Bezahlangebote im Web "Die Welt" - Der Paid-Content-Pionier

Freitag, 13. Februar 2015
Die Startseite von Welt Online
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Foto: Screenshot Welt Online

Wohl kaum ein anderes Thema treibt die Verlage derart um wie Paid Content. Wie können die tradierten Geschäftsmodelle ins digitale Zeitalter übertragen werden, wie bringt man Leser dazu, auch im Internet für gute Inhalte gutes Geld zu bezahlen? HORIZONT Online stellt in den kommenden Wochen und Monaten ausgewählte Paid-Content-Angebote vor. Den Anfang macht "Die Welt", die als erste große Medienmarke in Deutschland ein Bezahlmodell auf ihrer Website eingeführt hat.

Das Modell

Axel Springers journalistisches Vorzeigeobjekt ist einer der Vorreiter in Sachen Paid Content. Bereits im Dezember 2012 installierte "Die Welt" als erste überregionale Tageszeitung in Deutschland eine Bezahlschranke. Dabei entschied sich Axel Springer nach dem Vorbild der "New York Times" für das vergleichsweise durchlässige Modell einer Metered Paywall - eine bestimmte Anzahl an Artikeln ist pro Monat frei verfügbar, ist dieses Kontingent ausgeschöpft, senkt sich die Bezahlschranke. Bei Welt Online können Nutzer jeden Monat bis zu 20 Artikel kostenfrei lesen, danach muss man sich registrieren. Die Startseite kann jederzeit frei aufgerufen werden. Nutzer können aus drei Abo-Paketen auswählen: "Die Welt Digital Basis" bietet für 4,49 Euro unbegrenzten Zugriff auf die Website und die Smartphone-App. Das Paket "Die Welt Digital Komplett" beinhaltet für 12,99 Euro außerdem die Tablet-App. Für 2 Euro mehr bekommt man außerdem die Printausgabe der "Welt am Sonntag" ("Die Welt Digital Plus Welt am Sonntag"). Aktuell können außerdem alle Pakete zwei Monate lang für 99 Cent getestet werden.

Die Bilanz

Laut IVW hatten die Digital-Angebote der "Welt" im Dezember 2014 insgesamt 57.736 Abonnenten - ein Plus von 2,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. "Ist das nun viel oder wenig?", fragt Stephanie Caspar, Geschäftsführerin von WeltN24 rhetorisch. "Würden wir alle digitalen Abonnenten einladen, würden wir heute schon in 13 von 18 Bundesligastadien nicht mehr reinpassen. Wir sehen das als Erfolg und als eine ermutigende Entwicklung, die uns weiter anspornt", so Caspar im Interview mit HORIZONT.

"Am wichtigsten ist und bleibt der Journalismus"

Stephanie Caspar ist Geschäftsführerin von Welt N24
Stephanie Caspar ist Geschäftsführerin von Welt N24 (Bild: Axel Springer)
Wie fällt Ihre Paid-Content-Bilanz aus?
"Die Welt" war Ende 2012 die erste große Medienmarke in Deutschland, die ein Bezahlmodell auf ihrer Webseite eingeführt hat. Das war nicht ohne Risiko und hat uns in allen Bereichen sehr gefordert. Inzwischen blicken wir auf mehr als 57.000 zahlende Abonnenten zzgl. unserer Print-Abonnenten, die ebenfalls auf digitale Angebote zugreifen können. Ist das nun viel oder wenig? Würden wir alle digitalen Abonnenten einladen, würden wir heute schon in 13 von 18 Bundesligastadien nicht mehr reinpassen. Wir sehen das als Erfolg und als eine ermutigende Entwicklung, die uns weiter anspornt.

Vor allem aber haben Bezahlangebote dazu geführt, dass sich Redaktion und Verlag noch intensiver mit der Weiterentwicklung des Angebots auseinandersetzen: Wer sind unsere Leser? Wie machen wir ihnen das beste Angebot? Wie treiben wir den digitalen Wandel in unserer Organisation? Wir wissen, dass wir immer ein Stück besser, schneller und experimentierfreudiger als der kostenlose Wettbewerb sein müssen. Das hat uns unglaublich ehrgeizig gemacht. In dieser Hinsicht war das Bezahlmodell das Beste, was uns passieren konnte. 

Die Serie

Es ist die Gretchenfrage für die Verlage im digitalen Zeitalter: Wie können wir mit unseren Inhalten im Internet Geld verdienen? Viele redaktionelle Angebote experimentieren mittlerweile mit Bezahlschranken und Abo-Modellen im Netz. HORIZONT Online stellt in loser Folge die Paid-Content-Modelle ausgewählter Angebote vor.
Für welche Inhalte sind Nutzer nach Ihrer Erfahrung am ehesten bereit, Geld zu bezahlen?
Am wichtigsten ist und bleibt der Journalismus. Diesen so zu präsentieren, dass unsere Leser ihn wertschätzen und er ihnen wirklichen Nutzen bringt, ist die Herausforderung. Entscheidend ist aber auch das Gesamtpaket aus Marke, Qualität und einer einzigartigen journalistischen Auswahl und Perspektive. Einen hohen Stellenwert haben zudem Design, Nutzerfreundlichkeit und technische Umsetzung. Daher experimentieren wir mit unterschiedlichen Features wie Archiv, Audio-Inhalten oder Werbeformaten.

Viele Menschen möchten sich jeden Tag 20 oder 30 Minuten in unseren Apps oder auf unserer Webseite informieren, um auf dem Laufenden zu bleiben und inspiriert zu werden. Und viele dieser Leser sind auch bereit, dafür zu zahlen, wenn man ihnen ein gutes Angebot macht. Wir wollen ihnen die besten 20 oder 30 Minuten bieten.
„Diejenigen, die sich radikal ändern, haben die größten Chancen. Und wir ändern uns gerade radikal.“
Stephanie Caspar
Werden sich Bezahlmodelle für redaktionelle Inhalte Ihrer Meinung nach auf breiter Front durchsetzen?
Es kommt darauf an, wie Sie "breit" definieren. In der Branche gibt es verschiedene Strategien und der Markt trennt sich bereits: Es gibt die reinen Reichweitenangebote, die sehr stark in das Rennen um Visits und Unique User gehen. Es gibt teilweise kostenpflichtige Angebote wie "Welt", "Bild", bald wohl auch die SZ, die auf Werbevermarktung und Bezahlangebotesetzen. Es gibt ganz neue, noch sehr kleine Angebote für spezielle Zielgruppen oder Aggregatoren wie Blendle. Diese Vielfalt hat zunächst etwas sehr Bereicherndes. Letztlich hat unabhängiger Journalismus in der digitalen Welt nur dann eine Chance, wenn er, wie auch im klassischen Printgeschäft, über Anzeigen- und Vertriebserlöse finanziert wird.

Denken Sie, dass sich redaktionelle Angebote im Internet in absehbarer Zeit eigenständig finanzieren können?
Ja, da sind wir ganz sicher. Es gibt leider keine Garantie, dass dies gleichermaßen für alle heutigen Angebote gilt. Diejenigen, die sich radikal ändern, haben die größten Chancen. Und wir ändern uns gerade radikal.
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