Bulo über die deutsche "Charlie Hebdo" "Ich glaube, dass Satire sich irgendwie überholt hat"

Donnerstag, 01. Dezember 2016
Bulo bei der Arbeit
Bulo bei der Arbeit
Foto: Bulo

Seit heute liegt die erste deutsche Ausgabe von "Charlie Hebdo" am Kiosk. Wer könnte eine Satirezeitschrift besser beurteilen als der Karikaturist und Humor-Experte Peter "Bulo" Böhling. Der Macher von "Clap" und "Bock" tut sich mit der deutschen "Charlie Hebdo" schwer - nicht nur, weil er offensichtlich schlechte Erinnerungen an seinen Französisch-Unterricht hat.
Wie gefällt Dir die erste deutsche Ausgabe von "Charlie Hebdo"?
Haptisch überhaupt nicht. Wenn sich ein Zeichner oder Illustrator hinsetzt, um mit Leidenschaft und Witz etwas zu Papier zu bringen, sollte das nicht mit Zeitungspapier, sondern mindestens mit 120g Buchdruck gewürdigt werden. Zumal die schlechte Druckqualität auch das Dechiffrieren der mitunter kryptischen Titelzeilen mancher Texte nicht gerade leichter macht. Für eine Satirezeitschrift muss man ziemlich viel lesen …
Muss man nicht. Man kann das Ding auch weglegen - was ich nach dem dritten zufällig ausgewählten Text dann auch getan habe. Vielleicht bin ich einfach zu blöd, um die komische Relevanz bzw. die relevante Komik im Interview mit dem altgedienten Bürgermeister der schwedischen Stadt Växjö zu begreifen. Sehr gut fand ich hingegen ein paar selbstreferentielle Cartoonisten-Cartoons. Ich befürchte aber: Eine breite (oder auch nur schmale) Masse wird das nicht begeistern.

Funktioniert der sehr eigene Humor von "Charlie Hebdo" auch bei uns?
Ich glaube generell, dass "Satire" sich irgendwie überholt hat. Früher war alles ganz einfach: Die Schwarzen waren die Bösen, und die Roten die guten - parteipolitisch gesehen. Die Welt ist viel komplizierter geworden. Und meist wirkt der Versuch, einen alleinigen Schuldigen auszumachen und -zulachen verkrampft. Leider auch im Fall von "Charlie Hebdo". Einem Phänomen AfD kommt man nicht damit bei, Frauke Petry auf ihr Äußeres zu reduzieren. Das ist Predigen für die Bekehrten. Und Ossi-Witze über Mutti entlocken leider auch nur noch ein müdes Arschrunzeln. Nein, die Wirklichkeit - und damit Realsatire - ist heute viel skurriler als jeder Versuch, sie künstlerisch zu überzeichnen.

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Der Stil der Karikaturen unterscheidet sich deutlich von den in Deutschland populären Karikaturisten wie Rattelschneck oder Bulo.
Daran ist grundsätzlich nichts verkehrt - zumal ich meine blöden Männchen langsam nicht mehr sehen kann. Allerdings versammelt das Blatt meiner Meinung nach zu viele Karikaturisten. Mir fehlt hier die einheitliche Linie, die nötig ist, um den Leser durchs Heft zu führen. Der - so fürchte ich - kommt sich auf den 16 Seiten öfter mal alleingelassen vor. Übrigens: Vier Tacken dafür ist ein satter Preis, den ich aus Solidaritätsgründen mit den Kollegen einmal und gern bezahlt habe. Ein zweites Mal aber vermutlich nicht. Rattelschneck sind übrigens sensationell!

Die Druckauflage liegt in Deutschland bei 200.000 Exemplaren. Gibt es in Deutschland überhaupt so viele frankophile Intellektuelle mit Sinn für Humor?
Nachdem es in Deutschland ja ohnehin viel zu wenige Intellektuelle gibt, die Franzosen spätestens nach der 1. Französisch-Schulaufgabe im Gymnasium zahlreiche Feinde hier haben und Humor nicht wirklich eine deutsche Erfindung ist, wird die Anzahl der frankophilen Intellektuellen mit Sinn für Humor ebenso gegen Null tendieren wie die der merkelophilen Horst-Seehofer-Fans.
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