Augstein "Quersubventionierung von Journalismus steht auf wackeligen Beinen"

Montag, 10. Februar 2014
Jakob Augstein (c) Gudrun Senger
Jakob Augstein (c) Gudrun Senger

Warum ist es für Medienleute so spannend, sich mit Jakob Augstein zu befassen? Weil er sich multimedial exponiert in seiner Kolumne auf Spiegel Online, in TV-Talkshows - er hat sogar eine eigene -, weil er Bücher schreibt? Weil er da nachdenkenswerte Gedanken äußert sowie steile Thesen, die erkennbar nur provozieren sollen? Weil er der Adoptivsohn ist von "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein und der leibliche Sohn von Schriftsteller Martin Walser? Weil er die Augstein-Erbengemeinschaft führt, die 24 Prozent am "Spiegel" hält? Ja, von allem etwas. Hauptsächlich aber deshalb, weil Augstein selber Verleger ist. Vor genau fünf Jahren erschien die erste Ausgabe der von ihm gekauften und dann umgebauten kleinen linken Wochenzeitung "Der Freitag" - Zeit für eine erste Bilanz. Und es war Augstein, der den Großverleger Hubert Burda jüngst auf dessen Digitalkonferenz DLD zu dem Bekenntnis getrieben hatte, dass allein mit Journalismus im Netz heute niemand mehr überleben könne.

Augstein, 46, hat hier noch nicht so resigniert. "Nur die zwei, drei größten journalistischen Portale können allein von Werbung leben", sagt er zwar im Gespräch mit HORIZONT. Er befürchtet, dass sich daran nichts ändern wird. Und da er von Quersubventionierung à la Burda ebenso wenig hält wie von Stiftungsmodellen, müsse es eben anders gehen: "Alle anderen Portale müssen ihre Leser dazu bewegen, zu zahlen." Daher sollte man Axel Springer bei seinen Versuchen mit Bezahlinhalten Erfolg wünschen, so Augstein.

In HORIZONT (Ausgabe 6/2014, erschienen am 6. Februar) lesen Abonnenten, wie er das bei seinem "Freitag" hinbekommen will, wie er seinen kleinen Titel in die schwarzen Zahlen führen will - und warum er das alles überhaupt macht. Und hier in HORIZONT.NET: Sechs Fragen an Jakob Augstein zur Finanzierung von Journalismus. rp

6 Fragen an Jakob Augstein

-
-
Herr Augstein, warum sind Sie skeptisch gegenüber Burdas Quersubventionierung von Focus Online durch Dating- und Urlaubsportale? Ich habe an sich nichts gegen Quersubventionierung von Journalismus, aber sie steht auf wackeligen Beinen. Hubert Burda traue ich das zu - doch würden seine Nachfolger das fortsetzen? Axel Springer hat seine "Welt" lange Zeit mit "Bild"-Gewinnen unterhalten - aber Gruner + Jahr hat bei der "FTD" schließlich den Stecker gezogen. Mit Quersubventionierung kann man auf Dauer nicht zufrieden sein.

Sind Stiftungen besser? Nein. Auch ein Journalismus, der von einer Stiftung bezahlt wird, ist abhängig. Das kann niemand wollen, am allerwenigsten die Journalisten.

Verhindern nicht die öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Apps rentable privatwirtschaftliche Nachrichtenangebote im Netz, Stichwort Marktverzerrung? Das finde ich nicht. Die "Tagesschau"-App ist technisch innovativ und journalistisch hervorragend gemacht - und das ist auch richtig so, weil zum Auftrag der Grundversorgung eben auch das Internet gehört. Wer das nicht will, muss den Verfassungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ändern. Aber "Der Freitag" hat damit ohnehin kein Problem. Wir liefern ja keine Grundversorgung, sondern begleiten unsere Leser als Orientierungs- und Haltungsmedium durchs aktuelle Geschehen. Unser Netzauftritt soll die Marke bekannt machen und einen einfachen Zugang zu unserer Zeitung und bald auch zur App ermöglichen.

Was ist Ihr Ziel? Plus/minus null - oder wollen Sie trotz kapitalismuskritischer Haltung auch mal Gewinne machen? Das oberste Ziel ist, keine Verluste mehr zu machen - nur dann kann die Zeitung überleben. Mitte bis Ende 2015 könnte es soweit sein. Danach haben wir alle Zeit der Welt.

Rendite ist so gar kein Ziel für Sie als Kapitalgeber? Da gilt der alte Satz: Wir wollen Geld verdienen, um Zeitung zu machen, nicht Zeitung machen, um Geld zu verdienen.

Bis dahin subventionieren Sie Ihre Zeitung wie Burda sein Focus Online quer, nur eben direkt aus Ihrem Privatvermögen ... Sagen wir mal, als Renditeobjekt würde ich den "Freitag" nicht empfehlen.
Meist gelesen
stats