Business Insider Deutschland im Check Heftige Wirtschaftsnews und lustige Listen

Montag, 16. November 2015
Business Insider Deutschland will keine "langweilige Chronistenpflicht" verfolgen
Business Insider Deutschland will keine "langweilige Chronistenpflicht" verfolgen
Foto: Screenshot Business Insider

Ist das nun gutes Timing oder ganz schlechtes? Seit heute Morgen ist Business Insider Deutschland online – zu einem Zeitpunkt, zu dem die Terroranschläge von Paris die Nachrichten bestimmen. Leider macht das Portal nur wenig aus der nachrichtentechnischen Steilvorlage und setzt lieber auf einen für hiesige Nutzer ungewohnten Mix aus lustigen Listen und bunten Geschichten aus der Welt der Wirtschaft.

"Wir haben lange und ausführlich darüber diskutiert, ob wir den Launch unseres Portals verschieben. Und wir haben uns dagegen entschieden. Denn sonst hätte der Terror über uns gesiegt", begründet Chefredakteurin Christin Martens den planmäßigen Start am 16. November. Immerhin hat das Team um die ehemalige Bild.de-Ressortleiterin noch schnell einen Aufmacher zum aktuellen Nachrichtenthema Nummer 1 zusammengezimmert: "#ParisAttacks: Wie Tech-Konzerne nach den Anschlägen Opfern und Angehörigen helfen".

Der Ansatz ist typisch für den redaktionelle Konzept von Business Insider: "Wir bieten einen kompetenten und zugleich unkonventionellen Blick auf die Welt der Wirtschaft. Dabei verfolgen wir keine langweilige Chronistenpflicht, sondern bereiten komplizierte Themen verständlich auf und werden viel Neues ausprobieren", beschreibt Martens die Herangehensweise.

Das Portal hat die Wirtschaftsberichterstattung in den USA in den vergangenen Jahren mit seiner bildstarken Aufbereitung und populären Themen erfolgreich aufgemischt. Dabei verliert Business Insider US aber auch die aktuelle Nachrichtenlage nicht aus den Augen, wie ein Blick auf die US-Seite verrät.

"Dass wir bei Business Insider Deutschland über die Attentate in Frankreich nicht ausführlich berichten, bedeutet nicht, dass wir uns dafür nicht interessieren, dass uns das kalt lässt", schreibt Martens entschuldigend in einem Editorial. "Wir starten heute mit einem kleinen Team. Wir wollen uns auf das konzentrieren, was wir gut können, wofür Business Insider Deutschland steht. Wirtschaft. In allen Facetten." 

Dazu gehören neben einem Interview mit Uber-Deutschland-Chef Christian Freese auch lustige Listen wie "Ja warum denn eigentlich Karlsruhe? Hier sind 26 Gründe…", "16 wilde Sachen, die ihr aus Eurem alten Android-Telefon bauen könnt" oder "7 Dinge, die erfolgreiche Menschen schon vor dem ersten Morgenkaffee machen".

Für Leser deutscher Nachrichtenportale muten solche Themen mitunter etwas seltsam an - zumal bei einem Wirtschaftsportal. Der Unterschied zur klassischen Wirtschaftsberichterstattung in Deutschland, wie man sie zum Beispiel vom "Handelsblatt" oder  der "Frankfurter Allgemeinen" kennt, könnte größer nicht sein. Können sich die Macher von Handelsblatt.com, FAZ.net & Co. daher entspannt zurücklehnen? 
BusinessInsider2015
Bild: HORIZONT-Screenshot

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Das wird sich noch zeigen. Bislang sind die deutschen Nutzer hiesigen Medienmarken wie Bild und Spiegel im Netz erstaunlich treu geblieben, während sich die deutschen Ableger erfolgreicher US-Portale wie der Huffington Post oder Buzzfeed hierzulande noch schwer tun. Allerdings setzen diese angesichts überschaubarer personeller Ressourcen bislang vor allem auf zugriffsstarke Themen und entsprechende Überschriften. Der publizistische Mehrwert für die deutsche Medienlandschaft hält sich bislang in Grenzen.

Sollte Business Insider ebenfalls in die Clickbaiting-Falle tappen, wird auch die Springer-Tochter in der publizistischen Nische landen. Sollte es Business Insider dagegen schaffen, Relevanz und Reichweite miteinander zu versöhnen, könnte das Erfolgsrezept auch hierzulande aufgehen. Dann sollte man allerdings auch die eine oder andere Steilvorlage verwandeln – und sich nicht völlig aus der Chronistenpflicht verabschieden. dh

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