Blome and more Zoff beim "Spiegel" / Mitarbeiter erwirken Gesellschafterversammlung

Freitag, 23. August 2013
Beim Spiegel geht es derzeit drunter und drüber
Beim Spiegel geht es derzeit drunter und drüber

Aufruhr beim "Spiegel": Vor gut zwei Wochen hat HORIZONT (Ausgabe 32/2013) der Spiegel-Gruppe einen heißen Herbst prognostiziert und die Gründe und Hintergründe dafür benannt. Das war wohl eine Falschinformation - denn es geht schon jetzt los, im Sommer. Nach Informationen von HORIZONT.NET haben die Mitarbeiter, die auch Miteigentümer des Verlags sind, eine außerordentliche Versammlung der Stillen Gesellschafter erwirkt. Anlass ist die Berufung des bisherigen "Bild"-Vize Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur ab Dezember. Doch geht es wohl weniger um dessen Person - sondern um grundsätzlichere Dinge beim "Spiegel".
Mit Nikolaus Blome können sich nicht alle "Spiegel"-Mitarbeiter anfreunden
Mit Nikolaus Blome können sich nicht alle "Spiegel"-Mitarbeiter anfreunden
Die aktuelle Lage nach Informationen von HORIZONT.NET: Eine Unterschriftenliste, die eine außerordentliche Versammlung der rund 760 Stillen Gesellschafter des "Spiegel" (Print-Redakteure, Dokumentare, Verlagsangestellte) forderte, hat die notwendigen 100 Petenten locker zusammenbekommen. Daher muss das Führungsquintett der Mitarbeiter KG, die über die Hälfte (50,5 Prozent) am Spiegel-Verlag hält, innerhalb bestimmter Fristen zur Versammlung laden; Verlagsinsider rechnen mit einem Termin in spätestens zwei bis drei Wochen. Am kommenden Mittwoch wird es schon mal eine "Informationsveranstaltung" geben.

Und dann? Dann wird es wohl eine heftige Aussprache, vielleicht gar eine Abrechnung geben - doch mit wem?

Regiert mit harter Hand: Ove Saffe (Foto: Olaf Ballnus)
Regiert mit harter Hand: Ove Saffe (Foto: Olaf Ballnus)
Mit Geschäftsführer Ove Saffe? Er war zuletzt durch zwei brachiale Personalentscheidungen aufgefallen: Im April feuerte er die Doppelspitze Georg Mascolo (Print) und Mathias Müller von Blumencron (Digital) - und hatte recht schnell Gesamtnachfolger Wolfgang Büchner zur Hand. Und vor drei Wochen erlitt "Manager Magazin"-Chef Arno Balzer dasselbe Schicksal; einen Tag später wurde Steffen Klusmann als Nachfolger angekündigt. Bei so viel Durchgriff wird manchem Mitarbeiter angst und bange. Und mancher sucht nach Fehlern Saffes. Er habe es versäumt, dass Müller von Blumencron - ab Oktober bei der "FAZ" - im Aufhebungsvertrag eine (für den "Spiegel" teure) Konkurrenzausschlussklausel aufgebrummt bekommt. Er habe dabei die Mitarbeiter KG nicht ausreichend eingebunden. Es gebe ein "Zerwürfnis" mit Saffe, dessen Vertrag gerade erst um weitere fünf Jahre verlängert wurde. Alles Quatsch, alles bestens, sagten hier allerdings Leute, die dies wissen müssten und entscheiden könnten.

Aber jetzt die Sache mit Nikolaus Blome: Angeblich hat Saffe die Mitarbeiter KG zwar über den Neuzugang informiert - zumindest teilweise aber nicht über den exakten Aufgabenbereich. Blome soll nämlich nicht nur Chef des Hauptstadtbüros werden, sondern dies auch für Print und Online zusammen - und das alles im Range eines stellvertretenden Chefredakteurs. In der Satzung des "Spiegel" aus den 70er Jahren ist zwar nicht vorgeschrieben, dass der Geschäftsführer nicht nur bei der Bestellung des Chefredakteurs, sondern auch bei dessen Vizes die Zustimmung der Gesellschafter (neben der Mitarbeiter KG noch vetoberechtigt Gruner + Jahr mit 25,5 Prozent; die Augstein-Erben mit 24 Prozent haben formal nichts mehr zu sagen) einholen muss. Doch soll es eine Protokollnotiz aus den 90er Jahren über eine informelle Absprache geben, wonach die Mitarbeiter KG auch bei stellvertretenden Chefredakteuren konsultiert werden müsse. Auch wenn der juristische Wert dieser angeblichen Notiz unklar ist: In diesem Fall hätte Saffe seinen Hauptgesellschaftern zumindest vor den Kopf gestoßen.

Oder wird es auf der Versammlung eine Aussprache in Richtung Wolfgang Büchner geben? Der designierte Chefredakteur, der am 1. September antritt, hatte vorab schon durchblicken lassen, was er vorhat: Das Blatt soll durch mehr Exklusivnachrichten relevanter werden. Wichtiger als weiche Nutzwert-Titel und hübsche Essays sind ihm harte Informationen und Recherche - die Zeit der reinen Schönschreiber sei vorbei. Zugleich muss er das Thema Paid Content anpacken sowie Heft-, Online- und TV-Redaktionen zu mehr Kooperation bewegen, sie gar in Teilen zusammenführen. Man könnte auch sagen: Er muss Fürstentümer zerschlagen. Hier hat er sich schon vor seinem Antritt viele Feinde gemacht.

Und jetzt holt er auch noch - vor seinem eigenen Antritt! - den Blome von "Bild"! Einen von außen! Vom Blatt der "Brandstifter" (so eine ätzende "Spiegel"-Titelstory über "Bild" aus 2011)! Einen Konservativen zum - zumindest vom Selbstverständnis her (früheren) - links-liberalen "Sturmgeschütz der Demokratie"! Und selbst Redakteure, für die diese alten ideologischen Gräben längst passé sind und die Blome keineswegs ablehnen, mokieren sich über das Vorgehen und den Stil der Personalverkündung: Die bisherigen Vizes Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry, die die Redaktion seit April kommissarisch führen, tauchten in den offiziellen Verlautbarungen zunächst gar nicht auf.

Thomas Hass führt seit März 2013 die Mitarbeiter KG
Thomas Hass führt seit März 2013 die Mitarbeiter KG
Oder wird es auf der Versammlung der Stillen Gesellschafter eine Aussprache mit der Spitze der Mitarbeiter KG geben? Deshalb, weil sie Saffe und/oder Büchner gewähren ließ oder lässt - ob nun von Saffe informiert oder nicht? Oder wird es gar eine vorzeitige Neuwahl der 5-köpfigen ehrenamtlichen KG-Geschäftsführung geben? Erst in diesem März wurde das Quintett neu bestellt - eigentlich für drei Jahre.

Oder wird die KG-Geschäftsführung versuchen, einer Aussprache oder ihrer möglichen Abwahl auszuweichen, indem sie vorher eine Entscheidung trifft? Wenn man manche Mitarbeiter (die eben nicht nur Mitarbeiter sind, sondern auch Miteigentümer) fragt, sollte diese Entscheidung lauten: Saffe muss weg, oder Büchner muss weg - oder am besten beide. Andere sagen dagegen: "Wenn das passiert, dann fliegt uns der ganze Laden in die Luft."

Hierbei muss man allerdings bedenken, dass Verlag und Redaktion je zwei Vertreter in das Führungsquintett wählen, die Dokumentation einen. Und dass sich einzelne KG-Chefs vielleicht eher als Anwälte ihrer Belegschaftsteilgruppe verstehen denn als strategische Gesellschafter. Da die beschriebene Kritik an Saffe und Büchner eher in der Redaktion (genauer: in Teilen der Redaktion) brodelt und zu den besagten Protestunterschriften führte, ist es alles andere als klar, ob es in der KG-Spitze eine Mehrheit (was einer Spaltung gleichkäme) oder gar ein eindeutiges Votum gibt - für welche Entscheidung auch immer. Und dieser müsste auch noch G+J zustimmen. Vorsitzender der KG-Spitze ist Thomas Hass, im Hauptjob Vertriebschef des "Spiegel". Also ein Vertreter der Verlagsseite.

Für offizielle Nachfragen waren am Donnerstagnachmittag und -abend weder die Verlagspressestelle noch die Mitarbeiter KG zu erreichen.

Der aktuelle Hintergrund der neuerlichen Machtkämpfe, die den "Spiegel" alle paar Jahre nicht zuletzt aufgrund der Eigentümerstruktur (Belegschaft als Hauptgesellschafter) ereilen: Angesichts sinkender Umsätze und Gewinne steht das Haus, das hatte Saffe bereits Ende 2012 angesagt, vor Sparrunden und Veränderungen. Und wie immer bei Veränderungen wird es hier Verlierer geben. So brechen die Gräben auf, die in den fetten Jahren mit viel Geld - Gehälter, Gewinnausschüttungen und beste Arbeitsbedingungen - zugeschüttet wurden: Zwischen Print- und Online-Kollegen, wobei nur Erstere am Verlag beteiligt sind, Letztere aber wegen steigender Reichweiten und Werbeumsätze immer selbstbewusster werden. Zwischen Verlagsleuten und Journalisten. Innerhalb der Redaktion zwischen den Investigativen und den Schönschreibern, zwischen Redakteuren und Autoren. Zwischen Älteren mit ihren Privilegien und Jüngeren. Zwischen den gegenläufigen Interessen vieler Einzelner, die als Mitarbeiter ihren Arbeitskomfort wahren möchten - als Stille Gesellschafter aber auch eine hohe Ausschüttung. rp

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