Axel-Springer-Vorstand Jan Bayer „Die große Disruption findet Online to Online statt“

Montag, 27. April 2015
Springer-Vorstand Jan Bayer
Springer-Vorstand Jan Bayer
Foto: Björn-Arne Eisermann / HORIZONT

Jan Bayer, als Vorstand bei Axel Springer zuständig für „Bild“, Welt/N24 und den Vermarkter Asmi, beklagt im Interview mit HORIZONT das „kleine Denken“ in der Verlagsbranche und warnt vor allzu harten Sparprogrammen: „Wenn Sie zu sehr an der Kostenschraube drehen, ohne gleichzeitig an den entscheidenden Stellen zu investieren, kippt irgendwann Ihr ganzes Geschäftsmodell.“ Für Welt/N24 verspricht er: „Es geht darum, neue große publizistische Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Sie werden in drei Jahren Welt/N24 nicht mehr wiedererkennen.“

Bayer äußert sich auch zu dem großen Abgesang auf Printjournalismus, dem seit über einem Jahrzehnt ein baldiges Ende vorhergesagt wird: „Der große Vorteil von Papier ist, eben nicht disruptiv zu sein. Wir haben hier eine lineare Entwicklung, auf die man sich einstellen und managen kann. Bei digitalen Geschäftsmodellen kann es dagegen passieren, dass sie durch eine neue Technologie oder einen neuen Google-Algorithmus praktisch über Nacht abgelöst werden.“ Also doch keine große Disruption? Doch, nur anders. Bayer: „Die große Disruption findet inzwischen zunehmend Online to Online statt und weniger Online to Print."

HORIZONT Online veröffentlicht Ausschnitte aus dem ausführlichen Interview mit Jan Bayer aus der aktuellen Wochenzeitung, die auch auf  Tablets oder - nach einmaliger Registrierung - als E-Paper gelesen werden kann. Nicht-Abonnenten können hier ein HORIZONT-Abo abschließen.

„Deutschland wäre ohne „Bild“, „Welt“, „FAZ“, „Süddeutsche“ oder „Spiegel“ ein anderes Land.“
Jan Bayer
Hat große Pläne mit Welt/N24: Springer-Manager Jan Bayer
Hat große Pläne mit Welt/N24: Springer-Manager Jan Bayer (Bild: Björn-Arne Eisermann / HORIZONT)

Jan Bayer über das Selbstverständnis der Zeitungsbranche

„Wir sind die Branche der großen Erzählungen – und leider allzu häufig des kleinen Denkens. Ich finde, wir reden viel zu sehr über Auflagen, über Reichweiten und Werbeumsätze, und viel zu wenig über unsere journalistische Leistungsfähigkeit und unsere „Scoops“. Dadurch machen wir uns viel zu klein. Deutschland wäre ohne „Bild“, „Welt“, „FAZ“, „Süddeutsche“ oder „Spiegel“ ein anderes Land. Mir ist kein politischer Skandal bekannt, der durch das Parlament aufgedeckt wurde - sondern durch die Medien. Wir sprechen viel zu wenig darüber, welche Rolle wir für die gesellschaftspolitischen Debatten in diesem Land haben.“

Über Onlinejournalismus

„Ich sehe momentan im Wesentlichen zwei Arten von Onlinejournalismus. Zum einen das kuratierte, also recherchierte oder aggregierte Angebot, und zum anderen das, was Frank Schirrmacher so treffend als „Echtzeit-Eskalationsjournalismus“ bezeichnet hat. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es auch in der digitalen Welt ein Bedürfnis nach Relevanz und Entschleunigung gibt.“

Über die Rolle von Print

„Die große Disruption findet doch inzwischen zunehmend Online to Online statt, weil der Entwicklung keine Grenzen gesetzt sind, und weniger Online to Print. Der große Vorteil von Papier ist, eben nicht disruptiv zu sein. Wir haben hier eine lineare Entwicklung, auf die man sich einstellen und managen kann. Es ist ja nicht so, dass die Auflagen der Tageszeitungen von heute auf morgen auf null gehen. Bei digitalen Geschäftsmodellen kann es dagegen passieren, dass sie durch eine neue Technologie oder einen neuen Google-Algorithmus praktisch über Nacht abgelöst werden.“

Über die Sparprogramme der Verlage

„Hier sehe ich in der Tat eine große Gefahr. Wenn Sie zu sehr an der Kostenschraube drehen, ohne gleichzeitig an den entscheidenden Stellen zu investieren, kippt irgendwann Ihr ganzes Geschäftsmodell. Ich glaube, dass wir uns aktuell in einer ganz entscheidenden Phase befinden, was die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Verlagen betrifft. Deshalb haben wir uns bei Axel Springer entschieden, antizyklisch in Journalismus zu investieren."

Über Erfolgsdruck

„Druck haben wir doch alle. Der Druck darf einen aber nicht erdrücken. Wissen Sie, ich habe mich vor 20 Jahren für die Verlagsbranche entschieden und bin dankbar, es hierher geschafft zu haben. Es hätte alles auch ganz anders laufen können. Und deshalb empfinde ich auch sehr viel mehr Spaß und Dankbarkeit als Druck.“

Über „Bild“

„Bewegtbild spielt bei „Bild“ neben mobilen Angeboten eine ganz zentrale Rolle. Das Internet eröffnet uns die fantastische Chance, in einen Bereich vorzudringen, der bisher den Fernsehsendern vorbehalten war. Wir sehen großes Wachstumspotential im Mobil- und Bewegtbildbereich, dort liegen auch die großen Investitionen bei „Bild“.

Über die Finanzierbarkeit von Onlinejournalismus

Die Tragik des menschlichen Denkens besteht ja darin, dass es immer begrenzt ist und man versucht, alles aus dem heutigen Ist-Zustand heraus zu erklären. Die Gründer unserer Tageszeitungen hätten sich vor 60 Jahren auch nicht vorstellen können, wie viel Umsatz sich einmal mit Stellenzeigen, Immobilienanzeigen und Handelswerbung erzielen lässt. All das ist irgendwann einfach gekommen. Ich würde daher die Finanzierbarkeit des Onlinejournalismus nicht auf Werbung oder Paid Content reduzieren wollen. Es bedarf Kreativität, Unternehmergeist und ein bisschen Geduld. Auch unser Printgeschäft ist nach wie vor noch sehr stark. Ich sehe gar keinen Grund für Alarmismus.“

Über Facebook und Google

„Wie das Geschäftsmodell von Google und Facebook aussieht, wissen wir: nämlich die Menschen im Netz zu verfolgen und die aus dieser Verfolgungsjagd gewonnenen Daten zu verwerten. Wenn die Menschen dem aktiv zustimmen können, finde ich das in Ordnung. Wenn sie es nicht können oder nicht aktiv bejahen, haben wir es nicht nur mit einem medienpolitischen, sondern noch mehr mit einem gesellschaftspolitischen Problem zu tun.“

Über die nationale Werbevermarktung von Tageszeitungen

„Die Branche wird nur vorankommen, wenn es größere Einheiten gibt, die sich gemeinsam vermarkten. Die Frage ist immer, welche Alternativen es gibt. Das Medienhaus Deutschland? NBRZ? Ich sehe die Entwicklung in der nationalen Zeitungsvermarktung wirklich ganz ohne Häme, aber Tatsache ist doch, dass sich Asmi vor den genannten Vermarktungsorganisationen nun wirklich nicht verstecken muss, ganz im Gegenteil. Ich kann aber auch sehr gut verstehen, dass sich viele Regionalverlage noch unsicher sind und sich mit der Entscheidung schwer tun. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Zeitungsbranche nur dann vorankommen wird, wenn sie sich zu größeren Vermarktungseinheiten zusammenschließt.“

Über Welt/N24

„Ich kenne keinen zweiten Zusammenschluss einer Zeitung mit einem TV-Sender mit dem Ziel, vor allem digital zu wachsen. Wir sehen die große Chance für Welt/N24, ein digitales Leitmedium im Segment Qualitätsjournalismus zu werden. Aktuell beobachten wir die Entstehung einer ganzen Reihe von digitalen Angeboten in diesem Bereich, von denen sich nur wenige dauerhaft werden durchsetzen können. Das Ziel von Welt/N24 ist es, mit der Produktion von Text, Foto, TV und Bewegtbild in einer Redaktion unter der Führung von Jan-Eric Peters die erste Wahl unter den Digitalangeboten zu werden. Worauf es jetzt ankommt, ist, das alles zusammenzudenken. Beispiele für die journalistische Kraft der neuen Organisation gibt es bereits mit der trimedialen Reportage zum Thema Angst oder zu „10 Jahren Youtube“.“

Über den Zeitplan für Welt/N24

„Uns ist bewusst, wie groß die Erwartungshaltung ist – und deswegen lassen wir uns auch jetzt Zeit, um Stärken auszubauen und die gemeinsamen Chancen für das Digitale zu nutzen. Sie werden schon in drei Jahren Welt/N24 nicht wiedererkennen. Es geht darum, neue große publizistische Ideen zu entwickeln und umzusetzen.“

Über die Verpflichtung des ehemaligen Funke-Chefs Christian Nienhaus

„Ich habe Christian Nienhaus in den Verhandlungen mit Funke außerordentlich geschätzt. Neben Asmi ist der Vertrieb unsere wichtigste Umsatzsäule. Dafür wollte ich unbedingt den besten Mann. Und genau das ist Christian Nienhaus.“ js

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