BVDW-Präsident Matthias Wahl „Die Dmexco muss wieder stärker deutsche Themen berücksichtigen“

Donnerstag, 26. Januar 2017
BVDW-Präsident Matthias Wahl
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Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) will sich stärker bei der inhaltlichen Ausrichtung der Dmexco engagieren. Die digitale Leitmesse habe sich in den vergangenen Jahren zwar hervorragend entwickelt, lobt BVDW-Präsident Matthias Wahl. Jedoch: „Man muss aufpassen, den Scheitelpunkt nicht zu verpassen, wo sich die Dinge womöglich in eine falsche Richtung entwickeln. Deshalb, um das ganz klar zu sagen: Wir werden darauf hinwirken, dass Themen, die originär den deutschsprachigen Markt betreffen, auch auf den großen Bühnen wieder stärker berücksichtigt werden.“

Das zweite zentrale Thema ist die Öffnung des Verbands für Themen aus Bereichen wie Automobil, Gesundheit, Versicherungen, Handel und Industrie 4.0. Das soll sich dann auch bei den Mitgliederzahlen niederschlagen. Wahl: „Wir liegen heute zwischen 600 und 700 Mitgliedern, Ziel ist es, bis 2020 auf 1.000 zu kommen."

Matthias Wahl nimmt im Interview mit HORIZONT Online auch Stellung zu Themen wie der geplanten E-Privacy-Richtlinie und der Übermacht von Google und Facebook.

"Wir sollten alle mal beten"

Herr Wahl, viele sind zunehmend genervt, dass auf der Dmexco nationale Themen nur noch am Rande eine Rolle spielen. Können Sie den Unmut nachvollziehen? Ja, das kann ich durchaus - auch wenn die Vorwürfe nur zum Teil zutreffend sind. Der BVDW hat auf der letzten Dmexco 18 Seminare veranstaltet, bei denen es speziell um Themen aus dem deutschsprachigen Markt ging. Die Veranstaltungsräume sind aus den Nähten geplatzt, bisweilen mussten wir die Türen zehn Minuten vor Beginn schließen. Die Nachfrage nach solchen Themen ist also da.

Wird sich der BVDW stärker als bisher engagieren? Ja, definitiv. Wir haben die Dmexco als unser zentrales Marketing-Event definiert, auf dem wir gezielt unsere Themen platzieren wollen. Die Dmexco ist ja unglaublich erfolgreich, konzeptionell wird da sehr viel sehr richtig gemacht. Aber man muss eben aufpassen, den Scheitelpunkt nicht zu verpassen, wo sich die Dinge womöglich in eine falsche Richtung entwickeln. Deshalb, um das ganz klar zu sagen: Wir werden darauf hinwirken, dass Themen, die originär den deutschsprachigen Markt betreffen, auch auf den großen Bühnen wieder stärker berücksichtigt werden.

Droht da Streit mit den Dmexco-Machern? Nein, die Messe Köln ist da sehr aufgeschlossen. Und es geht ja auch nicht darum, alles zu verändern, sondern um eine schrittweise und leichte Umpositionierung. Die Dmexco ist kein Event, das mit einem anderen Event in Las Vegas konkurriert, sondern wir wollen an erster Stelle eine Leitmesse für den deutschsprachigen und an zweiter Stelle den europäischen und  internationalen  Markt. Und deshalb müssen eben die substanziellen Themen aus dem deutschsprachigen Raum entsprechend Platz bekommen.

Man kann es ja auch anders sehen: 70 bis 80 Prozent der digitalen Werbeerlöse landen absehbar bei Google und Facebook, fast alle wichtigen Trends werden im Silicon Valley gesetzt. Länderspezifische Themen verlieren dadurch naturgemäß an Bedeutung. Das ist nun wirklich eine viel zu enge Sichtweise. Mag sein, dass wir in manchen Bereichen der Entwicklung in den USA um zwei oder drei Jahre hinterherlaufen, Fakt aber ist: Wir haben hier in Deutschland eine sehr vitale Werbeindustrie mit spezifischen Themen. Wir wollen als BVDW auch viel stärker die Verknüpfung zu Themen wir Connected Cars hinbekommen. Die Dmexco ist dafür die ideale Plattform.

Aber den massiven Trend Richtung Google und Facebook sehen Sie auch so? Diese Tendenz ist ungebrochen. Das ist ja auch der Grund, warum wir in der digitalen Werbevermarktung in Deutschland eine so starke Konsolidierung sehen. Die Frage ist, ob es gelingt, ein Gegengewicht zu den großen US-Playern zu schaffen, das dem Wettbewerb insgesamt gut tut. Als Verband sind wir in diesem Punkt völlig neutral. Aber natürlich halten wir es für extrem wünschenswert, dass die Vielfalt im deutschen Markt erhalten bleibt und kein Duopol entsteht. Deshalb sind faire Wettbewerbsbedingungen eine der ganz zentralen Forderungen unseres Verbandes an die Politik.

Wie ehrgeizig sind Sie, was die Akquisition neuer Mitglieder betrifft? Wir liegen heute zwischen 600 und 700 Mitgliedern, Ziel ist es, bis 2020 auf 1.000 zu kommen. Wir gewinnen seit zwei Jahren zunehmend Mitglieder aus dem produzierenden Mittelstand, hinzu kommen Konzerne wie BMW und Telefonica. Diese Unternehmen werden uns helfen, die Ausweitung des Verbands auf weitere Themenfelder mit der nötigen Kompetenz zu unterfüttern.

Innerhalb von drei Jahren von 600 auf 1.000 Mitglieder, das ist ein Wort. Braucht der Verband dafür neue Strukturen? Nein, wir haben in den vergangenen beiden Jahren die organisatorischen Voraussetzungen für die geplante Expansion geschaffen. Wir werden uns aber personell weiter verstärken müssen. Aktuell haben wir rund 30 Mitarbeiter an zwei Standorten - für 2020 sprechen wir von der doppelten Anzahl. Wir werden aber sehr darauf achten, trotz der für uns aggressiven Expansion deutlich schneller, schlanker und fokussierter zu bleiben als etwa der Bitkom.

Wie schwer ist es für einen Verband in der Größe des BVDW, im politischen Berlin und in Brüssel wirklich durchzudringen? Wir haben ja einen sehr gut klingenden Namen: Bundesverband Digitale Wirtschaft. Das hilft durchaus. Ich werde in meiner Funktion als BVDW-Präsident sicher zwei Mal die Woche zu einer Veranstaltung eingeladen - das zeigt, wie etabliert der Verband ist und er im Konzert der Großen durchaus mitspielen kann. Und unsere Expertise ist gefragt: In politische Entscheidungsprozesse zu digitalen Themen wird der BVDW regelmäßig eingebunden und als Sachverständiger zu Rate gezogen. Generell bin ich aber auch ein Freund möglichst enger Kooperationen mit anderen Verbänden. Themen wie den Ausbau der technischen Infrastruktur oder aktuell die E-Privacy-Richtlinie aus Brüssel können gar nicht oft genug in der Politik platziert werden.

Die E-Privacy-Richtlinie ist ein gutes Stichwort. Nach Bekanntgabe der Vorlage haben Sie sofort Alarm geschlagen. Gehört es für einen Verband einfach dazu, schrille Töne anzuschlagen, oder sehen Sie die Gefahren wirklich so dramatisch? Die Gefahr ist sehr real. Kommt Brüssel mit seinen Vorschlägen durch, droht ein echtes Horrorszenario. Wenn Sie als Nutzer auf jeder Website, die Sie besuchen, erstmal gefragt werden, ob Sie Ihre Daten freigeben, sind Sie irgendwann doch nur noch genervt und lehnen das ab. Ein sicherer Effekt wäre, dass Anbieter, die heute einen werbefinanzierten, für den User kostenfreien und frei zugänglichen Zugang bieten, dieses Modell nicht mehr aufrecht erhalten können. Entweder muss dann der User für die Nutzung des Angebotes Geld bezahlen oder das Angebot muss, weil nicht mehr finanzierbar, eingestellt werden. Das ginge klar auf Kosten der Vielfalt im Internet. Zumal auch das Geschäftsmodell derjenigen Anbieter, die sich mit einem einmaligen Log-In die Datenverwendung pauschal genehmigen ließen, damit eine ungerechte Bevorzugung erfahren würden. Nehmen Sie nur die regionalen Tageszeitungen, die mit ihren Websites noch nie grandiose Gewinne eingefahren haben. Viele davon könnten dann nicht mehr finanziert werden, die Vielfalt des Internets würde massiv leiden. Auch die Werbeindustrie, die in den vergangenen Jahren riesige Summen in Targeting-Technologien investiert hat, bekäme dramatische Probleme. Die Ideen aus Brüssel sind wirklich vollkommen wirklichkeitsfremd und würden, wenn sie Gesetz werden, einem großen Teil der deutschen Digitalwirtschaft das Rückgrat brechen.

Können Sie Ihre Mitglieder beruhigen, die Umsetzung der E-Privacy-Richtlinie schon noch zu verhindern? Oder sollte man jetzt lieber beten, dass der Kelch an der Digitalwirtschaft vorüber geht? Wir sollten alle mal beten, dass es nicht passiert. Das Problem ist, dass in Berlin und Brüssel zwar durchaus Leute sitzen, die sehr viel von der digitalen Wirtschaft verstehen. Mindestens 70 Prozent der Abgeordneten sind bei diesen Themen aber völlig blank. Aber die treffen letztlich die Entscheidung. Deshalb ist die Lobby- und Aufklärungsarbeit der Verbände bei diesen Themen ja so unfassbar wichtig. js

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