"Babylon Berlin" Der geglückte TV-Turmbau zu Babel

Donnerstag, 12. Oktober 2017
Babylon Berlin startet am Freitag, 13. Oktober bei Sky
Babylon Berlin startet am Freitag, 13. Oktober bei Sky
© Beta Film
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Am Freitag startet bei Sky die teuerste nicht-englischsprachige Fernsehproduktion aller Zeiten: "Babylon Berlin". Die Entstehungsgeschichte des Mammut-Projekts ist mindestens ebenso bemerkenswert wie die Serie selbst, für die sich mit X Filme, der ARD, Sky und Beta Film vier Schwergewichte der deutschen Fernsehlandschaft zusammengetan haben.

Das erklärte Ziel der Macher: Endlich eine deutsche Serie zu produzieren, die sich mit den gefeierten US-Produktionen von HBO, Netflix & Co. messen kann. "Mit 'Babylon Berlin' ergreifen wir die Chance zu zeigen, dass wir bei den Serien auch auf dem internationalen Markt ganz oben mitspielen können", kündigte ARD-Programmdirektor Volker Herres das Projekt 2014 an. Dabei war den Verantwortlichen schnell klar: Selbst die finanziellen Möglichkeiten der ARD würden für das ambitionierte Projekt von Starregisseur Tom Tykwer nicht ausreichen. "Wenn man international konkurrenzfähig sein will, stellt man schnell fest, dass man mit der Summe nicht weit kommt", so Herres. Also suchte man geeignete Partner – und scheute dabei nicht vor einer ungewöhnlichen Allianz mit dem Pay-TV-Anbieter Sky zurück. Neben der ARD und Sky sind an "Babylon Berlin" die Filmproduktionsfirma X Filme Creative Pool, die sich 2012 die Rechte an den erfolgreichen Romanvorlagen von Volker Kutscher sicherte, und Jan Mojtos Beta Film beteiligt, die sich um den globalen Vertrieb kümmert. 

Lange schien es fraglich, ob das Projekt überhaupt über die Planungsphase hinauskommen würde. WDR-Intendant Tom Buhrow verkündete Ende 2015 öffentlich, das Projekt "wackelt". Doch nach zweieinhalb Jahren Planung hatten die Partner das unbestätigte Rekordbudget von rund 40 Millionen Euro schließlich beisammen.

Auch andere Zahlen, die im Zusammenhang mit "Babylon Berlin" genannt werden, sind eindrucksvoll: An rund 200 Drehtagen wurde an 300 Drehorten gefilmt, es gab 300 Sprechrollen und 5000 Komparsen, in Potsdam Babelsberg wurde auf rund 9.000 Quadratmetern Fläche ein kompletter Straßenzug im Stil des Berlin der 20er Jahre nachgebaut. Mit Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries wurde die Serie von gleich drei namhaften Regisseuren geschrieben und inszeniert. 

Verderben zu viele Köche den Brei? Ganz klar: Nein. Der TV-Turmbau zu Babel ist geglückt. Mit "Babylon Berlin" ist den Machern ein ganz großer Wurf gelungen. Die Serie nimmt den Zuschauer bereits in den ersten Minuten gefangen. Cast, Ausstattung, Inszenierung, alles bewegt sich auf höchstem Niveau. Vor allem die penible Ausstattung beeindruckt.

Auch die Kritik war sich nach der ersten öffentlichen Vorführung Ende September einig, dass "Babylon Berlin" Maßstäbe setzt: TV-Kritiker Christian Buß bezeichnete die Produktion bei Spiegel Online als "Serienmeisterwerk", das "abschnurre wie die besten US-Serien" und erkannte in den düsteren Bildern in Stil des Film noir gar Anspielungen an große Klassiker der deutschen Filmgeschichte wie "Das Cabinet des Dr. Caligari" oder den Dr. Mabuse-Filmen eines Fritz Lang. 

Für Zeit-Kritikerin Carolin Ströbele entwirft die Serie ein "fantastisches Sittengemälde des Berlins der späten Zwanzigerjahre, das es an Glamour ohne Weiteres mit US-amerikanischen Vorbildern wie etwa 'Boardwalk Empire' aufnehmen kann". 

Über die Serie

„Babylon Berlin“ basiert auf der international erfolgreichen Krimireihe von Volker Kutscher, die im Berlin der späten 20er Jahre spielt. In seinen Büchern verknüpft Kutscher die Krimihandlung gekonnt mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Weimarer Republik, in der Kunst und Kultur eine Blütezeit erlebten und rechte und linke Extremisten um die Vorherrschaft kämpften. Im Mittelpunkt der Handlung steht Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), der bei seinen Ermittlungen im Umfeld eines Berliner Pornorings in ein Geflecht aus Korruption, Waffen- und Drogenhandel gerät, in das unter anderem die Mafia, russische Widerstandskämpfer und die Reichswehr verstrickt sind. Als Autoren und Regisseure zeichnen Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries für „Babylon Berlin“ verantwortlich.
Beim Publikum muss sich "Babylon Berlin" allerdings erst noch beweisen. Nicht selten straften die deutschen Zuschauer ambitionierte Serien aus dem eigenen Land in der Vergangenheit mit Nicht-Beachtung. Die RTL-Serie "Deutschland 83", von der Kritik ebenfalls hochgelobt, fiel 2015 beim Publikum durch. Dass sie trotzdem fortgesetzt wird, ist den tiefen Taschen von Amazon zu verdanken, das sich dafür die exklusiven Erstausstrahlungsrechte für seinen Streamingdienst gesichert hat. 
Deutschland 83
Bild: RTL / Robert Grischek

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Man darf daher gespannt sein, ob sich "Babylon Berlin" gegen die Flut aktueller Hochglanzproduktionen von Netflix und Amazon durchsetzen kann. Sky zeigt die Serie ab Freitag, den 13. Oktober immer in Doppelfolgen bei Sky One und seinen diversen Abrufdiensten. Ab dem 24. November stehen dann alle 16 Episoden zur Verfügung. Die absoluten Zuschauerzahlen werden zu Beginn also erst einmal überschaubar sein – entscheidend dürfte sein, wie sich die Abrufzahlen entwickeln. Die wahre Bewährungsprobe folgt erst im Herbst 2018  – dann erst wird "Babylon Berlin" im Ersten zu sehen sein. 

Die Zuschauerzahlen sind indes nur einer von mehreren Erfolgsfaktoren. Besonders wichtig für die Refinanzierung aufwändiger Koproduktionen ist mittlerweile der weltweite Vertrieb. Und der ist dank der glänzenden Kontakte von Beta Film offensichtlich hervorragend angelaufen. "Babylon Berlin" wurde schon jetzt in fast alle europäischen Länder und sogar in die USA verkauft. Die Rechte für den US-Markt sicherte sich übrigens eines der Unternehmen, das derzeit die Standards für hochwertige Serienproduktionen setzt: Netflix. dh

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