Burda-Magazin Der "Focus" zieht nach Berlin und streicht Stellen

Donnerstag, 10. September 2015
"Focus"-Chefredakteur Ulrich Reitz
"Focus"-Chefredakteur Ulrich Reitz
Foto: WAZ

„Focus“ galt immer als das barocke, das konservative Nachrichtenmagazin aus Bayern. Solange Helmut Markwort der Chef war, wäre ein Umzug nach Berlin undenkbar gewesen. Das änderte sich im Frühjahr 2014. Vorstand Philipp Welte setzte sich durch, aber nur zum Teil. Immer noch hatte Burda reichlich Argumente, warum zumindest die Hälfte des Teams in München zu bleiben habe. Jetzt ist das Makulatur. Im ersten Halbjahr 2016 werden die Produktion und weitere Teile der Redaktion zum Potsdamer Platz verlagert. Das erzeugt nicht nur erneute Unruhe bei „Focus“. Damit einher gehen, abgesehen von sinkenden Reisekosten, wieder Stellenstreichungen und ein Umbau zu einer sogenannten Netzwerkredaktion. HORIZONT Online hat mit "Focus-"-Chefredakteur Ulrich Reitz über die Pläne gesprochen.

In der Pressemitteilung zum erneuten Umbau bei „Focus“ ist die Rede von Investitionen, von Zukunft, von Stärkung. Geht es nicht vielmehr um Stellenabbau und ums Sparen? Tatsächlich investieren wir. Ein Umzug nach Berlin kostet Geld. Zu sagen, dass wir unter einem Strukturwandel leiden, wäre eine Binse. Alle Chefredakteure müssen effizienter arbeiten. Die Frage ist, wie wir das tun. Bei unserer Reform geht es jedenfalls nicht um blankes Sparen, sondern um die Zukunft. Und die wird für einen Großteil der Redaktion in Berlin, der vitalsten Metropole Europas, stattfinden.

Tatsache ist, dass Ihr Vorgänger Jörg Quoos beim Teilumzug im Frühjahr 2014 Stellen abgebaut hat, Sie seit Ihrem Antritt vor einem knappen Jahr weitere gestrichen haben – und nun erneut einige daran glauben müssen. „Focus“ wird zu einer Redaktion ohne Redakteure. Soll darin die Rettung bestehen? Da gibt’s nichts zu retten. „Focus“ ist nach Brutto-Umsatz das drittstärkste Magazin des Landes. Unser Ziel jetzt ist nachhaltige Profitabilität. Das erreichen wir auch, indem wir künftig eine Netzwerkredaktion mit internen und externen Mitarbeitern aufbauen, die uns Themen anbietet.

Die dann ehemaligen Festangestellten sollen also eine Firma gründen und auf eigenes Risiko für „Focus“ arbeiten? Das ist theoretisch möglich, soll aber nicht systematisch betrieben werden. Diese Netzwerkredaktion, gesteuert von unseren Festangestellten, kann sich aber frei auf dem Markt bewegen. Wie man auf diese Weise die Produktivität und Qualität verbessern kann, habe ich schon als Chefredakteur der WAZ erlebt, als wir die Fotoredaktion ausgegründet haben.

Bleiben wir bei „Focus“. Wie viele müssen gehen? Wir werden lediglich fünf Beendigungskündigungen aussprechen. Dazu kommen 55 Änderungskündigungen, wobei wir diesen 55 Mitarbeitern anbieten, mit nach Berlin zu kommen.

In München verbleiben diejenigen, die nicht mitkommen wollen, die Sie aber nicht verlieren wollen? Wir führen die Produktion in Berlin zusammen. In München bleiben wir mit sieben oder acht Redakteuren, „Focus Money“ und „Focus Gesundheit“.

Zu Ihrem Antritt erfuhren Sie, dass Burda dem „Spiegel“ folgt und den Erstverkaufstag auf Sonnabend vorzieht. Räumen Sie ein, dass das nichts gebracht hat? Sie wissen so wenig wie ich, wie die Entwicklung verlaufen wäre, wären wir auf dem Montag geblieben. Wovon wir profitiert haben, ist die Anpassung unseres Erscheinungsbildes an die Lesesituation am Samstag – indem wir zum Beispiel das neue Ressort „Leben & Genießen“ ins Leben gerufen haben.

Von neun Relaunches, die Experten für HORIZONT kürzlich bewertet haben, kam „Focus“ am schlechtesten weg. Sie kritisierten, das neue Ressort verwässere das Konzept, die Optik verspreche mehr als der Inhalt bietet, die Attraktivität am Kiosk sei sehr gering, die Qualität lasse zu wünschen übrig. „Langweilig, von der ersten bis zur letzten Seite“, auch das war ein Kommentar. Super Experten. Wenn ich an die Titel in diesem Jahr denke, kann ich das wirklich nicht nachvollziehen. Ein Heft, das verkaufen will, braucht auf dem Cover eine gewisse Lautstärke. Auch wenn das nicht nach dem Geschmack politisch korrekter Kommentatoren ist.

„Unser Ziel jetzt ist nachhaltige Profitabilität. Das erreichen wir auch, indem wir künftig eine Netzwerkredaktion mit internen und externen Mitarbeitern aufbauen, die uns Themen anbietet.“
Ulrich Reitz
Sie meinen Titel wie „Falsche Flüchtlinge“ oder den mit dem Zitat „Das hat mit dem Islam nichts zu tun“, darunter ein Gewehr, dazu die Entgegnung „Doch“, mit Anführungszeichen? Damit haben Sie den „Focus“ in die fremdenfeindliche Ecke gerückt. Blödsinn. Wir waren die Ersten, die die Unterscheidung gemacht haben zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und solchen mit einem Anrecht auf politisches Asyl. Heute herrscht darüber von Bodo Ramelow bis Horst Seehofer Einigkeit.

Sie haben sich damit den sogenannten „besorgten Bürgern“ angebiedert, bloß um sich gegen den „Spiegel“ zu positionieren. So ein Quatsch. Beiden Magazinen bekommt es, wenn sie klar unterscheidbar sind. Das ist wie in der Politik. „Focus“ ist das einzige nicht-linke Magazin in Deutschland, und das wollen wir gerne bleiben.

Auch nachdem „Focus Online“ im Mai von Tomorrow Focus unter das Burda-Dach gerückt ist, haben Sie keinen redaktionellen Einfluss auf diese nicht gerade als seriös geltende Klickmaschine, die dem Image des „Focus“-Magazins zusätzlich schadet. Ist das nicht ein unhaltbarer Zustand? „Focus“ und „Focus Online“ aus einer Hand setzt eine gemeinsame Strategie voraus. Dafür sind sie zu unterschiedlich. Das eine ist ein Magazin mit Tiefe und Hintergrund, das andere ein schnelles und erfolgreiches Newsportal.

„Focus“ fehlt damit in Zeiten der Digitalisierung das Online-Portal. Sie müssen Facebook, Twitter und Ihren Newsletter nutzen, um unter der Woche wahrnehmbar zu sein. Und wir setzen auf den Verkauf unseres E-Papers, dessen Zahlen steigen. Ebenso sehe ich mobil viel Potenzial, um unsere Inhalte zu monetarisieren.

Leider hakt es auch bei der Printauflage mit der Monetarisierung. Nur rund die Hälfte der IVW-Auflage ist bezahlt. Der Anzeigenpreis richtet sich nach der Gesamtauflage und Reichweite, und da sieht’s bei „Focus“ nicht schlecht aus.

Die jetzt bekannt gewordenen Maßnahmen sind derart einschneidend, dass Ihnen keiner verübeln könnte, würden Sie das zum Anlass nehmen zu gehen. Doch. Ich würde mir das verübeln.

Gerüchte, Ihr Stuhl wackle, gibt es. Wenn es diese Gerüchte nicht gäbe, würde ich mir Sorgen machen. Everybody`s darling is everybody’s Depp.

Für Wolfram Weimer hatte sich Hubert Burda stark gemacht, für Quoos Welte, für Sie Markwort... …, den ich seit 23 Jahren kenne. Ich war ja im Gründungsteam.

„Focus“ scheint zunehmend für Machtkämpfe der bei Burda macchiavellistisch gestalteten Verlagsführung instrumentalisiert zu werden. Der „Focus“-Betriebsrat sagte HORIZONT, mit Ihnen habe das Magazin „endlich wieder einen Chefredakteur, der das Magazin politisch positioniert, der die Redaktion hinter sich weiß und der vor allem strategisch denkt. (…) Mit mehr Mut und Unterstützung von Verlagsseite wäre da einiges zu machen“. Da machen Sie jetzt aber eine sehr große Nummer draus. Man erkennt, dass ich ein sozialer Mensch bin. Und jetzt organisieren wir bei „Focus“ unsere Arbeit neu, um langfristig am Markt erfolgreich zu sein. Es wäre ein Irrtum zu glauben, alles könne bleiben, wie es ist. Der Redaktion ist das sehr bewusst. usi

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