"Spiegel" mit Managementfehlern? Die große Geschichte hinter der kleinen Meldung

Freitag, 10. Oktober 2014
Der Spiegel Verlag hat sich verspekuliert
Der Spiegel Verlag hat sich verspekuliert
Foto: Foto: Jürgen Herschelmann

Der Machtkampf beim „Spiegel“ erreicht die nächste Stufe – und zielt nun auch auf Geschäftsführer Ove Saffe. Wie das? Axel Springers „Welt“-Wirtschaftsbeilage „Bilanz“ meldet eine offensichtliche Panne beim „Spiegel“-Management. Spannend ist weniger die Sache an sich – ein kleineres Fehlinvestment im vergangenen Jahr –, sondern vielmehr die Tatsache, dass so etwas gerade jetzt an die Öffentlichkeit gelangt.

Was „Bilanz“ in seiner kurzen Agenturvorabmeldung berichtet, ist in einem Satz gesagt: Anfang 2013 habe sich der „Spiegel“-Verlag mit 74,9 Prozent am Neu-Isenburger Kunsthandel Verlag („Der Kunsthandel“) beteiligt, sich dabei auf ungeprüfte Geschäftszahlen verlassen und bei dem Deal zwei Millionen Euro versenkt; im Frühjahr 2014 habe man sich wieder von der Beteiligung getrennt. Und um die kurze Meldung etwas aufzumotzen, erwähnt „Bilanz“ (das dem „Manager Magazin“ aus der Spiegel-Gruppe Konkurrenz machen will) auch nochmal den bekanntlich gescheiterten Versuch der Kollegen, 2012/13 das Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ in Deutschland zu etablieren. Drei Millionen Euro habe dieses Abenteuer gekostet, so „Bilanz“.

Jeweils Summen also, die nicht höher sind als die, die der "Spiegel" seinen in den letzten Jahren so zahlreich abgesägten Führungskräften als Abfindungen hinterhergeschmissen hatte. Und erneut hinterherschmeißen würde, wenn man sich vom umstrittenen Chefredakteur Wolfgang Büchner und im Gefolge von Saffe trennen würde.

Eine „verfehlte Beteiligungspolitik“ und „schwerwiegende Managementfehler“ wirft "Bilanz" dem Spiegel-Verlag beim "Kunsthandel"-Deal vor. Zur Einordnung der Zahlen ein Maßstab-Beispiel, ebenfalls aus der Historie: 2007 musste Axel Springer (damals noch ohne „Bilanz“) das Abenteuer mit seiner damaligen Briefzustelltochter Pin mit einem Verlust von 572 Millionen Euro abschreiben.

Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe
Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe (Bild: Foto: Olaf Ballnus)
Interessant ist nun, warum wohl die Infos über das (überschaubare, aber doch sehr ärgerliche) offensichtliche Fehlinvestment überhaupt an die Presse lanciert wurden – und warum jetzt. Dazu sollte man wissen: Im seit Wochen währenden Gezerre um Chefredakteur Wolfgang Büchner und sein digitales Umbaukonzept „Spiegel 3.0“ hat sich Geschäftsführer Ove Saffe seit jeher vor, neben und hinter Büchner gestellt, nach innen und auch nach außen.

Saffe hat sein Schicksal gewissermaßen mit dem Büchners verknüpft. Und falls Büchner nicht zu halten wäre – danach sieht es derzeit aus –, dann dürfte Saffe an der Nachfolgersuche beteiligt sein. Wenn er, Saffe, denn überhaupt selber bleiben will oder darf. Eine interne Chefredakteurs-Lösung jedenfalls lehnen er ebenso wie Teile der Gesellschaftervertreter ab. Man befürchtet strategischen Stillstand und will sich zudem nicht allein dem Druck der (Print-) Redaktion beugen, die interne Kandidaten bevorzugt. Das heißt: Es gibt Fraktionen und Personen, die jetzt Interesse daran haben dürften, Saffe zu schwächen. Das Detailwissen, das „Bilanz“ in Sachen „Der Kunsthandel“ zugetragen wurde, dürften indes nicht allzu viele im Hause teilen.

Die Vertreter des Hauptgesellschafters Mitarbeiter KG (50,5 Prozent) sind, in alphabetischer Reihenfolge: Rainer Buss (Controller), Thomas Hass (Vertriebschef), Gunther Latsch (Redakteur), Thomas Riedel (Dokumentar) und Marianne Wellershoff (Leiterin „Kultur Spiegel“). Für Gruner + Jahr (25,5 Prozent) sind CEO Julia Jäkel und Operations-Vorstand Oliver Radtke mit dem „Spiegel“ befasst. Sprecher der Augstein-Erbengemeinschaft (24 Prozent) ist der Publizist und „Freitag“-Verleger Jakob Augstein. Das „Spiegel“-Management besteht neben Saffe noch aus den beiden Verlagsleitern Matthias Schmolz (Verlagsobjekte, Spiegel Online, Spiegel TV) und Rolf-Dieter Schulz (Personal, Verwaltung, Recht).

Die komplette 6-Seiten-Geschichte in "Bilanz" (die Umbau-Analyse über Siemens muss sich mit fünf Seiten begnügen) trägt erkennbar auch die Recherche- und Stil-Handschrift der langjährigen Spiegel-Gruppen-Journalisten Arno Balzer (jetzt "Bilanz"-Herausgeber) und Klaus Boldt ("Bilanz"-Chefredakteur), beide bis 2013 Chef- (Balzer) und Medienredakteur (Boldt) beim "Manager Magazin". Balzer musste das Haus nach einem Streit mit Saffe im vergangenen Sommer verlassen.

Ove Saffe
Bild: Foto: Olaf Ballnus

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Das Stück, als dessen Autor Volker ter Haseborg firmiert, fasst die allseits bekannte Lage beim "MM"-Schwesterblatt "Spiegel" umfassend, bestens informiert, schonungslos und süffisant zusammen, wenngleich mit Schuld-Schlagseite zulasten von Saffe (und zugunsten der speziellen "Spiegel"-Eigentümerstruktur samt ihren Lähmungskräften). Der Kernvorwurf an Saffe: Er agiere "weitgehend glück-, erfolg- und vor allem einfallslos" und habe die Aufgabe, ein Digitalisierungskonzept zu erarbeiten, an die Chefredaktion wegdelegiert. Nun, es braucht wenig Phantasie zu erahnen, wie der Vorwurf an Saffe lauten würde, hätte er diese Aufgabe, die in einem Verlag wie dem "Spiegel" ja eine vor allem publizistische ist, alleine an sich gerissen: Dass Saffe sich nämlich "in redaktionelle Angelegenheiten einmischen" würde. Kulturbruch, mindestens!

Zuzustimmen ist der indirekten Schlussfolgerung der "Bilanz"-Geschichte: Dass der "Spiegel" in seiner bisherigen Eigentümerstruktur und der selten einigen (Print-) Mitarbeiter KG schon in beginnend schwierigen Zeiten kaum mehr führbar ist. Fragt sich nur, was dann wird, wenn die Ertragskrise auch beim "Spiegel" erst so richtig ankommt. Wenn also irgendwann vielleicht gar keine Gewinne mehr zu verteilen sind. rp

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