmehr bleibe Facebook die Rolle der Vernetzungsplattform für Freunde und Familien vorbehalten. Die zehn wichtigsten Informationen des Tages soll Facebook seinen Nutzern anzeigen, erklärt Cox später noch. "Das ist unser Anspruch."

Statements wie diese sollen Medien offenbar die Angst vor Instant Articles nehmen, noch bevor diese so richtig Fahrt aufgenommen haben. Facebook hat enormes Interesse daran, die Verweildauer auf der Plattform deutlich zu erhöhen. Warum? Wer länger auf einer Seite verweilt, kann dort mehr Werbung konsumieren. Direkt auf Facebook eingestellte Inhalte können sich bei der Erhöhung der Verweildauer als sehr hilfreich erweisen.

Momentan deutet alles darauf hin, dass Verleger und Facebook sich irgendwo in der Mitte treffen müssen. "Drastisch formuliert, ist Facebook für Medien eben ein Frenemy, oft friend, manchmal ein bisschen enemy, und so führen wir eben immer wieder partnerschaftliche Debatten über Chancen und Risiken", sagte "SZ"-Digitalchef Stefan Plöchinger kürzlich gegenüber HORIZONT Online. Und SpOn-Geschäftsführerin Katharina Borchert appellierte im letzten Teil der HORIZONT-Serie: "Das richtige Verhältnis zu den großen Netzwerken lässt sich nur herausfinden, wenn man aufeinander zugeht. Simples Schwarz-Weiß-Denken bringt uns hier sicherlich nicht weiter." ire
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