Brüderle vs. "Stern" Herausgeber Petzold weist Vorwurf des Kampagnenjournalismus zurück

Montag, 07. April 2014
Der "Herrenwitz" im "Stern" vom 24. Januar 2013 (Bild: Stern / Scan HORIZONT)
Der "Herrenwitz" im "Stern" vom 24. Januar 2013 (Bild: Stern / Scan HORIZONT)


Länger als ein Jahr ist es nun her, dass der "Stern"-Artikel "Der Herrenwitz" von Redakteurin Laura Himmelreich den FDP-Politiker Rainer Brüderle zum Symbol für alltäglichen Sexismus machte und die #Aufschrei-Bewegung auf Twitter begründete. Brüderle selbst hatte in der Sache stets beharrlich geschwiegen. Bis jetzt: Zum Erscheinungstermin seines neuen Buches "Jetzt rede ich!" gab der 68-Jährige dem "Handelsblatt" ein Interview - darin erhebt er schwere Vorwürfe gegen den "Stern". Der reagiert prompt. Am Mittwoch wird das Buch erscheinen, das Brüderle gemeinsam mit mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg verfasst hat. Darin ist von einem "Feldzug" die Rede, den die Medien gegen ihn und seine Partei im Januar 2013 gestartet hätten. Wir erinnern uns: Am 24. Januar erschien im gedruckten "Stern" der Artikel mit der Überschrift "Der Herrenwitz". In dem Text, der wenig später auch online veröffentlicht wird, berichtet Redakteurin Laura Himmelreich von einer Begegnung mit Brüderle am Rande des Dreikönigstreffens der FDP 2012 in Stuttgart. Sie schreibt, wie Brüderle sie mit Sätzen bedacht haben soll wie "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" und "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen". Die Veröffentlichung zieht eine landesweite Debatte über Alltags-Sexismus nach sich und ist die Geburtsstunde des Hashtags #Aufschrei, unter dem Menschen auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexuellen Anspielungen dokumentieren.

Für Brüderle kam all das zur Unzeit, war er doch soeben zum Spitzenkandidaten seiner Partei für den Bundestagswahlkampf gewählt worden. Er glaubt daher auch an einen gezielten Angriff: "Der Stern wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke", sagte Brüderle nun dem "Handelsblatt" und kritisiert etwa den Zeitpunkt der "Stern"-Veröffentlichung. Überhaupt sei Medien-Deutschland damals sehr FDP-feindlich aufgetreten: Er habe während des Bundestagswahlkampfes den Eindruck gehabt, "die Medien wollten erst Ruhe geben, wenn die FDP und ihr Spitzenkdandidat erledigt sind."

Entschuldigen will er sich auch heute nicht: "Was ich gesagt habe, war nicht böse gemeint. Es standen viele Journalisten um uns herum, und keiner hat sich darüber aufgeregt, auch die Dame nicht", so Brüderle. Sein Schweigen in der Sexismus-Debatte verteidigt er mit folgenden Worten: "Ich bin heute noch überzeugt, dass ich die politische Debatte anders nicht überstanden hätte. Da kommen Sie mit der Wahrheit nicht weiter, wenn Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer im Kampfmodus sind".

"Stern"-Herausgeber Andreas Petzold antwortet Rainer Brüderle (Bild: G+J)
"Stern"-Herausgeber Andreas Petzold antwortet Rainer Brüderle (Bild: G+J)
Die Reaktion des "Stern" ließ nicht lange auf sich warten: Herausgeber Andreas Petzold, seinerzeit Chefredakteur der Illustrierten, greift Brüderles Anschuldigungen in einem Online-Artikel auf. Dabei attestiert er dem Ex-Politiker ein "abgehangenes Frauenbild" und wirft ihm vor, sich als "Bauernopfer" inszenieren zu wollen. Außerdem weist Petzold entschieden den Vorwurf der Stimmungsmache zurück: "Der Verlag mischt sich nicht ein. Und der Stern initiiert schon gar keine politischen Kampagnen. Das ist nicht unser Job. Wie hätte das laufen sollen?" So etwas gebe es nur "in schlechten Kinofilmen". Man hätte sich auch dann für eine Veröffentlichung entschieden, wenn Brüderle Mitglied in einer anderen Partei gewesen wäre.

Von Himmelreich selbst gibt es aktuell keinen neuen Beitrag zu der Debatte. Allerdings: Ihr persönlicher Rückblick auf die #Aufschrei-Debatte, den sie im Jahresrückblick des "Stern" veröffentlicht hatte, beinhaltet jetzt auch die Äußerungen Brüderles aus dem "Handelsblatt". Andere wiederum reden - wie etwa Anne Wizorek, die im vergangenen Jahr zu den #Aufschrei-Initiatoren gehörte (siehe Tweet). Bei denjenigen, die ihn vor einem Jahr bereits kritisierten, bringt Brüderle seine jetzige Wortmeldung augenscheinlich keinen Kredit ein. Es könnte mit seiner lamoryanten Art zusammenhängen. ire

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