Anschlag auf Charlie Hebdo "11. September für die westliche Pressefreiheit" - Das sagen die Medien

Donnerstag, 08. Januar 2015
Ausschnitt aus dem Cover der norwegischen "Aftenposten" zum Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo"
Ausschnitt aus dem Cover der norwegischen "Aftenposten" zum Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo"
Foto: Aftenposten

Das Attentat auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" gestern in Paris bestimmt die Nachrichten. Laut dpa soll die Polizei mittlerweile mehrere Verdächtige festgenommen haben. Die deutsche Presse und internationale Medien verurteilen den Anschlag aufs Schärfste, fordern Standhaftigkeit in Sachen Meinungsfreiheit. HORIZONT Online präsentiert ausgewählte Pressestimmen sowie die Cover der Tagespresse.

Berthold Kohler, "FAZ"

"Der Anschlag trifft eine kleine Zeitung, er gilt aber der ganzen freien Presse. Mehr noch, er stellt eine Kriegserklärung an die ganze freie Welt dar. Die Pressefreiheit ist, wie es das Bundesverfassungsgericht schon vor einem halben Jahrhundert ausdrückte, 'schlechthin konstitutiv' für den demokratischen Rechtsstaat. Er kann es nicht zulassen, dass Männer mit Kalaschnikows und Panzerfäusten bestimmen, was man sagen, schreiben, zeichnen und auch nur denken darf. Ein solcher Meinungskampf wäre das Ende der freien und offenen Gesellschaft." Mehr
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Gabor Steingart, "Handelsblatt"

"Die westliche Pressefreiheit erlebte gestern ihren 11. September. Einsamkeitsgefühle kommen auf. Die bittere Erkenntnis des gestrigen Anschlags lautet: Die Pressefreiheit kann von keinem Parlament, keinem Sicherheitsapparat, nicht von der Kanzlerin und nicht vom Präsidenten der französischen Republik garantiert werden. Es gibt für die Pressefreiheit nur ein Garantieren durch Praktizieren. Das publizistische Restrisiko bleibt." Mehr

Rudolph Chimelli, "Süddeutsche Zeitung", S. 4

"Das getroffene Blatt war stets respektlos in seinem Spott über Religionen - über alle Religionen. Es hat oft - aber längst nicht nur - den Islam verhöhnt. Eine Botschaft der Terroristen dürfte daher diese gewesen sein: Mit den christlichen Kirchen kann man derlei Spott treiben, vielleicht auch mit den jüdischen Orthodoxen. Mit dem Islam aber geht das nicht ohne Risiko."
„Können wir die Sorgen verdrängen, wenn es Menschen gibt, die die Frage, was Satire darf, mit Schusswaffen klären? “
Andreas Rüttenauer, "taz"

Kai Diekmann, "Bild"

"Die Terroristen wollen einen globalen Gottesstaat, in dem radikal-islamistische Gesetze den Alltag regeln und einschnüren. Das Einzige, was wir dagegen tun können, ist, furchtlos so zu leben, wie wir leben. Schreiben, was wir schreiben wollen. Zeichnen, malen, dichten, aussprechen, wonach uns der Sinn steht. Der Preis dafür kann in einer Welt des Terrors immer das Leben sein, das müssen wir stets wissen. Aber wenn wir nicht bereit sind, ihn zu zahlen, sind wir auch nicht frei." Mehr

Stefan Kuzmany, "Spiegel Online"

"Wer am Tag des Anschlags meint, es sei jetzt die Gelegenheit gekommen, sich selbstzufrieden damit zu brüsten, ja schon lange vor gewaltbereiten Islamisten gewarnt zu haben, wie es die Pegida-Organisatoren auf ihrer Facebook-Seite tun, wer jetzt versucht, aus dem schrecklichen Anschlag politisches Kapital für seine rückwärtsgewandte Partei zu schlagen, wie es der AfD-Funktionär Alexander Gauland tut, hat zwar die Freiheit dazu, doch er betreibt ein verabscheuungswürdiges Geschäft mit der Spaltung der Gesellschaft." Mehr

Dirk Schümer, "Die Welt"

"Wir alle aber müssen ab sofort hinschauen, wenn (...) auch bei uns den Opfern bei "Charlie Hebdo" die Schuld an ihrer eigenen Ermordung zugeschrieben wird. Motto: Warum mussten sie sich auch mit dem Islam anlegen. In diese verheerende Linie passt die duckmäuserische Sprachregelung der ARD, die in ihren Nachrichten noch Stunden nach dem Pariser Anschlag verkündet, ein islamistischer Hintergrund sei unbestätigt." Mehr
Charlie Hebdo
Bild: Charlie Hebdo

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Satiremagazin Charlie Hebdo Mindestens zehn Tote bei Anschlag in Paris

Christian Bommarius, "Frankfurter Rundschau"

"Und für wen, für was sind die Karikaturisten gestorben? Für die NPD, für Pegida, für Alexander Gauland von der AfD, die sich der Mordopfer sogleich bemächtigten, als die Leichen noch warm waren, und sie als Zeugen aufriefen gegen die vermeintliche Islamisierung Europas, als Helfershelfer ihrer menschenfeindlichen Ressentiments in Dienst nahmen und zu Komplizen ihres Hasses erklärten." Mehr

Malte Lehming, "Tagesspiegel"

"Für Mord und Terror gibt es keine Rechtfertigung. Deshalb verbietet sich jede anklagende Ursachenforschung. Wer jetzt mit erhobenem Zeigefinger über Integrationsprobleme, Diskriminierung, hohe Arbeitslosigkeit, die Rhetorik von Le Pen oder blasphemische Zeichnungen redet, verwischt die Grenze zwischen Gesellschaft und Gewalt. Ebenso grotesk wäre es, zur Erklärung der Taten aus dem Koran zu zitieren, um den Islam als latent gewalttätige Religion zu entlarven, dessen Anhänger das Abendland unterwandern und dessen Werte abschaffen wollen. (...) Was stattdessen nottäte, wäre eine gemeinsame Wiederentdeckung der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit." Mehr

Uwe Vorkötter, "HORIZONT"

"Es gibt Menschen, die finden, dass Satire nicht alles darf. Dass sie die Grenzen des guten Geschmacks nicht überschreiten sollte. Dass sie religiöse Gefühle nicht verletzen sollte. (...) Heute allerdings geht es nicht um persönliche Ansichten über den Journalismus im Allgemeinen oder seine satirische Variante im Besonderen. Heute geht es nur um die Freiheit. Um die von "Charlie Hebdo", so unerbittlich, so provokativ, so kompromisslos, so polemisch auf die Welt zu blicken wie es Zeichner und Schreiber für richtig halten. Und um die Freiheit aller Medien, die allein ihren Lesern, den weltlichen Gesetzen und ihrem eigenen Gewissen verantwortlich sind. Keine religiöse Autorität und niemand, der sich diese Autorität anmaßt, hat ihnen vorzuschreiben, ob und was sie zu schreiben, abzubilden oder zu zeichnen haben." Mehr

Jochen Bittner, "Die Zeit"

"Der Dschihad hat nicht nur Länder erobert, sondern auch die Popkultur, und es ist eben keine Fantasiereligion, auf die all die Al-Kaida-Fans, Syrien-Reisenden und die Mörder von Paris oder Kobani ihre Brutalität gründen. Es ist vielmehr leider noch immer eine Religion, die die europäische Aufklärung nicht durchlaufen hat. Genau dies ist aber die Zumutung, die dem Islam auferlegt werden muss, wenn er wirklich zu einem Teil Europas werden will. Sie muss nicht so weit reichen, über Mohammed-Karikaturen lachen zu können. Aber bis kurz davor muss sie sehr wohl gehen. Diese Zumutung hätte viel früher formuliert werden müssen. Es nützt nichts, Lessings Ringparabel hochzuhalten, wenn am Ende nur der Vortragende tolerant bleibt." Mehr
Je suis Charlie
Bild: Screenshot Twitter

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#JesuisCharlie Welle der Solidarität mit "Charlie Hebdo"

Andreas Rüttenauer, "taz"

"Ziel von Terroristen ist es immer auch, Angst und Schrecken zu verbreiten. Mit dem Anschlag vom Mittwoch ist nun Angst eingekehrt in die Redaktionen. Es wird schwer sein, mit den Ängsten umzugehen, die die Mörder in das Bewusstsein der Journalistinnen und Journalisten geschossen haben. Können wir die Sorgen verdrängen, wenn es Menschen gibt, die die Frage, was Satire darf, mit Schusswaffen klären? Wer sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlt, ist alles andere als frei. Freiheit von Angst ist eine entscheidende Voraussetzung für Freiheit – auch für Pressefreiheit." Mehr

Internationale Medien

Andrew Hussey, "New York Times"

"What was gunned down on Wednesday in Paris was a generation that believed foremost in the freedom to say what you like to whomever you like. Parisians pride themselves on what they call 'gouaille', a kind of cheeky wit, based on free thinking and a love of provocation, that always stands in opposition to authority. The awful killings are the direct opposite of all that: the merciless massacre of the Parisian mind." Mehr

Simon Jenkins, "Guardian"

"There can be no doubt that the magazine Charlie Hebdo was testing the boundaries of taste and religious tolerance. But that is the burden freedom of speech in a democracy has to bear. The US bore it recently with its satire on North Korea’s leader; it was the risk Charlie Hebdo took, and knew it was taking." Mehr

Catherine Monroy, "The Independent"

"What happened at Charie Hebdo’s offices is only the most recent episode of a self-fulfilling prophecy which started with 9/11. The human need to identify enemies is creating real enemies over the world. It is dangerous to play with fire." Mehr

Douglas Murray, "Daily Mail"

"The cold-blooded outrage in Paris is not a story about one magazine or one country – and it is not just about freedom of the Press. It is about the right of every single one of us to be free to express ourselves. And it is high time the nations of Europe woke up to how gravely that right is under threat." Mehr
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