Analyse zum neuen Donnerstagabend bei RTL Verrückte Frauen in Serie

Freitag, 23. August 2013
"Doc meets Dorf", "Christine" und "Sekretärinnen" starteten bei RTL
"Doc meets Dorf", "Christine" und "Sekretärinnen" starteten bei RTL


Die deutsche Serie – das ist das Trauma der hiesigen TV-Macher. Die goldenen Zeiten von „Schwarzwaldklinik“ und dem deutschen Denver-Clan „Das Erbe der Guldenburgs“ sind lange vorbei. Auch große Erfolge wie „Berlin, Berlin“ liegen mittlerweile ein Jahrzehnt zurück. Hoffnung gab es zwischenzeitlich mit „Doctor’s Diary“ auf RTL sowie „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“ auf Sat 1 – doch alle Versuche, an diese Erfolge anzuknüpfen, blieben in den vergangenen Jahren erfolglos. Erst 2012 scheiterte Sat 1 erschreckend damit, den für deutsche Serien gelernten Sendeplatz am Montagabend um weitere Formate zu ergänzen. Nicht eine der drei gezeigten Serien schaffte es zu einer zweiten Staffel. Entsprechend nervös dürften die RTL-Redakteure in den vergangenen Tagen mit Blick auf den neuen Serien-Donnerstag gewesen sein. Mit „Doc meets Dorf“, „Christine“ und „Sekretärinnen“ hat der Sender gestern Abend gleich drei neue Formate gestartet. Es sind allesamt Eigenproduktionen, teilweise schon 2012 angekündigt und dann wieder verschoben. Damit versucht RTL den Donnerstag komplett neu aufzubauen. Wie ernst es dem Sender damit ist, zeigt allein das Line-up. Während „Doctor’s Diary“ noch das Problem hatte, zu nichts im RTL-Programm so recht zu passen und deshalb in Doppelfolgen versendet wurde, ist die Zeitschiene mit den drei Serien abendfüllend aufgebaut. Das ist programmplanerisch sinnvoll, aber eben auch mutig, waren die Zuschauer dort doch bislang die Krimiserie „Alarm für Cobra 11“ gewohnt – also ein völlig anderes Genre als die humorvollen Formate, die nun laufen.

Die erste Bilanz sorgt zwar nicht für Euphorie, aber doch für Erleichterung. Ein Desaster wie das, das Sat 1 mit „Es kommt noch dicker“, „Auf Herz und Nieren“ und „Der Cop und der Snob“ erlebt hat, bleibt aus. „Doc meets Dorf“ um 20.15 Uhr holte bei den 14- bis 49-Jährigen 17,1 Prozent Marktanteil und erreichte 2,74 Millionen Zuschauer, „Sekretärinnen“ 15,1 Prozent Marktanteil und 2,33 Millionen Zuschauer, „Christine“ 14,6 Prozent und 2,32 Millionen Zuschauer. Es ist ein solider Start, gemessen am bisherigen Jahresschnitt des Senders von 15,1 Prozent. „Wir sind mit dem Start unserer neuen Serien, die auf diesem Sendeplatz auch eine neue Programmfarbe bedienen, zufrieden“, kommentiert Claus Richter, Leitender Redakteur für die RTL-Fiction, denn auch die Quoten. Euphorie – das klingt sicher anders.

Dabei darf man schon sehr zuversichtlich sein, dass RTL mit dem Line-up ein Wurf gelingt. Denn es sind nicht nur handwerklich gut gemachte Serien, sie haben auch das nötige Herz, um die Zuschauer bei der Stange zu halten. pap

Lesen Sie auf den folgenden Seiten die Einzelkritiken zu den Sendungen

(Bild: RTL / Gordon Mühle)
(Bild: RTL / Gordon Mühle)

„Doc meets Dorf“

In „Doc meets Dorf“ erfährt die angehende Oberärztin und Herzchirurgin Fritzi Frühling, dass sich ihr Kollege und Lover mit einer anderen verlobt. Ihre avisierte Stelle als Oberärztin wird unsicher, nachdem sie ihm im OP gepflegt zwischen die Beine tritt. Und dann ist da noch die Beerdigung ihrer Tante, zu der sie nach Kanada, dem Dorf ihrer Kindheit, fahren muss. Wie der Zufall so will, wird dort, im tiefsten Brandenburg, gerade händeringend eine Ärztin gesucht und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Das angefahrene Schaf wird per feinchirurgischer OP gerettet, der Stromgenerator auf dem von der Tante geerbten Bauernhof muss per Fahrrad angetrieben werden und die Feindin der Kindheit fällt ins offene Grab. Der gut aussehende Bauer Kai (Steve Windolf) und der ebenso gut aussehende Tierarzt Falk (Bert Tischendorf) machen sich bei den Zuschauern beliebt – wenn auch noch nicht bei Fritzi. Und natürlich wird die ambitionierte Jungärztin alle naselang mit Dreck bespritzt und versinkt mit den Armen tief im Rinder-Po.

Alles ist ein wenig überdreht, die Fäkalsprache zu laut, Inez Bjørg David, die Fritzi spielt, ein wenig zu jung, um schon Oberärztin zu werden, und doch bleibt man dran, denn alle Figuren haben viel Herz und auch wenn man schon jetzt weiß, dass Fritzi ihre Großstadt-Karriere sausen lassen wird, um aufs Land zu ziehen, um dort zwischen Kai und Falk hin- und hergerissen zu sein, so möchte man doch wissen, wie es der pfiffigen Bürgermeisterin gelingt, sie zum Bleiben zu überreden und wie Fritzi und Asiatin Nene (Linda Chang) von Feinden zu Freunden werden. „Doc meets Dorf“ trägt deutlich die Handschrift von Teamworx-Produzentin Steffi Ackermann, die auch bei „Doctor’s Diary“ mit im Boot war, und hat gute Chancen, der nächste große Erfolg zu sein. pap

(Bild: RTL / Christiane Pausch)
(Bild: RTL / Christiane Pausch)

„Christine – Perfekt war gestern“

Um 21.15 Uhr legt RTL mit einer Sendung nach, die Chance und Bedrohung zugleich in sich birgt: „Christine – Perfekt war gestern“ bietet locker-leichte TV-Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. Für Zuschauer, die nach einem langen Tag einfach nur die Seele baumeln lassen wollen, mag die von der Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft produzierte Serie perfekt sein. Für Zuschauer mit etwas mehr Anspruch könnte sich das Format als zu seicht erweisen, denn die Komplexität der Handlung strebt gegen null.

Die Handlung ist schnell beschrieben: Die 30-jährige Hauptfigur Christine ist eine geschiedene Mutter, die miterleben muss, wie sich ihr Ex eine viel Jüngere anlacht. Ihren verletzten Stolz versucht sie zu kurieren, indem sie ihren „Marktwert“ testet und flirtet was das Zeug hält – natürlich mit allen dazugehörigen Hindernissen. Man darf festhalten, dass Diana Amft aus der Protagonistin ähnlich viel herausholt wie seinerzeit bei „Doctor’s Diary“. Charmant, sympathisch und verspielt mimt sie die frustrierte Christine, die sich nicht nur mit der unwilligen Männerwelt herumschlagen muss, sondern auch mit den nicht berufstätigen Helikoptermüttern an der Besserverdienenden-Schule von Christines Sohn. Dieser soll anscheinend für die Lacher zuständig sein: Auf Christines Frage, ob er wisse, wovon sie gerade gesprochen hat, schaut der Junge von seinem Videospiel auf und sagt: „Nein. Von Deiner Periode?“

Etwas bemüht hingegen wirken die Szenen, wenn Christine ihrem Ex und dessen neuer Freundin gegenübersteht. Die peinliche Berührtheit der drei kommt reichlich affektiert daher und vermag so nicht richtig zu überzeugen. Licht und Schatten also zur Premiere. ire
(Bild: RTL / Guido Engels)
(Bild: RTL / Guido Engels)

„Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“

Die von ITV Studios produzierte Comedy „Sekretärinnen“ überzeugt vor allem dank Hauptdarstellerin Ellenie Salvo González, die in der Serie die chaotische Neu-Sekretärin Katja verkörpert. Die Handlung ist schnell skizziert, da mit nicht wenigen Klischees angereichert: Die im Arbeitsleben gänzlich unerfahrene Katja wird eher versehentlich als Sekretärin des cholerischen Chefs Wolf Berger (Jochen Horst) eingestellt. Doch ist sie nicht die einzige, die in der Führungsetage der „Sonnenschein Toast AG“ Kaffee kochen und Akten kopieren darf, sondern vor allem eine willkommene Abwechslung für ihre beiden mobbingsüchtigen Kolleginnen Nicole (Susan Hoecke) und Melanie (Nina Vorbrodt). Letztere plagt sich außerdem mit ihrer unglücklichen Liebe zu Chef Markus Schoener (Thorsten Feller) herum, der – Überraschung! – ein Auge auf Katja wirft.

Die erwartungsgemäß kommenden Irrungen und Wirrungen im Büro, die Fallstricke der Kolleginnen und die eigene Tollpatschigkeit der Darstellerin sind kein schlechter Abschluss des neuen „Frauen-Donnerstags“ auf RTL. Das Problem ist nur: Das Genre „Büro-Comedy“ ist im deutschen Fernsehen schon besetzt, was im Grunde nicht schlimm wäre, würde es sich dabei nicht um den hervorragenden „Stromberg“ auf Pro Sieben handeln. Und wenn man nun in „Sekretärinnen“ den tobenden Boss Berger beobachtet oder die schrullig-tollpatschige Katja, fühlt man sich eben doch erinnert an „Papa“ Christoph Maria Herbst oder „Ernie“ Bjarne Mädel, wenn auch unfreiwillig. Denn inhaltlich muss sich RTL noch einiges einfallen lassen, um nicht wie ein billiger Abklatsch der Konkurrenz zu wirken. kl
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