BDZV-Zeitungskongress Politico-Chef John F. Harris: "Das Reichweitenmodell hat keine Zukunft"

Dienstag, 30. September 2014
Springer-Chef Mathias Döpfner lobt Politico als gutes Beispiel in Sachen Paid Content
Springer-Chef Mathias Döpfner lobt Politico als gutes Beispiel in Sachen Paid Content
Foto: Foto: Axel Springer

Bekannt geworden ist der spannende Coup erst vor knapp zwei Wochen, beim BDZV-Zeitungskongress gaben die beiden Hauptakteure nun Einblick in ihre Vorstellung von digitalem Journalismus: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei Axel Springer, und John F. Harris, Gründer und Chefredakteur von Politico, seit 10. September offiziell Kooperationspartner beim Start der Plattform in Europa, sprachen in Berlin über den Erfolg des US-Nachrichtenmagazins - und wieso der so ermutigend für die deutsche Printbranche ist.
Politico wurde 2007 von Herausgeber Robert Allbritton, CEO Jim VandeHei und Chefredakteur Harris gegründet, um zu zeigen, dass "eine stabile und profitable Zukunft für harte, faire und unterhaltende Berichterstattung über Politik und Regierung" möglich sei. Ein Ansatz, mit dem das Portal Erfolgsgeschichte schreibt: Laut Harris verbucht Politico durchschnittlich über 50 Millionen Seitenabrufe und mehr als 4 Millionen Unique Visitors im Monat, die sich über das politische Geschehen in Washington informieren wollen. Zusätzlich zur - in der Proversion kostenpflichtigen Website - gibt es Veranstaltungen und  eine Printausgabe. Finanziell abhängig sei man von Letzterer allerdings nicht, sagte Harris.
Politico Website
Bild: Politico.com

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Den Markteintritt in Europa, über dessen Details am Montag weder Harris noch Döpfner sprechen wollten, könnte der Amerikaner deshalb relativ entspannt sehen. Schließlich sei die amerikanische Medienbranche der europäischen um rund zehn Jahre voraus, was Veränderungen im Leser- und Werbemarkt betrifft, betonte Harris, der derzeit im 50/50-Joint Venture mit Springer den Aufschlag des Unternehmens in Brüssel koordiniert. Dass das oftmals noch gängige Reichweitenmodell keine Zukunft habe, ist dem Amerikaner deshalb jetzt schon klar, ebenso wie die Tatsache, dass es eine Zahlungsbereitschaft für qualitativen Nachrichtenjournalismus gibt. Ihm zufolge hat Politico über 10.000 Leser, ein Abo kostet laut Springer-Chef Döpfner 10.000 Dollar im Jahr.  "Politico ist durchaus ein ermutigendes Beispiel, was Paid Content betrifft."

Denn bislang, und das musste selbst Döpfner eingestehen, fehlen der Branche die Geschäftsmodelle in der digitalen Welt. Gleichwohl biete der digitale Vertriebsweg zahlreiche neue Möglichkeiten und keine Grenzen, selbst wenn "die meisten Websites noch immer aussehen wie hektografierte Flugblätter aus den 70er Jahren". Handlungsbedarf sei also durchaus vorhanden, Politico zeige allerdings, wie einfach es sein kann: "Was Begehren weckt, ist automatisch interessant - und dafür wird auch bezahlt." kl
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