Andrea Malgara "Wer heute sagt, Print ist tot, wird sich vor den Zeitungen von dieser Welt verabschieden"

Donnerstag, 27. Oktober 2016
Andrea Malgara, Petri Kokko und Eun-Kyung Park (v.l.)
Andrea Malgara, Petri Kokko und Eun-Kyung Park (v.l.)
Foto: Medientage München

Das Thema funktioniert immer: Vertreter aller Gattungen treffen sich bei den Medientagen München zum Schlagabtausch um die Werbeeuros. Am Ende gewinnt zwar höchstwahrscheinlich Google – aber sogar den Tageszeitungen wird plötzlich wieder eine blühende Zukunft vorausgesagt.
Klar ist: Die Zeit der 0815-Lösungen ist vorbei, nicht erst seit heute. Um ein möglichst großes Stück vom Werbekuchen abzubekommen, müssen Mediengattungen vielmehr in vielen anderen Bereichen punkten: Individualisierung, Regionalisierung und Technologisierung sind die Herausforderungen unserer Zeit. Und die Wettbewerber sind mächtig: Schätzungen zufolge landen zwischen 70 und 85 Prozent der digitalen Werbeerlöse schon jetzt bei Google und Facebook, Tendenz wahrscheinlich steigend. Denn während andere noch an der Ladezeit ihrer Mobile-Pages basteln, beschäftigt sich Google seinem Agency-Chef Petri Kokko zufolge nicht nur mit mobiler Suche, Video und Programmatic, sondern längst schon mit dem Boom-Thema der Künstlichen Intelligenz. Zur Debatte steht der Vorsprung der Internetunternehmen in der von HORIZONT-Chefreporter Jürgen Scharrer moderierten Runde also nicht – vielmehr geht es um die Frage, was die klassischen Gattungen Tageszeitungen, TV und Radio dagegen oder zumindest parallel dazu tun können. Im Fokus der Aufmerksamkeit, momentan sicherlich Heiko Genzlinger mit seinem neuen Zeitungsvermarkter Score Media. Seit Mitte April bündelt er zusammen mit seinem Führungsteam um Judith Sterl und Christian Zimmer die nationale Vermarktung von 23 regionalen Verlagshäusern. Offenbar mit ersten Erfolgen: "Wir konnten bereits einige Neukunden gewinnen, die schon zwei Jahre keine Tageszeitung mehr gebucht haben." Ursächlich dafür seien die gute Marktdurchdringung von Score Media, das Angebot eines "One-Stop-Shop" mit klaren Formaten sowie intermedial vergleichsfähige Preise.

Große Erwartungen an Score Media formuliert am Donnerstag auch Andrea Malgara, Geschäftsführer der Mediaagentur Mediaplus: "Wenn ich einen Beilagenflight für Deichmann buchen will, muss ich mit mindestens 70 Regionalverlagen sprechen. Das muss einfacher werden." Abgesehen davon gibt es in der Branche selten gewordene Worte zu hören: "Natürlich kann ich den Tageszeitungen eine positive Zukunft bescheinigen. Die, die heute sagen, Print ist tot, werden sich definitiv vor den Zeitungen von dieser Welt verabschieden", sagt Malgara in München. Mediaplus-Berechnungen zufolge befindet sich die Gattung aktuell netto auf Wachstumskurs.

Das Selbstbewusstsein, das den Tageszeitungen deshalb gut zu Gesicht stehen würde, legt auf dem Podium aber vor allem die Vertreterin des TV-Lagers, Eun-Kyung Park, an den Tag. Die  Geschäftsführerin der Seven-One Adfactory bietet nicht nur Google-Mann Kokko Unterstützung für Youtube an, sie appelliert auch an ihre Gattungskollegen Genzlinger und Florian Ruckert (RMS), schnell Tempo aufzunehmen und ihre Hausaufgaben in Abwicklung und Angebotsstandards zu erledigen. "Tageszeitungen und Radio müssen erst einmal auf das Soll kommen, auf dem sich TV längst befindet." Man selbst beschäftige sich längst mit neuen Geschäftsmodellen, Innovationen und Adtech, oder versuche "immer mehr regionale Inhalte einzubinden, selbst wenn es verboten ist. Wir sind findig." Mediaplus-Manager Malgara, der auf der Bühne als eine Art Schiedsrichter zwischen den Gattungen fungiert, kontert: "Auch die Buchungssysteme im TV haben sich seit 1995 null entwickelt. In 21 Jahren hätte man schon längst Schnittstellen öffnen und Agenturen viel Arbeit ersparen können."

Interessant ist abschließend der Ausblick des scheidenden RMS-Geschäftsführers Ruckert. Ihm zufolge wird sich die Medienwelt künftig auf drei grundsätzliche Angebote reduzieren: das Lesen, den Konsum von Video und Audio. Die Stärksten? Die beiden Letztgenannten und allen voran Audio: "Das wird dramatisch an Bedeutung gewinnen. Überlegen Sie sich nur einmal, was mit Geräten wie Amazon Echo alles möglich sein wird!" kan
Meist gelesen
stats