"Alptraumartiger Witz" "New York Times"-CEO watscht in Cannes Google und Facebook ab

Dienstag, 20. Juni 2017
Mark Thompson, CEO der "New York Times"
Mark Thompson, CEO der "New York Times"
© NYT

An der Croisette werden sie immer mehr, ihre angemieteten Flächen größer: Google und Facebook, Internetkonzerne, Adtech-Unternehmen. Ihre mächtige Präsenz vor Ort hindert andere gleichwohl nicht daran, sie öffentlich abzuwatschen. "New York Times"-CEO Mark Thompson tat das am Dienstagvormittag: In einem Panel bezeichnete er digitale Werbung als "alptraumartigen Witz" und als "absolutes Schlamassel" - und das ist noch eher konservativ übersetzt.

Thompson reiht sich damit ein in die immer länger werdende und von P&G-Manager Marc Pritchard angeführte Liste derjenigen, die angesichts von Themen wie Adfraud, Bots und fragwürdigen Anzeigenumfeldern einen härteren Ton gegenüber Google und Co anstimmen. Vor allem Facebook greift Thompson an. Das soziale Netzwerk sei völlig außer Kontrolle geraten, weil es auf der Idee basiere, dass Inhalte und Umfeld im Vergleich zur spitzen Zielgruppenaussteuerung unwichtig seien. In Wirklichkeit aber gebe es mittlerweile kaum gefährlichere Umgebungen für Marken als das soziale Netzwerk.

Zustimmung bekommt der "NYT"-CEO von Jesse Angelo, CEO der "New York Post". Er kritisiert vor allem das Versprechen von Facebook zum Thema Brand Safety. "Selbst wenn auch nur eine Anzeige neben einem gewaltverherrlichenden Video auftaucht, ist das schon zu viel."

Die Kritik der beiden Publisher ist laut, aber sie ist nicht verwunderlich. Die Forderung in Richtung Google und Facebook, sich in der Brand-Safety-Diskussion wie Medienunternehmen zu verhalten und ihrer dementsprechenden Verantwortung nachzukommen, resultiert schließlich auch aus der Tatsache, dass die beiden Internetriesen genau dort - im Medienbereich - zu mächtigen Konkurrenten für die klassischen Publisher geworden sind. Doch bei weitem nicht alle lehnen eine Zusammenarbeit mit ihnen ab.

Nur ein paar hundert Meter weiter verkündet der US-amerikanische TV-Konzern Fox Media Networks zeitgleich eine neue Partnerschaft mit Googles Videoplattform Youtube. Beide arbeiten bei der Etablierung der im vergangenen Jahr auf den Markt gekommenen "Bumper Ads" zusammen. Dabei handelt es sich um sechs Sekunden lange Werbevideos, die nicht überspringbar sind und den Nutzer nicht zu lange stören sollen. Fox ist damit das erste Broadcast-Unternehmen, dass das Werbeformat einführt und zunächst digital, später möglicherweise auch im linearen Fernsehen zeigt. Von Skepsis dem mächtigen Partner gegenüber - keine Spur.

Auch Renato Fernández, CCO von TBWA, zufolge ist die Stimmung großartig, nicht nur in Cannes. Ihm zufolge müssen die Kreativagenturen die Transformation der Branche annehmen und mitmachen. Die zeitliche Beschränkung auf sechs Sekunden in den Youtube Bumper Ads ist für ihn ein wirkungsvolles Tool, wenn es um die "Perfektion von Werbung" geht, gar eine "Challenge für die Cannes-Community".
Google-Manager Matt Brittin bei den Cannes Lions.
Google-Manager Matt Brittin bei den Cannes Lions. (© HORIZONT)
Immerhin hatte sich Google-Manager Matt Brittin bereits vor den Lobes-Hymnen zur Brand-Safety-Debatte geäußert. Der Konzern habe sein Engagement und die Zusammenarbeit mit Regierungen und Experten "verdoppelt", um strengere Standards einzuführen und umzusetzen. "Es ist unsere Pflicht, unsere Plattform sicher und sauber zu halten. Aber wir befinden uns noch ganz am Anfang." Beeindruckt hätte diese Aussage "NYT"-Chef Thompson, der seine Wutrede ungefähr zeitgleich gehalten hat, sicherlich nicht. Vielleicht aber ein anderer Satz von Brittin: "Die meisten Werbungtreibenden glauben uns, was unser Engagement hinsichtlich Brand Safety betrifft. Sie bleiben Youtube treu." kan

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