BDZV-Vermarktungsgipfel Warum „Zeit“-Chef Rainer Esser gerne mal scheitert

Mittwoch, 29. März 2017
Zeit-Chef Rainer Esser
Zeit-Chef Rainer Esser
Foto: Mara Monetti
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Die alte Tante spickt bei Start-ups: Die „Zeit“, auch von deren Machern und Managern mit Blick auf die lange Tradition des Blattes und seine schwierigen Phasen der Vergangenheit oft selbstironisch und liebevoll so genannt, schaut sich bei ihrer Produktplanung jetzt viel von jungen Unternehmen ab. Sogar Scheitern ist erwünscht, sagt „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser beim BDZV-Vermarktungsgipfel in Berlin – aber nur unter bestimmten Bedingungen.

Wie kommt der Zeit-Verlag, der mittlerweile ein Drittel seiner Umsätze mit Magazinen, Produkten, Dienstleistungen und Veranstaltungen jenseits der Wochenzeitung erzielt, auf neue Geschäftsideen für die kommenden Jahre? Mit der bei Start-ups gängigen Methode des „Design Thinking“, sagt Esser und empfiehlt, Produkte gemeinsam mit Kunden – konkret: mit ausgewählt zusammengesetzten Kundengruppen – zu entwickeln. Und dabei konsequent von deren Bedürfnissen aus zu denken. Als „Mischung aus Marktforschung, Brainwashing und Spielerei“ beschreibt Esser diesen Prozess, an dem im Zeit-Verlag selbstverständlich auch die Redaktionen beteiligt seien, wenn es dabei um neue Medienprodukte geht.

Danach gelte es, Prototypen zu bauen, auszuprobieren und sie mit den Kunden iterativ weiterzuentwickeln. „Hierbei sollte man schnell und oft scheitern – solange es noch um kleine Geldbeträge geht, die man dabei vielleicht in den Sand setzt“, sagt Esser.
„Ein neues Auto zu entwickeln, das dauert Jahre – bei uns kann es sehr viel schneller gehen, auch dank der Digitalisierung.“
Rainer Esser
Immerhin seien die Verlage dabei gegenüber anderen Industrien im Vorteil: „Ein neues Auto zu entwickeln, das dauert Jahre – bei uns kann es sehr viel schneller gehen, auch dank der Digitalisierung.“

Und noch aus einem anderen Grund verweigert sich der „Zeit“-Geschäftsführer, der Jahr für Jahr beste Geschäftsahlen abliefert, jedem Branchen-Pessimismus. Nach Brexit, Trump und nationalistischen Strömungen in einigen europäischen Ländern beobachtet Esser, wie auch junge Leute wieder auf die Straße gehen und dagegen demonstrieren: „Das sind eigentlich gute Zeiten für seriöse Medien.“ Überhaupt junge Leser zu erreichen, im Falle der „Zeit“ gerade viele Studenten – „das ist die beste Lebensversicherung für Verlage“. rp

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