Ach Mensch Thomas Bily - Der Anti-Komfortzonen-Mann

Mittwoch, 05. Februar 2014
Thomas Bily (Foto: privat)
Thomas Bily (Foto: privat)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Thomas Bily, Ex-Burda-Verlagsmanager, jetzt geschäftsführender Gesellschafter von Seniorbook in München. Wann ist ein Mensch alt? Mit 17 dachte ich, mit spätestens 40 sei alles vorbei - wie wohl so viele andere. In der Werbeindustrie lag die Schallgrenze bei 49, doch die berühmte Werbezielgruppendefinition bröckelt gewaltig. Der Anteil der Menschen jenseits der 49 wächst und wächst, hat darüber hinaus Geld und konsumiert gerne. Und zwar nicht zwingenderweise Hörgeräte und beige Haus-Slipper. Darüber hinaus orientieren sich mehr Menschen denn je in der 2. Lebenshälfte neu. Viele gezwungenermaßen, weil sie ihre Jobs heute schneller verlieren. Andere freiwillig, weil sie ihren Erfahrungshorizont erweitern wollen und wissen, dass das Berufsleben noch verdammt lang sein kann. Rente mit 67? Wer glaubt das schon noch.

Screenshot der Seniorbook-Website
Screenshot der Seniorbook-Website
Das beste Anti-Beispiel des klischeehaften Bildes vom Silver Surfer ist Thomas Bily. Der 48-jährige Ex-Verlagsmanager, der bis 2011 in führenden Positionen bei Burda tätig war, wirkt mit seinem sportlich jungenhaften Aussehen locker viele Jahre jünger. Auch wenn er das selbst vermutlich gar nicht gerne hört. Denn Leute, die als "berufsjugendlich" durchgehen, sind ihm ein Gräuel. Der Niederbayer hat es sich für seine zweite Lebenshälfte zur Aufgabe gemacht, das Bild von der älteren Zielgruppe zu verändern. "Es geht um einen vernünftigen Umgang mit dem Alter. Ich habe keine Probleme, wenn ich morgens im Spiegel Falten und graue Haare sehen, Hauptsache ich bin fit und mache viel. Erfahrung und Weitsicht wird in unserer Gesellschaft total unterschätzt." Es folgen noch ein paar sehr kernige Sätze über Leute, die meinen, mit 58 noch knappe Designer-Jeans tragen zu müssen und den ganzen Tag in Münchens berüchtiger Schumann s Tagesbar rumzuhängen.

Bily weiß wovon er spricht, denn als Vorstand und Anteilseigner der Plattform Seniorbook, die im September 2012 an den Start ging, beschäftigt er sich jeden Tag intensiv damit, was ältere Zielgruppen bewegt. Die Ursprungsidee zur Plattform hatte der bayerische Bauunternehmer Alois Erl, der erhebliche finanzielle Mittel in die Entwicklung des neuen sozialen Netzwerkes investiert. Er ist ein Mandant von Bilys Schwester, die die beiden prompt miteinander bekannt machte. Nach mehreren Treffen und viermonatiger Schnupper- und Konzeptphase wagte Bily den Neuanfang.

Thomas Bily: Für mich ist der Job hier wie ein Lotto-Gewinn, nur mit anderen Auszahlungsbedingungen.“
20 Jahre lang war er erfolgreich in Verlagen gewesen, sein Ruf als extrem versierter Verkäufer ist nicht nur bei Medialeuten bekannt, doch die Aussicht, "sich raus aus der Komfortzone zu bewegen", gab willkommenen Anlass, sein altes Berufsleben hinter sich zu lassen. "Für mich ist der Job hier wie ein Lotto-Gewinn, nur mit anderen Auszahlungsbedingungen. Mir war klar, dass ich nicht später auf mein Leben zurückschauen wollte, um mich zu fragen, warum hast du das damals nicht gemacht?" Zusammen mit Erls Sohn Markus führt er das soziale Netzwerk, das bislang 80.000 registrierte Nutzer und 250.000 Unique User aufweisen kann. Das ist gegen die Zahlen von Facebook natürlich nur ein Klacks, aber Bily gibt sich zuversichtlich. Das Potential der online-affinen Zielgruppe 45+ liege bei 8 Millionen, erzählt er. Rekrutieren will er sie vor allem bei jenen älteren Deutschen, die mit der Selfie- und Selbstinszenierungs-Kultur von Facebook nichts anfangen können. Seniorbook hat den hehren Anspruch, Menschen wirklich miteinander zu vernetzen und ins Gespräch zu bringen. Die User sollen über Themen, Diskussionen oder Kommentare gemeinsame Interessen entdecken. Auch Initiativen wie Vereine und soziales Engagement spielen auf der Plattform eine große Rolle und somit der Gedanke des sich gegenseitigen Helfens. Bily selbst beschreibt Seniorbook in Abgrenzung zu Facebook als kleineres, kompaktes Schiff, wo viel mehr Betrieb herrsche und sich alle auf einem Gemeinschaftsdeck treffen . Auffällig ist, dass der überwiegende Teil der Seniorbook-Nutzer mit Klarnamen arbeitet und zahlreiche selbst erstellte Inhalte, etwa Artikel zu ihren Hobbies oder Reisen, postet.

Thomas Bily: Ich habe keine Probleme, wenn ich morgens im Spiegel Falten und graue Haare sehen, Hauptsache ich bin fit und mache viel.“
Daneben will Seniorbook aber auch eine Lobby für seniore Menschen in unserer Gesellschaft sein. "Es wird zwar besser, aber im Grunde erleben wir nach wie vor eine mangelnde Wertschätzung gegenüber älteren Menschen und ihren Lebensleistungen. Unsere Gesellschaft beraubt sich einer ganzen Lebensphase, wenn Ältere, die noch fit im Kopf sind, einfach ausrangiert werden." Thomas Bily bewegt das Thema sichtlich und so scheut er sich nicht, auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu schimpfen, die ihm überall begegnen. Vor allem bei Behörden und Verbänden sei ein tradiertes Bild von älteren Menschen gang und gebe und treibe diese in eine Ghettoisierung. Ein vernünftiges Altersbild muss sich für ihn zwischen beige und pseudo-hip erst noch einpendeln, auch wenn er auf Industrieseite schon Entwicklungen sieht, "die in die richtige Richtung gehen". Dass diese Aufgabe und der Aufbau der neuen Plattform durchaus aufreibend sind, gibt er unumwunden zu. Aber die Vorteile seines Wechsels überwiegen, auch wegen kleiner Entscheidungswege und dem hohen Tempo des 17-köpfigen Teams in der Münchner Innenstadt übrigens vis-a-vis von der Schumann s Tagesbar.

Sich gegen die Sicherheit entschieden zu haben, tut ihm gut. "Mein Leben hat sich total geändert. Ein Unternehmen aufzubauen ist schön, aber natürlich auch anstrengend. Ich bin ehrgeizig, mich beschäftigt die Aufgabe rund um die Uhr", denkt der Internet-Unternehmer laut nach. Aus seinem alten Leben konnte er eine Menge mitnehmen, jetzt kann er all sein Know-how - von Marketing über Verhandlungstechnik bis zu Vertrieb - mehr als gut gebrauchen. Denn nicht nur der Ausbau des Netzwerkes ist eine Herkulesaufgabe, die Vermarktung des Portals kommt noch on top. Klar ist, Seniorbook muss sich mittelfristig selbst finanzieren können. Gleichzeitig steigt bei Facebook der Anteil älterer Nutzer. Die nächste Komfortzone ist also noch weit weg und Bily wird seine Nehmer-Qualitäten brauchen, die Paul Vogler, der Grand-Seigneur der Mediabranche, wie folgt beschreibt: "Ich habe selten einen Menschen erlebt, der so ein großer und auch harter Kämpfer für seine Sache ist. Auch wenn er lächelt, sollte man sich nicht täuschen lassen. Er gibt niemals auf." Dabei dürfte dem Vater von zwei Kindern auch helfen, dass er privat sehr geerdet ist. Die Schicki-Micki-Welt der Münchner Society ist nicht seine. Lieber kehrt Bily ins Wirtshaus ein und "liest gerne Bücher, aber keinen Schmarrn". Außerdem geht er eher auf Reisen als in Urlaub. Aber dafür dürfte ihm ohnehin nicht viel Zeit bleiben, wenn er seine Vision, aus Seniorbook die Plattform Nummer 1 für die ältere Zielgruppe zu machen, in absehbarer Zeit erreichen will. Der demographische Wandel dürfte ihm dabei in die Hände spielen. Genauso wie seine Erfahrung und Weitsicht.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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