Alan Rusbridger Die fesselnde Keynote des Guardian-Chefredakteurs

Mittwoch, 15. Januar 2014
Alan Rusbridger auf dem HORIZONT Award (c) Thomas Fedra
Alan Rusbridger auf dem HORIZONT Award (c) Thomas Fedra

Es war eine bewegende Keynote, die „Guardian”-Chefredakteur Alan Rusbridger am Dienstagabend bei der Verleihung des HORIZONT Award in der Alten Oper in Frankfurt hielt. Mit der Veröffentlichung des Snowden-Materials habe der „Guardian“ „daran erinnert, was Journalismus ist und was er sein sollte“. Der politische Druck, die Informationen unter den Tisch fallen zu lassen, sei sehr groß gewesen. „Das Angebot Snowdens war ein Testfall für den unabhängigen Journalismus“, so Rusbridger. „Und es wäre ein verheerendes Signal an alle künftigen Whistleblower gewesen, wenn wir eingeknickt wären.“ Rusbridger dankte den deutschen Medienverantwortlichen ausdrücklich, die ihn in der schwierigen Situation sehr unterstützt hätten, denn: „Es gab auch viele Leute in der Branche, die blockiert haben, weil es um Fragen der nationalen Sicherheit ging.“

Um zu verstehen, warum ausgerechnet der „Guardian” an das Snowden-Material gekommen sei, müsse man einige Jahre zurückgehen. „Wir haben damals in der Redaktion darüber diskutiert, ob unser journalistisches Modell für die Zukunft ein offenes oder ein geschlossenes sein würde.“

Unter offen versteht Rusbridger ein System, das sehr viele Menschen, Meinungen und Ausdrucksformen einbezieht und auch neue Kommunikationsformen wie Blogs berücksichtigt. „Genau aus diesem Grund haben wir vor zwei Jahren Glenn Greenwald zum ,Guardian‘ geholt“, so Rusbridger. „Er war kein Journalist im herkömmlichen Sinne, sondern gleichermaßen auch Blogger und Aktivist. Er erreichte mit seinem Blog Millionen von Menschen und brachte diese mit zu uns. Greenwald arbeitet nach seinen eigenen Regeln und wäre für viele andere Zeitungen zu chaotisch und zu verwirrend gewesen.“ Doch genau das habe Edward Snowden fasziniert und letztlich dazu gebracht, sich an Greenwald zu wenden. Dieser habe das komplexe Material sehr umsichtig gewichtet und aufgearbeitet.

Der „Guardian“-Chefredakteur sieht vor dem Hintergrund der NSA-Affäre das Internet äußerst zwiespältig. Es biete einerseits sehr viele positive Möglichkeiten, habe aber auch eine „dunkle Seite. Genau vor diesem sinistren Aspekt hat uns Snowden gewarnt.“ Interessant sei die Tendenz, dass sehr viele Internetfirmen Interesse daran zeigen, auch Medienanbieter zu werden – man denke an Amazon-Chef Jeff Bezos, der die „Washington Post“ gekauft hat. Dabei wird künftig auch Greenwald mitmischen. Er ist an der Entwicklung eines neuen journalistischen Online-Mediums beteiligt, das von Ebay-Gründer Pierre Omidyar finanziert wird.

Rusbridger betonte, dass die NSA-Affäre auch für die Medienpraxis eine wichtige Frage aufwerfe – denn auch Journalisten neigen bekanntlich dazu, möglichst viel über andere Menschen wissen zu wollen: „Wir müssen alle darüber nachdenken, wie nah wir an die Personen, über die wir berichten, heranrücken wollen und dürfen.“ kj
Meist gelesen
stats