Aufklärung statt Trash Das andere Gesicht von RTL

Dienstag, 29. April 2014
Wallraff: Hilfe für die Entrechteten und RTL (Foto: RTL)
Wallraff: Hilfe für die Entrechteten und RTL (Foto: RTL)
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„Wild Girls", „Sieben Tage Sex" und „Sekretärinnen" war gestern. Dem „Team Wallraff" gehört die Zukunft, zumindest aus der Sicht von RTL. Der Kölner Sender ist dabei, sich gegen ARD und ZDF als Sender für zeitgemäßen Enthüllungsjournalismus zu positionieren. Ein Kommentar von HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz. Die erste Folge von „Team Wallraff" und anschließendes „RTL Extra" zeigten: Die Kombination von, vorsichtig gesprochen, einprägsamen TV-Bildern einerseits und ungefilterter Empörung  in den sozialen Netzen andererseits kann, wenn nicht zur kompletten Neuerfindung, dann aber doch zu einer vorteilhaften Feinjustierung eines Sender-Gesichts führen.

Zalando war sozusagen die teilweise missglückte Vorübung. Mit „Team Wallraff" hat sich auf einmal RTL als Sender für investigativen Journalismus positioniert, eine Rolle, die eigentlich eher im Bildungsauftrag gebührenfinanzierter Sender festgeschrieben ist.

RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann hatte schon anlässlich der Programmpräsentation im vergangenen Sommer formuliert, dass RTL wieder mehr Experimente wagen und neue journalistische Formate lancieren würde. „Team Wallraff" ist nicht das erste, wohl aber das deutlichste Indiz dafür, dass mit Hoffmann ein „leidenschaftlicher Inhaltemann mit exzellentem Programmgespür" (CEO Anke Schäferkordt) im Februar 2013 das Ruder in Köln übernommen hat.

„Team Wallraff" hat nichts gemein mit einer eher anspruchsvoll daherkommenden Arte-Reportage. Auch Spiegel TV ist in Bild und Text deutlich intellektueller als das, was RTL gestern präsentierten. Aber: Team Wallraff ist auch kein Trash, sondern Boulevard TV.

Sogar ziemlich gutes.

Klar gibt es genügend Kritikpunkte, als da beispielsweise wäre: Die Musik dröhnt unententwegt unheilvoll und bedeutungsschwanger über ohnehin schon bedeutungsschwangeren und unappetitlichen Bildern von Fleisch und Salaten jenseits des Haltbarkeitdatums. Mit den Angestellten von Burger King hat man dauerhaft Mitleid und bisweilen Angst um ihre Gesundheit - beispielsweise wenn sie mangels Dosenöffner mit einem riesigen Fleischermessser versuchen, Tomatendosen zu öffnen. Und Günter Wallraff wirkt bisweilen wie das dünkelhafte Abziehbild eines Enthüllungsjournalisten, wenn er einstudierte Empörung mimt und seine Reporterkollegen als ziemliche Anfänger ungewollt lächerlich macht: „"Da solltet ihr mal Proben nehmen und das einem Hygieneinstitut vorlegen. Ist das nicht am Ende ... gesundheitsschädlich?" Jaja, Chef, das ist eine gute Idee...


Und es ist von der medialen Inzenierung der RTL-Primetime an diesem Tag für die betroffenen Unternehmen einigermaßen perfide, zunächst Ekelbilder aus Burger-King-Filialen zu zeigen, dann die romantisch wirkende Wohlfühl-Atmosphäre eines Kuschel-Start-ups namens Wooga, um die Zuschauer zu guter Letzt mit den trostlosen Lagerhallen der Erfurter Zalando-Versandstelle zu verabschieden.

Doch im Gegensatz zur Zalando-Reportage, wo der Eindruck entstand, dass RTL eine Enthüllung dramatisiert, um einen Shitstorm zu erzeugen, scheint die Enthüllung über Burger King Deutschland und seinen Franchisenehmer Yiko Holding höchst real und ist möglicherweise nachhaltiger: Der Ekel vor Gammelfleisch ist dann doch größer als das Entsetzen über die Arbeitsbedingungen eines Versandhauses.

Auf neue Schuhe kann man notfalls verzichten, aufs Essen nicht. Aus diesem Grund stehen auch Unternehmen der Lebensmittelindustrie, teilweise zurecht, teilweise zu Unrecht, in  schöner Regelmäßigkeit im Zentrum von Shitstorms und Stürmchen. Dieser hier gehört schon zur Kategorie Shitstorm.

Es war eine kluge Grundidee der RTL-Redaktion, Günter Wallraff und sein Team auf Lebensmittel anzusetzen, zweitens sich einen Burgerladen,  den der Durchschnittszuschauer bei RTL bis gestern bestimmt gerne frequentierte, vorzuknöpfen und dann drittens sich von allen Franchisenehmern von Burger King den größten in Deutschland auszusuchen: Die Trefferfläche wird größer, die Wunden zahlreicher.


Eigentlich müsste Burger King den Vertrag mit Yiko wegen grober Geschäftsschädigung sofort kündigen. Doch wer soll dann die 91 Filialen führen? Für den Burger-Bräter, dessen Deutschland-Geschäft gerade angezogen hat, eine höchst delikate Situation. Dumm, dass die  Reaktion von Burger King nicht dazu führen wird, dass das rasch Unternehmen an Sympathie-Werten gewinnt. Man wolle einen Aktionsplan entwickeln, um sicherzustellen, „dass alle relevanten Vorgaben und Prozesse eingehalten werden", heißt es. Das ist Wischiwaschi und liefert Wallraff und RTL das schönste Argument, um Burger King für die redaktionelle Wiedervorlage in vier Wochen.

Auch von HORIZONT-Seite aus wird das RTL-Programm häufig kritisiert. Diesmal gibt es ein Lob: Team Wallraff war Aufklärung im Boulevard-Format. Bitte mehr davon, Frank Hoffmann.

 

 

 

 
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