"Blome ist nur ein Symbol" Gastkommentar von Wolfgang Blau zum "Spiegel"

Montag, 02. September 2013
Wolfgang Blau ist Digitalchef beim "Guardian" in London
Wolfgang Blau ist Digitalchef beim "Guardian" in London


In die Diskussionen um die umstrittene Berufung von "Bild"-Mann Nikolaus Blome in die Chefredaktion des "Spiegel" hat sich ein prominenter Medienmacher eingeschaltet: Via Twitter warf Wolfgang Blau, einst Chefredakteur von Zeit Online und aktuell oberster Digitalstratege beim britischen "Guardian", der Printredaktion des "Spiegel" Verstockheit vor. Was genau er damit meint, beschreibt Blau nun ausführlich in einem Gastkommentar für HORIZONT.NET.


"Überraschung: Verstockte deutsche Printredaktion wehrt sich gegen neuen Chef, weil er sie mit dem Netz-Zeitalter konfrontieren könnte", twitterte Blau am 29. August und bestätigte auf Nachfrage eines Followers, dass dies seine Interpretation der Causa Büchner/Blome sei. Nach dieser Lesart ginge es in dem Streit um die Berufung des ehemaligen "Bild"-Vizes nur am Rande um die Abneigung der "Spiegel"-Leute gegen den Springer-Mann. In der Tat werde die Bedeutung Blomes für den "Spiegel"-Zoff überbewertet, schreibt Blau. Das Hauptmotiv für Rebellion liege woanders.

"Die Bedeutung Blomes im öffentlich ausgetragenen Spiegel-Konflikt der letzten Tage wird überbewertet. Es liegt aber weder im Interesse der revoltierenden Spiegel-Redakteure noch der berichterstattenden Zeitungen, Blomes Bedeutung zu relativieren. Zunächst zum Spiegel: Ich bin gewiss kein Bewunderer Blomes und weiß nicht, was die Motive Wolfgang Büchners waren, ihn zu berufen. Auch die Art der Berufung war offensichtlich nicht fehlerfrei. Als Außenstehender kann ich mir aber nicht vorstellen, dass die agierenden Spiegel-Redakteure so wenig Selbstvertrauen haben könnten, wirklich zu glauben, jemand wie Blome könne den Kurs des Spiegel nachhaltig verändern.

Würde man Blomes Texte und TV-Auftritte nie gesehen haben und sich nur anhand der jüngsten Berichte über den Spiegel-Konflikt ein Bild von ihm machen, man müsste glauben, er sei ein intellektueller Riese, an dessen böser Brillanz die zarte Spiegel-Seele zerschellt. An Blome? Kaum.

Starke Redaktionskulturen sind wie Boas, sie würgen ihre Gegner langsam, mit Geduld und in aller Regel mit Erfolg, so auch Blome. Im besten Fall jedoch könnte er dem Spiegel ungewollt helfen, seiner gelegentlich selbstgerechten Bräsigkeit gewahr zu werden und seine politischen Positionen endlich wieder zu schärfen. Denn argumentative Schwächen in provozierender Weise bloßlegen, das kann Blome.

Wenn auch in Deutschland eher unüblich, ist es in vielen Ländern ohnehin gängige Praxis, dass große Zeitungen gezielt polarisierende Meinungsführer des gegnerischen Lagers als hochbezahlte Kolumnisten anstellen, bei der New York Times etwa in Positionen, in denen sie nicht einmal an Weisungen der Chefredakteurin gebunden sind. Blome ist jedoch nur Symbol. Ein sehr willkommenes, weil er dem Widerstand gegen einen starken neuen Chefredakteur den Anschein allein moralischer Beweggründe gibt, während in Wahrheit die ganz menschliche und verständliche Angst vor tiefer, struktureller Veränderung und persönlichem Machtverlust das Hauptmotiv zu sein scheint.

Auch wenn die Spiegel-Redaktion wie so viele andere Redaktionen den Mythos pflegt, kein Außenseiter könne sie in ihrer ganzen Komplexität jemals verstehen, ist diese Art des redaktionellen Widerstands gegen unausweichlichen Wandel und die fehlende Ehrlichkeit über die Motive der Obstruktion nur die fast schon langweilig normal gewordene Begleiterscheinung der Medienkrise.

Etwas perfider ist die Berichterstattung etlicher Konkurrenten des Spiegel. Natürlich sind die Vorgänge beim einflussreichsten deutschen Print- und Onlinemedium Berichte und Kommentare wert. Erstaunlich ist aber doch, mit welcher als Betroffenheit getarnten Lust die Spiegel-Konkurrenz auch noch die banalsten Heckenschützen anonym zu Wort kommen lässt. Ah, ein Redakteur, der nicht namentlich genannt werden will, hat den neuen Chefredakteur sogar als "Windbeutel" bezeichnet! Wie überraschend. Wie relevant.

Sonst übliche Standesregeln für die Verwendung anonymer Zitate scheinen im Medienjournalismus ohnehin nicht zu gelten. Einen Streit auszuweiden, der gleich beide Marktführer in einem Aufwasch beschädigt, Spiegel und Bild, ist auch zu opportun, um ihn nicht mit der Sorge vortäuschenden Frage "Was wird aus Europas größtem Nachrichtenmagazin?" auf die Titelseite der Süddeutschen Zeitung zu heben. Selten hat es auch so wenig Mut gekostet wie in diesen Tagen, die Bild als eine Art journalistische Beulenpest zu karikieren, denn schließlich geht es ja nur um den Spiegel und dessen heiligen Markenkern, von dem man in den letzten Jahren aber seltsam wenig hörte.

Was meines Wissens kein Konkurrent des Spiegel bisher offengelegt hat: Schon jetzt, mit all seinen ungelösten Problemen, ist der Spiegel die einzige deutsche Medienmarke, die man im Ausland nicht erst erklären muss. Sollte es nun Wolfgang Büchner in den nächsten Jahren gelingen, den Spiegel wieder kantiger zu machen, sein investigatives Profil zu stärken, sein völlig aus den Fugen geratenes Redigat zu erneuern und Spiegel Online seriöser und innovativer zu positionieren, wäre dies eine substanzielle Bedrohung für alle seine Konkurrenten mit ähnlichen Leserschaften.

Zur Person:

Wolfgang Blau, 45, ist seit April 2013 Director of Digital Strategy bei der britischen Tageszeitung "The Guardian" und Mitglied der Geschäftsführung bei dem Verlag Guardian News and Media, in dem die Zeitung erscheint.

Zuvor war Blau Chefredakteur von "Zeit Online". Unter seiner Ägide konnten die Visits bei zeit.de fast vervierfacht werden, zudem heimste das Portal einen Grimme-Online-Award ein. Von 1999 bis 2008 arbeitete der gebürtige Stuttgarter als freier Journalist in San Francisco und Washington D.C, unter anderem für das ZDF, den ORF, "Die Welt" und die Deutsche Welle.

Insbesondere die überregionalen Tageszeitungen wissen sehr wohl, dass ihnen mittelfristig eine Zukunft als Wochenzeitung und damit die direkte Konkurrenz mit dem Spiegel bevorsteht. Und sollte es Spiegel und Spiegel Online auch noch gelingen, ihre jeweilige redaktionelle Expertise stärker füreinander zu öffnen und sich dabei wirklich gleichberechtigt zu begegnen, würde Büchner fast alle deutschen Print-Chefredakteure unter peinlichen Zugzwang setzen. Sie können dem Marktführer Spiegel und seinem neuen Chefredakteur keinen Erfolg wünschen und sind deshalb nur scheinbare Verbündete von dessen verunsicherter Redaktion."
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