Bertelsmann übernimmt G+J komplett Was der Meilenstein-Deal bedeutet

Montag, 06. Oktober 2014
Gruner + Jahr gehört bald komplett zu Bertelsmann (Foto: G+J)
Gruner + Jahr gehört bald komplett zu Bertelsmann (Foto: G+J)

Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Nach fast vier Jahrzehnten 74,9-Prozent-Beteiligung an Gruner + Jahr übernimmt der Medienriese Bertelsmann seine Verlagstochter nun komplett. Oder anders: Die Mitgründerfamilie Jahr schmeißt hin. Nostalgikern treibt dies Tränen in die Augen. Doch der Deal macht nicht nur für Bertelsmann Sinn. Auch den G+J-Geschäften kann der Verlust der Eigenständigkeit nutzen.

Zwei Jahre können manchmal ganze Weltbilder verändern. Kurzer Rückblick in den Oktober 2012, nachdem Bertelsmann versucht hatte, seinen Tochterverlag Gruner + Jahr komplett zu übernehmen, durch einen Anteilstausch mit der Verlegerfamilie Jahr. Weil sich beide Parteien weder über den Wert des 25,1-Prozent-Pakets der Jahr-Holding noch über das Objekt der geplanten Gegenbeteiligung – die Jahrs wollten etwa 5 Prozent an der Muttergesellschaft Bertelsmann ergattern, deren Eigentümerfamilie Mohn lieber nur Anteile der TV-Konzerntochter RTL abgeben – einigen konnten, platzte der Deal. Winfried Steeger, der Geschäftsführer der Jahr Holding, verkündete danach fest, man sei „zu dem Schluss gekommen, dass wir die anstehenden Herausforderungen für G+J am besten gemeinsam werden meistern können“. Und: Man wolle weiter „in die Zukunft“ des Verlags investieren.

„Sollte Bertelsmann irgendwann verkaufen wollen, dann wären wir gerne bereit, weitere Anteile am Verlag zu übernehmen. Wir sind Gruner + Jahr!“
Angelika Jahr im April 2008
Wenn man weitere paar Jahre zurückgeht, klingen die Worte noch markiger: Im April 2008, als umgekehrt Bertelsmann Verkaufsabsichten nachgesagt wurden, hatte sich Verlegertochter (und bis jetzt G+J-Aufsichtsrätin) Angelika Jahr gegenüber HORIZONT (Ausgabe 14/2008) eindeutig geäußert: „Sollte Bertelsmann irgendwann verkaufen wollen, dann wären wir gerne bereit, weitere Anteile am Verlag zu übernehmen. Wir sind Gruner + Jahr!“ Ihr Clan werde aus Liebe zum Verlag zusammenhalten „wie Pech und Schwefel“, rief sie in jener Zeit auf einer Verlagsveranstaltung in die große Runde. Und noch vor vier Jahren erklärte der damalige Geschäftsführer der Jahr-Holding gegenüber HORIZONT (Ausgabe 4/2010), die Jahr-Familie stehe „vollumfänglich zu ihrem Engagement bei G+J“.

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Bild: Foto: Bertelsmann

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Vorbei. Nun sagt Steeger laut Pressetext, Bertelsmann sei „der geeignete Eigentümer, um G+J in eine gute Zukunft zu führen“. Nanu, was ist da seitdem geschehen? Vor allem die Gewinne von G+J sind gesunken, sie sinken weiter und werden weiter sinken, beides wohl stärker als von den Jahrs geahnt. Deshalb hat vor allem die jüngere Erbengeneration der Familie, die G+J immerhin „emotional verbunden bleiben“ will, die Lust am überall rückläufigen Verlagsgeschäft verloren – und ist Bertelsmann bei den Verkaufskonditionen nun wohl entgegen gekommen. Mit anderen Worten: In den vergangenen zwei Jahren ist der Wert von G+J (weiter) gesunken. In einer telefonischen Pressekonferenz am Montagvormittag machte Bertelsmann-CEO Thomas Rabe daraus auch keinen Hehl, ohne allerdings Zahlen zu nennen. Der (Bar-) Kaufpreis sei „angemessen und fair“. Nach Insider-Schätzungen dürfte er im niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbereich liegen, vielleicht ja noch zuzüglich preislich fixierter Vorkaufsrechte der Jahrs am repräsentativen G+J-Sitz am Hamburger Baumwall, der dem Verlag auf Dauer zu groß und teuer werden dürfte. An dem Gebäude (besser: Gelände) ganz zentral an der Elbe dürften die mit Immobiliengeschäften erfahrenen Jahrs höchst interessiert sein.

Für Bertelsmann ergibt der Komplettkauf Sinn, mehr denn je. Zum einen kann der Konzern das G+J-Geschäft nun besser mit seinen übrigen Sparten (RTL-Gruppe, Penguin Random House, BMG, Arvato) vernetzen – ohne umständliche Abstimmungs- und Bewertungsprozesse mit der Jahr-Holding und ihrer Sperrminorität. So kündigte Rabe jetzt weitere Projekte à la „Stern TV“ und „Geo TV“ an. Insofern ist der Deal auch für die G+J-Geschäfte auf ihrem Inhalteverwertungs- und Digitalisierungskurs eine gute Nachricht. Zumal ohne das Votum der mittlerweile Medien-aversen Jahrs ja dann auch über Investitionen leichter entschieden werden könnte.

Neben diesen Verbundeffekten kann Bertelsmann zudem auf Kostenersparnisse und -synergien hoffen, durch einfachere Prozesse, aber auch durch weitere Zentralisierungen vor allem in den Bereichen Einkauf, IT sowie Finanz- und Personalwesen. Hier darf man eine Forcierung des Zentralisierungsprogramms „Operational Excellence“ (Opex) erwarten. In diesem Zusammenhang könnte Rabe auch eine Umwandlung der G+J-Rechtsform von einer Aktiengesellschaft in eine GmbH eruieren, die Gremien- und Formalitätenaufwand reduzieren (und aus G+J-Vorständen dann Geschäftsführer machen) würde, siehe RTL. Man werde prüfen, inwieweit sich die „Governance vereinfachen“ lasse, so Rabe dazu lediglich.

Weitere Sparprogramme über die bekannten Maßnahmen hinaus (400 Stellenstreichungen in den kommenden drei Jahren) seien bei G+J nicht geplant; Bertelsmann stehe voll hinter den verkündeten Plänen des G+J-Vorstands um Julia Jäkel. „Es geht nicht um Durchregieren“, erklärt Rabe. Tatsächlich dürfte sich diesbezüglich jetzt wenig ändern, denn schon bisher hatte Bertelsmann die Mehrheit. Und dass die Jahrs dem grundsätzlichen G+J-Schrumpfungskurs zumindest in den vergangenen Jahren irgendwie Einhalt geboten hätten, ist nicht überliefert, sondern wohl eher Teil einer historischen Legende.

Bleibt die ewig junge Gerüchtefrage, was Bertelsmann mit G+J wohl langfristig vorhat. Hintergrund: Dass die Gütersloher ab November alleinige Eigentümer des Verlags sind, würde auch (Teil-) Verkäufe erleichtern, gar eine Zerschlagung von G+J. Rabe tritt dem entgegen: Die vollständige Übernahme des Verlags sei ein „strategischer Meilenstein“ zur Stärkung der Kreativ- und Inhaltegeschäfte des Mutterkonzerns. Den Bekenntnissen zu Fernsehen (RTL), Buch (Penguin Random House) und Musik (BMG) folge nun ein weiteres „klares Bekenntnis zum Journalismus“, so Rabe. G+J, dessen Geschäfte eine „erhebliche Substanz“ hätten, werde dabei „eine noch wichtigere Rolle spielen“. Man habe „keine Absicht, G+J insgesamt oder in Teilen zu verkaufen“. Tatsächlich ist es ja auch gut nachvollziehbar, dass ein Magazinverlag samt seinen digitalen Produkten prima zu einem Medienkonzern passt. Trotzdem: Mal sehen, ob und wann sich auch dieses Weltbild ändert. rp

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