BDZV Kongress der Widersprüchlichkeiten

Dienstag, 19. September 2017
Die Zeitungskongress des BDZV findet in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena statt
Die Zeitungskongress des BDZV findet in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena statt
© BDZV / David Ausserhofer

Mit gleich zwei Reden dominierte der seit einem Jahr amtierende BDZV-Präsident Mathias Döpfner den ersten von zwei Tagen, an denen sich die Zeitungsverleger in diesem Jahr in Stuttgart treffen. Aber nicht nur die Auftritte des Springer-Vorstandschefs gestern, auch der des Nationaltrainers Jogi Löw und ebenso die Debatte über das, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk online tun dürfe, hinterließ den Eindruck von Ambivalenz. Nebenbei fielen im Verband zwei handfeste Entscheidungen.

Vorweg die beiden Neuigkeiten: Die Zeitungs Marketing Gesellschaft ZMG hat eine neue Struktur. Sie wird künftig nicht mehr als Gattungsvermarkter auftreten, sondern als Marketing-Dienstleister, insbesondere für die sogenannten GUVs, also die weder von Score Media noch von Media Impact vertretenen und damit vermarktungsunabhängigen Verlage. Die Neuerung, dass die ZMG sich auf die Forschung und Mediaservice konzentriert und Beratung nur noch individuell als Auftragsarbeit anbietet, soll den BDZV nicht nur schlagkräftiger machen, sie bringt unterm Strich dem Vernehmen nach auch eine Ersparnis in Höhe von 800.000 Euro. Das entspricht nahezu einem Drittel des bisherigen Gesamtetats.

Zudem hat das Präsidium des BDZV am Montag entschieden, wer in der Berliner Geschäftsstelle des Verbands den vakanten Posten des Geschäftsführers Märkte besetzt: Zum 1. Dezember wird Katrin Tischer diese Aufgabe übernehmen. Die 51-Jährige aus Strausberg kommt vom Cornelsen Verlag, wo sie zuletzt als Produktions- und Prozessleiterin für die digitale Transformation zuständig war. Davor arbeitete sie unter anderem für das Stadtmagazin "Tip", die "Potsdamer Neuesten Nachrichten" und den Berliner Zeitungsverlag. Tischer kommt beim BDZV jene Aufgabe zu, über die Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff in der aktuellen HORIZONT-Ausgabe sagt: Es gehe darum, einen Datenpool zu entwickeln, auf dessen Basis der Verband künftig die Geschäftsentwicklung seiner Mitgliedsverlage dokumentieren will. Die bisherige Erhebung, die sich allein auf die Erlöse im tendenziell schrumpfenden Vertriebs- und Anzeigengeschäft konzentriert, spiegle nicht mehr die tatsächliche wirtschaftliche Stärke der Mitgliedsverlage.
Mathias Döpfner beim Zeitungskongress in Stuttgart
Bild: BDZV / David Ausserhofer

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Nun aber zum gestrigen Auftakt des Zeitungskongresses und den eingangs erwähnten Widersprüchlichkeiten, die sich dort offenbarten. Wissend, wie viel Personal die teilnehmenden 400 Verleger und Verlagsmanager in den vergangenen Jahren allein in den Redaktionen eingespart haben, war es mindestens bemerkenswert, als Mathias Döpfner sagte: Die hier Anwesenden könnten gerne sparen, wo immer sie wollten, aber bitte nicht bei den Reportern, nicht bei den Autoren, nicht bei den Recherchen und nicht bei den dazu notwendigen Reisen.

Ambivalent wirkte Döpfners Loblied auf den kritischen, unabhängigen Journalismus als Rohstoff und Retter der Demokratie aber vor allem, weil im Anschluss Jogi Löw die Bühne betrat, um sich fast eine Stunde lang von seinem eigenen Sprecher, Jens Grittner vom DFB, interviewen zu lassen. Der Grund, so war zu hören, war ein ähnlicher wie beim vielfach in Zeitungen kritisierten TV-Duell mit Kanzlerin Angela Merkel. Die Bedingung für den Auftritt des Nationaltrainers soll gelautet haben: "Entweder so oder gar nicht".

Der Unterschied: Die Kanzlerin und ihr Herausforderer ließen sich immerhin von Journalisten befragen. Der BZDV akzeptierte hingegen, dass Löw von seinem Sprecher PR-Vorlagen geliefert, aber keine einzige journalistische Frage gestellt bekam. Nur konsequent erschienen in diesem Zusammenhang die zwischendurch eingespielten Filme, in denen mehr als einmal das Mercedes-Logo zu sehen war. Zu diesem Zeitpunkt war der Saal in der Carl-Benz-Arena noch eindrucksvoll gefüllt. Kurz darauf verschwanden die ersten, um erst wieder am Abend zum Rundgang im benachbarten Mercedes-Benz-Museum zu erscheinen.

Bereits zur Hälfte geleert war der Saal daher, als Renate Köcher vom Allensbach-Institut am späten Nachmittag Substanzielles zu berichten hatte. Ambivalent war auch das. Demnach hält sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zwar für gut bis sehr gut informiert. Tatsächlich entpuppt sich diese Behauptung als vollmundig. Je konkreter man nämlich nachfasse, desto bescheidener falle die Bilanz des Wissens aus, sagte Köcher und schließt daraus: Die Zunahme des Informationsangebotes auf allen Kanälen habe gerade nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung informierter ist. Vielmehr sei die informierte Gesellschaft eine Illusion.
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Die Realität sei eine andere: Demnach ersaufe die Gesellschaft in einer Flut von Information, die sie nicht mehr beherrsche. Insbesondere bei der jungen Generation habe das große Medienangebot mit seiner jederzeitigen Verfügbarkeit dazu geführt, dass sich viele nur noch "nach Bedarf" informierten. Weniger als 15 Minuten täglich fänden vielen als ausreichend, um sich vermeintlich vollumfänglich auf dem Laufenden zu fühlen. Der Informationsstand sei entsprechend kläglich.

Immerhin, sagte Köcher, würden gerade die Online-Angebote von Printmedien hohe Glaubwürdigkeit genießen. Es wäre Grund genug für die Verleger, selbstbewusster aufzutreten, jedenfalls mit Blick auf die vermeintliche Konkurrenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit seinen Portalen im Netz.

„Wenn Herr Döpfner suggeriert, in Deutschland blockiere eine 'Staatspresse im Netz' nach 'dem Geschmack von Nordkorea' die Entfaltungsmöglichkeiten der Verlage, bewegen wir uns klar im Bereich von Fake News.“
Karola Wille
Die Allensbach-Chefin sagte das, nachdem sie sich zuvor angehört hatte, wie die Verleger sich über den möglicherweise digital bald noch aktiveren beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk beklagen. Schon am Morgen in seiner ersten Rede hatte Döpfner die Kampfbegriffe Staatsfunk und Staatspresse gewählt, um ARD und ZDF zu attackieren. Ging es dagegen ums Leistungsschutzrecht, beschuldigte er Gegner, Propaganda zu betreiben und mahnte zu differenzierter Sachlichkeit.

Die Rhetorik erscheint durchschaubar: Es nennt sich Lobbyarbeit, wenn Verlage mit Blick auf sinkende Einnahmen unerträglich zu finden scheinen, dass es anderen, in diesem Fall, den Öffentlich-Rechtlichen, nicht mindestens so schlecht geht. Ob diese Strategie zur Lösung des Problems führe? Sicherlich nicht, sagte SWR-Justiziar Hermann Eicher auf einem der Podien: „Wir sind nicht Ihr Problem“, sagte er den Verlegern im Publikum. Der Streit lenke vielmehr vom eigentlichen Problem ab. Die wahren Wettbewerber seien die globalen Player. Gegen sie wäre ratsam, gemeinsam zu agieren.
Mathias Döpfner beim Zeitungskongress in Stuttgart
Bild: BDZV / David Ausserhofer

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Währenddessen schickten die ARD-Intendanten von ihrer Sitzung in Köln, wo sie über Maßnahmen zu mehr Effizienz berieten, die Botschaft nach Stuttgart: Döpfners Kampfansagen vom Vormittag habe sie befremdet. Die ARD-Vorsitzende Karola Wille sagte: "Wörter können zu Waffen werden – gerade deshalb ist ihr leichtfertiger Gebrauch so gefährlich“. Wenn Döpfner gleichzeitig suggeriere, "in Deutschland blockiere eine 'Staatspresse im Netz' nach 'dem Geschmack von Nordkorea' die Entfaltungsmöglichkeiten der Verlage, bewegen wir uns klar im Bereich von Fake News".

Das bestätige nicht nur Populisten, Verschwörungstheoretiker und ihre willigen Claqeure, sondern ziehe "alle freien und unabhängigen Medien in Mitleidenschaft". Sie schlug vor, gemeinsam für das einzustehen, was uns stark macht und unsere Gesellschaft in diesen Zeiten dringender brauche denn je: Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und guten Journalismus.

So weit entfernt von dem, was Döpfner meint, scheint das nicht, jedenfalls objektiv betrachtet. usi

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