Bushido und das Sommerloch Presse-Stress ohne Grund?

Dienstag, 16. Juli 2013
Rapper Bushido im N24-Interview: "Das ist jetzt meine Retourkutsche gewesen"
Rapper Bushido im N24-Interview: "Das ist jetzt meine Retourkutsche gewesen"


Pöbel- und Gangster-Rapper Bushido hilft den Medien mal wieder aus dem Sommerloch. Grund ist der auf Youtube inzwischen gesperrte Song "Stress ohne Grund", den Bushido gemeinsam mit Debütant Shindy für dessen erstes Album aufgenommen hat. Darin beleidigt der Berliner Hip-Hopper die Politiker Klaus Wowereit (regierender Bürgermeister von Berlin), Claudia Roth (Grüne) und Serkan Tören (FDP) sowie Moderator Oliver Pocher. Für die Medien bedeutet das in der Urlaubszeit: einiges zu tun. Zum einen geht es auf groß angelegten Stimmenfang bei den "Opfern" und beim "Täter". Wowereit meldete sich dabei als erster und verkündete, Strafanzeige gegen Bushido zu stellen. Der Rapper verteidigte seinen Song dagegen in einem zwanzigminütigen Interview beim Nachrichtensender N24, was einen Shitstorm und Kommentarfluten auf Bushidos Facebook-Seite und auf Twitter zur Folge hatte. Der Rummel um "Stress ohne Grund" wird von einigen Medien aber auch als Sommerloch-Thema und PR-Inszenierung kritisiert. HORIZONT.NET hat die wichtigsten Pressestimmen zum Thema zusammengetragen und präsentiert sie auf den folgenden Seiten.

Bushido im Interview bei N24:

Im Interview mit N24 verteidigt Bushido die Äußerungen in "Stress ohne Grund" und gibt sich als toleranter Bürger, der lediglich gängige Stilmittel des Gangsterraps verwende und so einer "Attitüde" nachkomme. Er bestreitet, Gewalt mit dem Song verherrlichen zu wollen. Eine Entschuldigung lehnt er ab, auch wenn er einräumt, mit seiner Provokation ein wenig übers Ziel hinausgeschossen zu sein.

"Ich möchte an dieser Stelle definitiv erst einmal darstellen, dass das absolut kein Aufruf zu irgendeiner Form von Gewalt sein soll, also überhaupt nicht. (...) Ich habe die Mittel benutzt, die mir zur Verfügung stehen. Und ich meine, Frau Roth und Herr Tören, mit denen hab ich halt schon 'ne etwas längere gemeinsame Vergangenheit. Ich wurde von den beiden auch des Öfteren als Antisemit und als Proll-Arschloch und so was alles betitelt und bezeichnet - auch in der Öffentlichkeit. Und das ist jetzt meine Retourkutsche gewesen - sollte aber auf gar keinen Fall irgendwie dazu aufrufen, den Leuten irgendwie Leid anzufügen oder so."

"Spiegel Online"

Spiegel Online erkennt in dem auf die Schnelle entstandenen Skandal die Vorteile für die Wiederkehr des Rüpel-Images bei Bushido:

"In der Kindererziehung kann systematisches Nichtbeachten von unerwünschtem Verhalten recht erfolgreich sein. Diese Maßnahme wäre aktuell auch bei Rapper Bushido naheliegend, doch in der Welt der Erwachsenen ist Ignorieren keine Option. Weil das so ist, darf sich der Musiker über große öffentliche Anteilnahme freuen - auch wenn diese mit Ärger vor Gericht einhergehen dürfte." (...) "Ziemlich viel Wirbel um ein fast schon plump provokatives Lied, dessen Video erst vor drei Tagen auf YouTube veröffentlicht wurde. Angesichts des Echos muss sich Bushido wundern, wie unfassbar leicht es gegangen ist mit der Provokation und ihrer erhofften Resonanz. YouTube hat das Video inzwischen gelöscht, trotzdem tauchen immer wieder Kopien auf."

"Frankfurter Rundschau"

In eine ähnliche Kerbe schlägt die "FR", die in der Debatte zu viel Aufmerksamkeit für ein vergleichsweise kleines "Problem" sieht:

"'Was stört es die Eiche, wenn sich ein Wildschwein dran schubbert', hätte Klaus Wowereit sagen können. Oder: 'Bushido? Der soll doch in seiner Villa in Kleinmachnow bleiben, statt hier in Berlin den sozial abgehängten Gangsta-Rapper zu mimen. Ich werde den Dreck, den der Herr produziert, nicht mit einer Stellungnahme aufwerten.' Hätte der Regierende Bürgermeister alles sagen lassen können zu einem dieser Tage per Video veröffentlichten Bushido-Text, in dem Dummheit und Aggression, namentlich gegen Politiker und Schwule, auf das Unangenehmste vereint sind. So klingt das dann in dem zusammen mit Rapperkollegen Shindy aufgenommenen Stück: 'Ich schieß auf Claudia Roth, und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz.' Das findet die Grünen-Politikerin natürlich 'menschenverachtend', lässt es aber dabei bewenden."

"Berliner Tageszeitung"

Die "Berliner Tageszeitung" freut sich in einem Kommentar darüber, dass mit Bushido das Sommerloch endlich gefüllt ist:

"Hurra das Sommerloch ist gefüllt, so wie jedes Jahr hat es auch in diesem Jahr Unfug und geistloser Schwachsinn in die Köpfe der Bundesbürger geschafft, angetrieben von den nach Auflagen gierenden Medien.

Was aber ist geschehen? Nur ganz einfach: Ein Rapper mit Migrationshintergrund macht ein Lied samt Video im Parkhaus der Berliner Dovestrasse, ganz im Stile eines "Gangsta-Raps", woran sich wie kaum anders als im Spießerländle Deutschland zu erwarten - die Randgruppen medienwirksam stören und aufjaulen. Da passt es dann nach Ansicht von BERLINER TAGESZEITUNG geradezu ins Bild, wenn ein "Politiker" - welcher selber im massivem Kreuzfeuer der Kritik für seine Amtsführung, samt Chaos um den Berliner Hauptstadtflughafen (BER) steht, eilig zur Polizei rennt und Strafanzeige erstattet - HURRA!"

"Vocer"

Das Medienportal "Vocer" geht die Thematik mit Rechtsanwalt Ralf Höcker von einer juristischen Perspektive an und sieht in der durchaus derben Verbalauseinandersetzung zwischen Bushido und dem "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner eine "milieutypische Entgleisung", die vermutlich keine strafrechtliche Relevanz hat:

"F. J. Wagner bezeichnet Bushido in der heutigen Bild-Zeitung als 'Idiot', 'viele Etagen unter dem Brüllaffen' stehend, 'Arschloch', 'Arsch' und "'dumme Wurst'. Muss der Kolumnist nun mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen? Nein, sicher nicht. Denn jedenfalls Herr Wagner beleidigt den Rapper damit nicht. Denn: Wer asozial ist, hat sich keinen sozialen Geltungsanspruch erworben. Und Bushido ist nicht nur ein gewöhnlicher 'Proll', sondern im besten Wortsinne ein Asozialer, also ein anti-sozialer Normabweichler."
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