BDZV-Kongress Zeitung Digital Auf Tuchfühlung mit den Internetriesen

Donnerstag, 16. Juni 2016
Mathias Müller von Blumencron warnte einmal mehr davor, sich zu sehr auf Facebook, Google und Co. einzulassen
Mathias Müller von Blumencron warnte einmal mehr davor, sich zu sehr auf Facebook, Google und Co. einzulassen
Foto: Manfred Witt

Die großen Digitalplattformen beschäftigen die Zeitungsbranche mehr denn je. Nicht nur, dass mit Richard Gingras (Google) und Will Cathcart (Facebook) gleich zwei hochrangige Manager beim Zeitung-Digital-Kongress des BDZV die Vorteile einer engen Zusammenarbeit bewerben und ihre scheinbare Gutmütigkeit unter Beweis stellen durften, auch die Häuser selbst gehen zunehmend auf Tuchfühlung mit den Internetriesen. Wenn auch mit Bauchschmerzen.

Beispiel Facebook: Cathcart, als Vice President Product Management unter anderem auch für den Newsfeed und dementsprechend für die Instant Articles des sozialen Netzwerks verantwortlich, wartete zunächst mit starken Zahlen auf. Ihmzufolge ist die Wahrscheinlichkeit, mit der ein User im Facebook-Newsfeed einen Instant Article anklickt, um 20 Prozent höher als bei anderen Medieninhalten. Die mobil schnell ladenden Texte würden zudem 30 Prozent öfter geteilt; die Rate derjenigen, die den Beitrag nicht zu Ende lesen, sei um satte 70 Prozent geringer. Man wolle das Publishing-Business unterstützen, betonte Cathcart ähnlich wie Google-Konkurrent Gingras am Vormittag.

Von positiven Erfahrungen berichtete dann auch Jochen Herrlich, Geschäftsführer von Funke Digital. Instant Articles hat das Berliner Team der Essener Funke Mediengruppe mit Inhalten der "Berliner Morgenpost" getestet, und besonders die Möglichkeit, Beiträge zu teilen und die schnelle Abrufbarkeit beeindruckten. Vor ihm hatte Julian Reichelt, als Chefredakteur von Bild.de eine Art Early Adopter des Facebook-Angebots, von der Zusammenarbeit geschwärmt, allerdings auch bessere Monetarisierungsmöglichkeiten und Messbarkeit eingefordert. Hintergrund: Die Reichweite, die Springer über Instant Articles generiert, existiert wohl, ist aber nicht direkt vermarktbar, da die Arbeitsgemeinschaft Onlineforschung (Agof) die Beiträge auf dem im Gremium abstinenten Facebook nicht ausweisen kann.

Weitere Schattenseiten führte dann ausgerechnet Juliane Leopold ins Feld, der man als ehemaliger Chefredakteurin des deutschen Buzzfeed wohl kaum mangelnde Digitalaffinität vorwerfen kann. Sie zitierte aus einem Artikel der Plattform Digiday, nach dem der Traffic auf den eigenen Websites der Publisher, die Instant Articles nutzen, um rund 20 Prozent zurückgegangen sei. "Facebook tut alles dafür, Ihre Leser auf der Plattform zu halten. Wenn Sie aber ein Geschäftsmodell haben, das komplett auf Reichweite baut, ist das ein Problem", warnte die Journalistin, die derzeit Medienhäuser in digitalen Fragen berät.

Auch Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", fand in Berlin klare Worte: "Wir legen uns mit einer Großmacht ins Bett, die mit einem Fingerschnipp die Gesetze der freien Medienwelt verändern kann." Es müsse den Publishern bewusst sein, dass sie sich auf unsicherem Terrain bewegen. Eine Absage erteilte der "FAZ"-Mann den Plattformen gleichwohl nicht: Wer sie heutzutage nicht als Distributionskanal für seine Inhalte nutze, habe es schwer, neue Zielgruppen zu erschließen. kan 

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