Bundespräsident Joachim Gauck "Google kann weder Geist noch Gespür eines Reporters ersetzen"

Dienstag, 17. September 2013
Bundespräsident Joachim Gauck beim Zeitungskongress in Dresden
Bundespräsident Joachim Gauck beim Zeitungskongress in Dresden

Mit einem eindringlichen Plädoyer für Qualitätsjournalismus hat Bundespräsident Joachim Gauck den BDZV-Zeitungskongress in Dresden beendet. Dieser sei nicht an eine bestimmte Form gebunden, aber an Inhalte und eine bestimmte journalistische Methode. In dieser Lesart müsse die Rolle der Zeitung für ein tieferes Verständnis und die Weiterentwicklung der Demokratie konstant bleiben. "Ich wage heute den Satz: Die Zeitung hat eine Zukunft", so Gauck. Doch selbst wenn er die "apokalyptischen Debatten um das Zeitungssterben" nicht gutheißen wollte, um Schönfärberei war der Bundespräsident nicht bemüht. "Zeitungsverleger zu sein, ist im Jahr 2013 tatsächlich für einige ein ergebnisoffenes Geschäft", konstatierte er einleitend angesichts des harten Wettbewerbs im Medienmarkt, Anzeigeneinbrüchen, Redaktionsschließungen und letztlich der Herausforderungen durch die Digitalisierung.

Die Risiken für die Branche seien auch deshalb unübersehbar, weil die Transformation am Zeitungsmarkt die Rolle des Journalismus für die Demokratie im Kern in seiner Glaubwürdigkeit berühre. Diese müsse guten Journalismus aber abseits aller Formfragen auch künftig prägen. "Eine gute Zeitung erklärt uns die Zeit", betonte Gauck weiter, "sie wählt Nachrichten nach Kriterien der Relevanz aus, ordnet sie in Zusammenhänge ein, interpretiert und bewertet das Geschehen. Eine gute Zeitung leistet also genau das, was wir angesichts der Informationsflut dringend brauchen: Sie zeichnet große Linien und vermittelt verschiedene Standpunkte."

Selbst wenn das Internet, das Gauck als "Kulturrevolution im Range des Buchdrucks oder der Dampfmaschine" bezeichnete, das Leben der Menschen nachhaltig verändere, dürften die klassischen Medien nicht ihr Informations- und Deutungsmonopol verlieren. Denn die ungefilterte, oft emotional getriebene Massenkommunikation im Netz könne die Zeitung als Quelle nicht ersetzen: "Wir werden weiterhin angewiesen sein auf Kommunikation mit Spielregeln, auf Nachrichten, die mit professionellem Ethos erstellt und im Bewusstsein ihrer Qualität rezipiert werden. Eine funktionierende Demokratie braucht verlässliche Berichterstattung. Sie braucht seriöse Einordnung und sachkundige Interpretation des Geschehens."

So müsse nach und nach auch die Erkenntnis wachsen, dass Google weder Geist noch Gespür eines Reporters vor Ort ersetzen kann. Mit dieser Einsicht müsse jedoch allmählich auch ein Gegentrend greifen, forderte der Bundespräsident und spielte auf aktuell greifende Sparmaßnahmen an: "Langfristig ist eine solide Personalausstattung in den Redaktionen inhaltlich wie ökonomisch sinnvoll." Personelle Auszehrung schlage sich früher oder später auf die Qualität durch. kl
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