Brexit-Pressestimmen "Die Briten sind irre"

Freitag, 24. Juni 2016
So kommentiert Stern.de die Brexit-Abstimmung
So kommentiert Stern.de die Brexit-Abstimmung
Foto: Screenshot Stern.de

Die Briten haben abgestimmt: Die Mehrheit, nämlich 51,9 Prozent, will die Europäische Union verlassen. Der britische Premiere David Cameron hat bereits die Konsequenzen gezogen und seinen Rücktritt angekündigt. Was sagen die Medien über den Brexit? HORIZONT Online präsentiert ausgewählte Kommentare deutscher sowie britischer Titel.

Süddeutsche.de, Stefan Kornelius

"Auf der imaginären Bedeutungsskala wichtiger Nationen dieser Erde hat sich Großbritannien gerade weit nach hinten katapultiert. Seltsam: Diesem Land, dem seine eigene Größe und historische Relevanz nie fremd war, scheint jeder Instinkt abhandengekommen zu sein. Ausgelöst von einem simplen, innerparteilichen Machtkampf, angereichert durch schlecht begründete Ängste, angefeuert von Lügen und populistischen Ressentiments hat sich Großbritannien verabschiedet aus dem Konzert der Mächte und einem Experiment ausgeliefert: Wie schrumpfe ich mich in die Bedeutungslosigkeit, wie ruiniere ich meine Volkswirtschaft, wie mache ich mich zum Gespött der Welt?"
  • 39766.jpeg
  • 39749.jpeg
  • 39760.jpeg
  • 39748.jpeg
  • 39750.jpeg
  • 39751.jpeg
  • 39752.jpeg
  • 39753.jpeg
  • 39754.jpeg
  • 39755.jpeg
  • 39756.jpeg
  • 39757.jpeg
  • 39759.jpeg
  • 39761.jpeg
  • 39762.jpeg
  • 39764.jpeg
  • 39765.jpeg
  • 39767.jpeg
  • 39768.jpeg
  • 39769.jpeg
  • 39770.jpeg
  • 39772.jpeg
  • 39773.jpeg

Spiegel Online, Florian Harms (Videokommentar)

"Dieser Freitag ist ein schwarzer Tag für Europa. Die Briten haben sich und ganz Europa damit großen Schaden zugefügt. (...) Wenn die EU- Staats- und Regierungschef in Brüssel zusammensitzen, dann geht es längst um viel mehr als um kleinliche Fragen der Wirtschaft. Dann wird Weltpolitik gemacht. (...) Und bei all diesen Treffen wollen die Briten nicht mehr dabei sein, sie reden nicht mehr mit. Sie gehen raus aus den europäischen Foren. Und das ist ein Drama."

Economist
Bild: Economist

Mehr zum Thema

#Brexit Reaktionen "Das war's dann wohl mit GREAT Britain"

Wiwo.de, Miriam Meckel

"Die Brexit-Entscheidung ist eine große Enttäuschung für alle Europäer, die von den wirtschaftlichen Vorteilen des Binnenmarkts überzeugt sind. Auch für die Minderheit der Briten, die ahnt, wie sich ihr Land verändern wird, wenn die Verbindungen zu Europa gelockert werden. (...) Traurig ist, dass sie auch alle diejenigen enttäuschen wird, die für den Austritt gestimmt haben, weil sie sich vom wirtschaftlichen Aufschwung abgekoppelt und von der Politik in London und Brüssel allein gelassen fühlen. (...) Es wäre die Aufgabe von Premierminister David Cameron und der politischen Führungsriege in London gewesen, diese Sorgen und Nöte zu adressieren. Stattdessen hat Cameron in schlichtem Geist 2013 das Referendum angesetzt, um politisch seinen Allerwertesten zu retten. Der geht seit heute Nacht vermutlich auf Grundeis. Mitleid muss man da nicht haben."

Bild.de, Nikolaus Blome

"Die Briten sind irre. Sie haben mit Mehrheit beschlossen, die Europäische Union zu verlassen und sich damit allesamt selbst in den Kopf zu schießen. Soll man vor Verblüffung lachen? Oder weinen, weil kein Land in Europa ohne Schaden bleiben wird? Leider letzteres. (...) Nach dem Brexit ist vor dem nächsten Sieg der Populisten und in einem anderen Land. Seien es die von links, wie in Spanien. Oder die von rechts, wie Frankreich, Österreich und den Niederlanden. Fast kein Land in Europa kann sich vor dem eigenen "Brexit"-Moment sicher fühlen. Es ist Zeit, mit dem Lügen aufzuhören. Der Brexit reißt den Schleier weg. (...) Der EU ging es auch schon vor dem Votum der Briten schlecht. Jetzt ist sie tödlich bedroht!"

Faz.net, Patrick Bernau

"In der Europäischen Union wird zum ersten Mal praktisch deutlich, dass auch der Prozess der immer tieferen Einigung umkehrbar ist. Vielleicht macht die Union den Abtrennungsprozess für Großbritannien so schmerzhaft, dass kein weiteres Land diesen Weg gehen will. Möglich ist aber auch, dass sich andere Länder anschließen, Dänemark beispielsweise, die Niederlande oder die Slowakei."

Handelsblatt.com, Gabor Steingart

"Großbritannien ist die Sollbruchstelle, der nun der große Riss folgt, wenn nichts anderes folgt. Europa muss sich auf seine Erneuerung einlassen. Wer das großartige Projekt von Völkerverständigung und wirtschaftlicher Zusammenarbeit nicht auf dem Scheiterhaufen der Geschichte sehen will, muss heute Morgen innehalten - und in das Gesicht der britischen Wähler schauen. Er wird sich selbst erkennen. Das Unbehagen über die EU hat sich längst europäisiert. Der kranke Mann Europas ist Europa selbst. Röter wird's nicht."

Welt.de, Torsten Krauel

"Der europäische Zug kommt kommt mit kreischenden Bremsen an eine Langsamfahrstelle. Seit 1989 ist die europäische Integration in einem Tempo vorangekommen, das nun die aus der Geschichte mitgespeisten politischen Befindlichkeiten vieler Mitglieder überfordert. Vorhaben wie die Visafreiheit für Georgien oder der EU-Beitritt der Türkei werden jetzt mit Vorsicht behandelt werden. Die Mitschuldfrage am Referendumsausgang ist für das Bundeskanzleramt eine akademische Größe. Angela Merkel sagt seit Jahren, Europa müsse (...) zusammenstehen, oder die EU-Staaten würden einzeln untergehen. Es wäre ein Projekt nach ihrem Geschmack, so wie sie 1995 als Umweltministerin in letzter Minute die scheiternde Uno-Klimakonferenz rettete und 2007 den EU-Reformvertrag von Lissabon. Würde das in einem beispiellosen Kraftakt gelingen, könnte die EU mit London vielleicht doch noch zu einer Übereinkunft zu kommen, so wie früher mit Dänemark und Frankreich nach deren EU-Referenden."

Stern.de, Michael Streck

"Die Konsequenzen, wenn auch in Gänze noch nicht absehbar, sind ein Desaster. Sie sind ein Desaster für das Vereinte Königreich, ein Desaster für den Premierminister David Cameron, der wohl bald nicht mehr Premierminister sein wird. Und sie sind ein Desaster für Europa und die Welt. Das Signal, das rund 17 Millionen britische Bürger senden, ist verheerend. (...) Das ist der größte Vorwurf, den man David Cameron machen muss. Er hat dieses Misstrauen brutal und fahrlässig unterschätzt. Und löst damit eine Krise aus, deren Schockwellen nicht nur sein Land, sondern ganz Europa verändern werden. Cameron zockte. Und verlor."

Martin Sorrell
Bild: WPP

Mehr zum Thema

WPP-Chef Martin Sorrell zum Brexit "Sehr enttäuscht"

Und so kommentieren die britischen Medien:

Thetimes.co.uk

"There are immediate costs to the Brexit vote; and in the long term Britain will be poorer and more unequal than it might have been. The pound fell by more than 10 per cent against the dollar overnight to a three-decade low. Gold spiked upwards, as a refuge from uncertainty. Equity prices will fall sharply when the market opens because investors didn’t anticipate this outcome. These are not froth on an otherwise sound economy. They reflect a change in the market’s assessment of risk. With some shocks, markets regain equilibrium quickly. This vote will have far-reaching effects on financial markets and the real economy."

Thesun.co.uk

"For the first time in 43 years our nation will stand on its own feet, free from the European Union. What David Cameron experienced yesterday was an explosion of anger from millions of working class people who cannot now be ignored."

Independent.co.uk

"In allowing his country to leave the EU, David Cameron has brought his career to a shuddering halt. David Cameron now knows that his political epitaph will be as 'the man who took us out of the EU'. Nothing else he has done matters. It was he who took the reckless gamble that changed the course of Britain’s history. It was an accidental Brexit."

Telegraph.co.uk

"David Cameron used to talk about One Nation. The EU referendum shows Britain is not one nation but several: nations that don't understand each other and perhaps don't even want to try. Old versus young. London versus the rest. Scotland versus England. The elites versus the working classes. They might as well live on different planets. (...) The only way to decide how we move forwards is with the tried and tested method of the institution at the heart of the Brexit campaign: our parliamentary democracy. We must have a General Election; we must see our leaders come forwards with their best effort at a thoughtful plan for the future; we must see new leaders emerge. The country has voted to revitalise our democracy. But it hasn't answered an existential question: will democracy ultimately unite us or divide us?"

Meist gelesen
stats