"Bitte lassen Sie unsere Familie in Ruhe" So reagieren deutsche Medien auf Corinna Schumachers Appell

Mittwoch, 08. Januar 2014
Focus Online berichtet per Live-Ticker über Entwicklungen im Fall Schumacher
Focus Online berichtet per Live-Ticker über Entwicklungen im Fall Schumacher


Der Fall Michael Schumacher ist längst in doppelter Hinsicht ein Medienthema geworden: Nicht nur, dass der tragische Skiunfall des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters zu einem wahren Overkill an medialer Berichterstattung geführt hat. Die Medien müssen auch sich und ihre Arbeit hinterfragen. Das gilt besonders, seit Schumachers Frau Corinna einen Appell an die vor Ort präsenten Journalisten absetzte und darum bat, das Krankenhaus zu verlassen und die Familie nicht zu belästigen. Wie interpretieren die deutschen Medien diesen Aufruf - und ziehen sie eventuell Konsequenzen für ihre Berichterstattung?

In vielen deutschen Medien konnte man gestern paradoxe Szenen beobachten: Praktisch alle großen Nachrichtenseiten berichteten über den Appell von Corinna Schumacher an die Medien, in dem sie um mehr Ruhe für die Ärzte, die ihren Mann behandeln, sowie die Familie des ehemaligen Rennfahrers bat. "Es ist mir wichtig, dass Sie die Ärzte und das Krankenhaus entlasten, damit diese in Ruhe arbeiten können - vertrauen Sie bitte deren Statements und verlassen Sie die Klinik", teilte Frau Schumacher in einer Erklärung mit. Und: "Bitte lassen Sie auch unsere Familie in Ruhe." Der Deutsche Journalisten Verband unterstützte den Appell in einer Presseerklärung. Doch einige Medien, wie etwa Heute.de oder bei Spiegel Online, bebilderten ihre Artikel ausgerechnet mit Fotos der Familie Schumacher vor dem Krankenhaus in Grenoble.

Eine etwas unglückliche Wahl, wie Stefan Niggemeier findet: "Natürlich kann man die Berichterstattung und ihre Grenzen nicht komplett von den Befindlichkeiten der Betroffenen abhängig machen. Womöglich kann man diskutieren, ob es ein berechtigtes öffentliches Interesse daran gibt, die Gesichter der im Krankenhaus ankommenden Familienangehörigen zu dokumentieren", schreibt Niggemeier hierzu in einem Blogbeitrag. Der Medienjournalist störte sich insbesondere an der Fotostrecke auf "Spiegel Online" und fragt daher: "Aber müsste man als Medium, bei dem jeder außer einem selbst merkt, dass man kein Unbeteiligter ist, diese Diskussion dann nicht auch führen? Und mindestens erklären, warum man der Meinung ist, dass Frau Schumachers Bitte leider nicht erfüllt werden kann? Oder warum man selbst und die eigene Berichterstattung mit der Bitte nicht gemeint sein kann, weil man sich keiner unzulässigen Belästigung bewusst ist?"

Das ZDF hatte noch am Tag, da Corinna Schumachers Erklärung verbreitet worden war, die Situation vor Ort beschrieben - ohne dabei allerdings die eigene Rolle zu thematisieren. Die Sendeanstalt ist in Person von Korrespondentin Natalie Steger vor Ort in Grenoble. "Die Erklärung von Corinna Schumacher kommt recht spät und zu einem Zeitpunkt, da kaum noch Journalisten vor Ort sind", berichtete sie am Dienstag auf Heute.de. Die meisten Medienvertreter seien zu jenem Zeitpunkt schon unterwegs nach Albertville gewesen, wo die Staastanwaltschaft heute über ihre Erkenntnisse zum Hergang von Michael Schumachers Unfall berichtete. Steger zufolge sei auch niemand bedrängt worden, Eklats habe es ihres Wissens keine gegeben - bis auf jenen, als ein Reporter als Priester verkleidet Zugang zu Michael Schumacher gesucht haben soll. Zwar gibt die ZDF-Korrespondentin zu Protokoll, dass Schumachers Managerin Sabine Kehm bei ihrem Statement vergangenen Mittwoch "von Dutzenden Kamerateams aus aller Welt umringt worden" sei. Das habe aber nicht direkt vor der Notaufnahme stattgefunden und den Klinikbetrieb daher nicht behindert.

Kai Gniffke ist Chefredakteur von ARD Aktuell (Bild: ARD)
Kai Gniffke ist Chefredakteur von ARD Aktuell (Bild: ARD)
Zu den fleißigsten deutschen Berichterstattern im Fall Schumacher gehört Focus Online, das per Liveticker über aktuelle Entwicklungen in Frankreich berichtet. Die Redaktion bestätigt auf Anfrage, dass man sich dem Wunsch der Schumachers beugen werde: "Wir haben mit verschiedenen Informanten vor Ort sehr gut zusammengearbeitet, stehen in Kontakt mit dem Schumacher-Management für aktuelle Infos und akzeptieren den Wunsch von Corinna Schumacher selbstverständlich. Wir wünschen Michael Schumacher und seiner Familie alles erdenklich Gute."

"Selbstverständlich respektieren wir den Wunsch von Corinna Schumacher", erklärt auch "Bild"-Sportchef Walter M. Straten. Gleichwohl will das Vor-Ort-Team der Zeitung, das nach Angaben von Axel Springer derzeit aus einem Text-Reporter und einem Fotografen besteht, selbst entscheiden, "ob und wann sie die für alle zugängliche Lobby der Klinik betreten", wie eine Unternehmenssprecherin erläutert. "Unabhängig davon", so Straten weiter, "sehen wir auch weiterhin unsere Verpflichtung, gewissenhaft über den Fall Schumacher zu berichten, so wie bisher auch. Was den Gesundheitszustand von Michael Schumacher anbetrifft, beteiligen wir uns nicht an Spekulationen, sondern all unsere Informationen sind fundiert und gegenrecherchiert." Die "Bild" tickert ebenfalls eifrig und berichtete dabei auch stets über das Kommen und Gehen von Schumachers Angehörigen. Seit gestern ist diesbezüglich aber tatsächlich erst einmal Funkstille.

Ebenfalls vor Ort in Grenoble ist der TV-Sender N24. Dort versteht man Corinna Schumachers Appell so, "dass sie sich - absolut verständlich - wünscht, dass alle sich an die Regeln halten, die Privatsphäre und die außergewöhnliche Situation respektieren und auf vernünftige Art und eben nicht unsittlich und aufdringlich störend, dem verständlichen Berichterstattungsinteresse nachkommen", so Sendersprecherin Kristina Faßler. Da man dies ohnehin tue und nicht im Krankenhaus, sondern auf dem zur Verfügung gestellten Parkplatz vor Ort sei, würden die N24-Reporter ihre Arbeit fortsetzen. "Unsere Kollegen vor Ort sind journalistisch erfahren und absolut professionell." Eine ähnliche Antwort gibt es von RTL. Auch die Kölner versichern, der Bitte von Corinna Schumacher nachkommen zu wollen. Der Sender hat zwei Teams in Grenoble im Einsatz, diese befänden sich jedoch nicht auf dem Klinik-Gelände, wie ein RTL-Sprecher erklärt.

Auch die ARD berichtet aktuell über den Fall Schumacher. Die Sendeanstalt sah sich kürzlich sogar gezwungen, ihre Berichterstattung über den lebensgefährlich verletzten Sportstar öffentlich zu rechtfertigen: "Mein journalistischer Kompass sagt mir, dass er in eine Kategorie populärer Persönlichkeiten gehört, die eine umfangreiche Berichterstattung rechtfertigt, ohne dass wir damit Tagesschau-Grundsätze aufgeben", schrieb ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke in einem Blogbeitrag, in dem er auch die ARD-Präsenz vor Ort verteidigte: Es sei nicht verwerflich, über Schumachers Schicksal zu berichten - auf das "Wie" komme es an. Gleichwohl hatte Gniffke angekündigt, nur noch dann zu berichten, wenn es neue Entwicklungen gebe.

Diese Haltung vertritt Gniffke nach wie vor. Heute etwa berichtet tagesschau.de über die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft in Albertville. "Dabei ist aber die Staatsanwaltschaft der Ansprechpartner, so dass wir die Familie Schumacher tatsächlich in Ruhe lassen können und werden", wie Gniffke erklärt. Am Tag zuvor hatte man gar nicht berichtet. Damit sei man der Intention von Frau Schumacher durchaus nah gekommen, so Gniffke.

Man darf gespannt sein, wie es in den kommenden Tagen weiter geht. Ob sich die Anzahl von Bildern der Schumacher-Familie in Grenoble wirklich verringert. Ob wir ab sofort weniger Fotos von Corinna Schumacher sehen, wie sie sich ihren Weg durch die wartenden Journalisten zum Klinikeingang bahnt. Damit würden die Medien jedenfalls signalisieren, ihren Wunsch wirklich respektieren zu wollen. Dabei sollte eigentlich unerheblich sein, ob man selbst Journalisten vor Ort hat oder nicht. Denn man kann jemandem auch passiv auf die Pelle rücken. ire
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