Allensbach-Studie Wenige verpesten im Netz die Stimmung vieler

Dienstag, 08. November 2016
Renate Köcher
Renate Köcher
Foto: Allensbach

Renate Köchers Auftritte beim Publishers‘ Summit sind Tradition. Mal warnt die Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) die Verleger vor einem aufkommenden War of Talents (2011), dann wieder mahnt sie die Verleger, vor lauter Sparen nicht die Glaubwürdigkeit und journalistische Kompetenz zu beschädigen (2013). In diesem Jahr widmete sich die IfD-Geschäftsführerin dem Phänomen „Hate-Speech“, der schwindenden Diskursfähigkeit und der Orientierungslosigkeit angesichts einer Flut von Quellen und Nachrichten, nicht selten auch falschen.

Im Jahr 2011 kam das Allensbacher Institut zum Ergebnis, dass lediglich acht Prozent der Bevölkerung überhaupt schon einmal im Internet auf redaktionelle Inhalte reagiert hat. Jetzt, fünf Jahre später, kommt heraus, dass der Wert zumindest nicht exorbitant gestiegen ist, nämlich auf 14 Prozent. Zieht man die zwei Prozent ab, die sich dazu gar nicht äußerten, bedeutet das im Umkehrschluss: 84 Prozent der Bundesbürger geben an, noch nie online einen Artikel kommentiert oder anderweitig im Netz auf Redaktionelles reagiert zu haben. Geht man davon aus, dass nicht jeder im Netz gleich unsachlich wird, erscheint die Zahl derer, die die Kommentarspalten mit Unflat und Aggression fluten, fast vernachlässigenswert. Befragt wurden 1458 Personen. Die Studie im Auftrag des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) ist repräsentativ für die Bevölkerung ab 16 Jahre.

Wie wichtig ist es den Befragten überhaupt, Nachrichtenseiten im Netz und soziale Netzwerke als Forum für Meinungsäußerungen nutzen zu können? Knapp die Hälfte gibt in der Umfrage an, das sei ihr gar nicht, weitere 29 Prozent, das sei ihr „nicht so wichtig“. Nicht einmal jeder Fünfte legt großen oder sehr großen Wert darauf online seine Meinung kundzutun. Woher das rühren könnte, legen die Antworten auf die nächste Frage nahe. Demnach empfinden 43 Prozent der Befragten die Kommentare im Netz als überwiegend aggressiv, 28 Prozent als unqualifiziert. Debatten werden also jenen überlassen, die sich ohnehin wenig bis gar nicht um Streitkultur scheren.

Damit zu jenem Punkt, der den Verlegern am besten gefallen dürfte. Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) beurteilen nach Angaben des Instituts für Demoskopie Allensbach die Diskussionskultur in Zeitungen und Zeitschriften als am ehesten sachlich und höflich. Etwas schlechter weg kommt bei dieser Frage das Fernsehen, wozu die durchaus nicht immer zivilen Debatten in Talkshows auch ihren Teil beitragen dürften. Niederschmetternd ist der Wert im Internet. Lediglich vier Prozent der Bundesbürger empfinden Netzdebatten als sachlich und höflich. 

Ihre Entsprechung finden diese Werte bei der generellen Frage nach der Glaubwürdigkeit von Zeitschriften und Zeitungen im Vergleich zu sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Mehr als zwei Drittel entscheiden sich bei unterschiedlichen Meldungen über ein und dasselbe Ereignis, der Darstellungsweise von Zeitschriften und Zeitungen zu glauben. Lediglich acht Prozent vertrauen dem, was in sozialen Netzwerken verbreitet wird. Andere Umfragen deuten allerdings darauf hin, dass diese Werte bei Jugendlichen ganz andere sind. Bemerkenswert am Ergebnis der Allensbach-Studie ist, dass sich fast ein Viertel der Befragten unsicher ist, ob sie im Zweifel eher etablierten oder sozialen Medien als Quelle vertrauen sollen.

Natürlich hat sich die Allensbach-Studie „Relevanz und Glaubwürdigkeit der Medien“ auch mit dem Begriff der „Lügenpresse“ auseinandergesetzt und dabei zwischen Antworten aus Ost- und Westdeutschland unterschieden. Das Ergebnis: 39 Prozent aller Befragten sind der Ansicht, dass an diesem Vorwurf etwas dran sei. Im Westen sagen dies 37 Prozent, im Osten 44 Prozent. Hauptsächlich dazu beigetragen hat die Berichterstattung zum Thema Flüchtlinge. Die Hälfte war damit weniger oder gar nicht zufrieden. Bei den politisch Desinteressierten halten sich die Aussagen die Waage – was einmal mehr auf die Gespaltenheit in der Bevölkerung schließen lässt. usi

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