Analyse Wie Focus Online den ewigen Rivalen Spiegel eingeholt hat

Freitag, 21. März 2014
Das Führungsteam von Focus Online: Daniel Steil, Ulf Heyden, Jürgen Schlott und Oliver Eckert (v.l.)
Das Führungsteam von Focus Online: Daniel Steil, Ulf Heyden, Jürgen Schlott und Oliver Eckert (v.l.)


Die aktuellen Internet Facts der Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung (Agof) hatten in diesem Monat ausnahmsweise mal eine echte Überraschung zu bieten: Mit knapp 12 Millionen Unique Usern hat das Nachrichtenportal Focus Online erstmals den großen Rivalen Spiegel Online hinter sich gelassen. HORIZONT.NET beleuchtet die Gründe für die erfolgreiche Aufholjagd. 11,98 Millionen Unique User registrierte die Agof im Januar für Focus Online - ein neuer Reichweitenrekord für das Portal von Tomorrow Focus. Im Vergleich zum Vorjahresmonat konnte die Website um stolze 24,3 Prozent zulegen. Im Ranking der größten deutschen Nachrichtenportale konnte sich Focus Online damit auf Platz 2 vorschieben - nur Bild.de hatte im Januar mehr Unique User. Noch wichtiger aus Sicht von Focus Online dürfte dagegen sein, dass man den ewigen Rivalen Spiegel Online erstmals überrunden konnte. Doch was sind die Gründe für den Erfolg?

Der Facebook-Effekt

Einer der wichtigsten Zugriffsbringer von Focus Online sind mittlerweile die sozialen Netzwerke - allen voran Facebook. Eigenen Angaben zufolge verzeichnte das Portal mittlerweile 1,5 Millionen Facebook-Fans - inklusive aller Ableger zu Themen wie Auto, Gesundheit und Finanzen. "Das ist ein sehr großer Hebel für unser Reichweitenwachstum", betont Oliver Eckert, Geschäftsführer von Tomorrow Focus Media im Gespräch mit HORIZONT. "Mittlerweile liegt der prozentuale Traffic-Anteil, den wir über die Social-Media-Kanäle wie z.B. Facebook erhalten, bei rund 9 Prozent", ergänzt Jürgen Schlott, Director Publishing Services von Tomorrow Focus Media. "Damit sind wir deutschlandweit unter den Nachrichtenportalen Spitze."

Allerdings setzt Focus Online dabei mitunter auch auf recht aufdringliche Methoden: Jedes Mal, wenn ein neuer User auf die Website geht, legt sich ein Layer über die Seite, der den Nutzer dazu auffordert, den "Gefällt mir"-Button anzuklicken. Viele Gelegenheits-Leser dürften den Button nach mehrfacher Aufforderung genervt angeklickt haben, um endlich ihre Ruhe zu haben.

Der Mobile-Effekt

Ein großer Wachstumstreiber - nicht nur für Focus Online - sind die mobilen Portale und Apps. "Wir konzentrieren uns sehr stark auf Mobile", betont Tomorrow-Focus-Chef Eckert: "Hier wird der Kampf in Zukunft entschieden." Und auch hier trägt die Strategie mittlerweile Früchte: In den aktuellen Mobile Facts 2013-III kommen die mobilen Angebote von Focus Online auf 4,3 Millionen Unique User - ein Zuwachs von fast 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Damit liegt Focus mittlerweile nur noch knapp hinter Bild.de mit 4,4 Millionen Unique Usern. Spiegel Online hat im mobilen Netz mit knapp 4,8 Millionen Unique Usern die Nase allerdings noch klar vorne.

Der HuffPo-Effekt

Einen nicht ganz so großen Effekt wie die mobilen Portale und die sozialen Netze dürfte das Schwesterportal Huffington Post auf den kräftigen Zuwachs von Focus Online haben - den einen oder anderen zusätzlichen Nutzer dürfte die HuffPo den Kollegen von Focus Online aber sicherlich ebenfalls bescheren. "Die Huffington Post hat mir dazu beigetragen, dass Focus Online so gut läuft. Es gibt einen engen Austausch zwischen den Redaktionen", sagt Chefredakteur Daniel Steil. Erste Zahlen will die HuffPo im April vorlegen.

Der Schumi-Effekt

Ein großer Faktor für den Reichweitensprung im Januar dürfte trotz allen organischen Wachstums auch die Berichterstattung über den Unfall von Michael Schumacher gewesen sein: Seit dem Unfall am 29. Dezember füttert die Redaktion von Focus Online mit jeder noch so kleinen News einen Live-Ticker. Der mittlerweile 22 Seiten und fast 100 Bilder umfassende Klickstrecke ist seit Monaten eine der zugriffsstärksten Meldungen von Focus Online.

Der Live-Ticker war im Januar der meistgeklickte Artikel einer deutschen Nachrichtenseite und ist auch aktuell noch die meistgelesene Meldung von Focus Online im Bereich Sport (Stand: 20. 3. 2014). Das Ressort glänzte neben den Bereichen Gesundheit und Finanzen denn auch mit den höchsten Wachstumsraten. Geschäftsführer Eckert legt jedoch auch großen Wert auf die Feststellung, dass Focus Online damals zudem sehr schnell reagiert hat: "Wir waren mit der Meldung in etwa 20 Minuten vor allen anderen Newsangeboten in Deutschland draußen. Das hat sich natürlich sehr positiv bemerkbar gemacht."

Der Integrations-Effekt

Einen wesentlichen Grund für die erfolgreiche Aufholjagd von Focus Online sieht der Geschäftsführer zudem in der integrierten Arbeitsweise des Unternehmens: "Wir sind ein Pure Digital Player", betont Eckert. Im neuen Newsroom - intern "Action Room" genannt - arbeiten Redakteure, SEO-Spezialisten, Software-Entwickler und Social Media-Manager Hand in Hand und auf Augenhöhe zusammen. "Das ist ein ganz wichtiges Unterscheidungskriterium gegenüber unseren Marktbegleitern", ist sich der Geschäftsführer sicher. Dass man bei Tomorrow Focus anders als bei Spiegel Online zudem keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Print-Redaktion nehmen muss, spielt dabei sicherlich auch eine Rolle.

Schnelligkeit und Nutzwert

Im redaktionellen Bereich setzt Chefredakteur Daniel Steil vor allem auf schnelle Nachrichten und Nutzwert. So habe man am schnellsten das Urteil von Bayern-Boss Uli Hoeneß verbreitet, zum Beispiel durch eine Eilmeldung in den Apps und auf den sozialen Kanälen: "Das bringt uns hohe Zugriffszahlen und eine nachhaltige Zufriedenheit und Bindung der Nutzer." Neben Schnelligkeit und aktuellen News vertraut Steil zudem auf eine Kernkompetenz von Focus Online: "Wir setzen gezielt auf qualitativ hochwertigen Nutzwert-Content und damit einen ursprünglichen Focus-Markenkern. Auch hier haben wir ein massives Reichweitenwachstum."

Insgesamt ist Focus Online im Januar auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorne gelungen. Ob das Nachrichtenportal die Führung behaupten kann, wird sich spätestens in einem Monat zeigen, wenn die Agof ihre Reichweitenzahlen für den Februar vorlegt. dh
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