Brexit "Spiegel" stoppt Druckmaschine und tauscht Titelgeschichte aus

Freitag, 24. Juni 2016
Der geänderte "Spiegel"-Titel
Der geänderte "Spiegel"-Titel
Foto: Spiegel Verlag

Der „Spiegel“ spielt Tageszeitung: Um wie „SZ“, „FAZ“ und Co am Samstag mit einer opulenten Brexit-Titelgeschichte am Kiosk punkten zu können beziehungsweise um nicht ohne eine solche Story abzufallen, hat der „Spiegel“ an diesem Freitag kaum Kosten und Mühen gescheut.

In aller Frühe wurden die Druckmaschinen angehalten. Bis dahin waren rund 350.000 Hefte für die Auslands- und Teile der Aboauflage produziert worden. Doch als das Brexit-Votum feststand, tauschte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, der wie rund 50 weitere Print-, Online- und Verlagskollegen eine Nachtschicht einlegte, über ein Dutzend Seiten aus.

Cover („Europa ist tot – Es lebe Europa?“), eine 10-seitige Titelgeschichte samt Essay, Hausmitteilung, Inhaltsverzeichnis: Dieses Volumen hat die „Spiegel“-Redaktion nachgeschoben, ähnlich wie bei der Planung zuvor durchgespielt. Inhaltlich waren die Austauschbeiträge so gut es ging (zur Erinnerung: die letzten Prognosen sahen einen Sieg der EU-Befürworter) vorbereitet, wurden dann laufend aktualisiert und nachgeschärft.
Der geänderte "Spiegel"-Titel
Der geänderte "Spiegel"-Titel (Bild: Spiegel Verlag)
Die ursprüngliche Titelgeschichte der Vorab-Ausgabe zum möglichen Gesellschaftstrend des Narzissmus wanderte als normale Story nach hinten ins Heft, andere Stücke verschwanden aus dem Blatt, um die Seitenzahl konstant zu halten. Und um 6:35 Uhr drückte Brinkbäumer dann nochmal auf den Knopf – und weiter ging’s mit dem Druck und rund 580.000 aktualisierten Heften, vor allem für den Einzelverkauf ab Samstag (im E-Paper bereits ab Freitagabend zu lesen).
Mit diesem Titel wäre der "Spiegel" unter normalen Umständen erschienen
Mit diesem Titel wäre der "Spiegel" unter normalen Umständen erschienen (Bild: Spiegel Gruppe)
Neben dem personellen Aufwand beziffert der Verlag die Druck-, Logistik-, Vertriebs- und Marketing-Zusatzkosten mit einer fünfstelligen Höhe. Ein Aufwand, der sich sicher nicht direkt durch Mehrverkäufe rentiert. Daher ist wohl eher die Gegenfrage sinnvoll: Wie massiv hätten Renommee und Einzelverkäufe gelitten, wenn das Nachrichtenmagazin in seiner neuen Ausgabe an diesem Wochenende ohne aktuelle Brexit-Geschichten erschienen wäre? rp

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