Ach Mensch Sebastian Zembol - Der Verlagsvirtuose

Freitag, 21. März 2014
Sebastian Zembol (Foto: privat)
Sebastian Zembol (Foto: privat)

"Ach Mensch" heißt eine neue Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe künftig bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Sebastian Zembol, Gründer des Mixtvision Verlages und Gesellschafter des Mixt Kinderkunsthauses, früher TV-Sport-Journalist. Sein bester Einfall kam ihm auf dem Kinderspielplatz. Dort saß Sebastian Zembol, 50, und grämte sich ein wenig, dass die Pläne für eine neue TV-Wissenssendung nur zäh vorangingen. Als er jedoch die fröhlich kreischenden Kinder, darunter auch sein Töchterchen, um sich herum sah, schoss ihm eine Idee in den Kopf, die sein Leben komplett umkrempeln sollte. Oft hatte er sich gefragt, warum es so gut wie kaum Kinderbücher gab, die kreativ mit anspruchsvollen und gleichzeitig unterhaltsamen Themen umgingen. "Meine Babypause hat mir die Augen für eine andere Welt geöffnet. Auf dem Spielplatz wurde mir plötzlich klar, dass ich die natürliche Neugier von Kindern fördern wollte", erzählt Zembol. "Mit grenzenloser Naivität", wie er heute lachend zugibt, machte sich der gebürtige Hamburger an die Arbeit. Und da er keinen Verlag für sein erstes Kinderbuchprojekt fand, gründete der hochgewachsene ehemalige Journalist kurzerhand seinen eigenen im Jahr 2007.

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Für Mixtvision hatte er von Anfang an die Vision, inhaltsgetrieben zu arbeiten und einen hohen Anteil an Buchkonzepten selbst zu entwickeln. Denn Sebastian Zembols Herz schlägt einfach für Inhalte. Eigentlich wollte der Unternehmer Lehrer werden, landete dann aber beim Fernsehen, wo er viele Jahre für Sender wie Sat 1 und Premiere als Sportredakteur arbeitete. Neugierig zu sein, die Augen offen zu halten, war also schon in seinem letzten Beruf das A und O. Doch der umtriebige und gut vernetzte Verleger bringt noch mehr mit, nämlich den Mut, unkonventionell zu denken und Dinge, die ihm richtig erscheinen, auszuprobieren. So legte er den Münchener Verlag von Anfang an auch medienübergreifend an, was ihm im Jahr 2007 wohl nur ein müdes Lächeln von Kollegen in der Verlagsbranche eingebracht haben dürfte. Doch nach den ersten durchaus rumpeligen Jahren entwickelte sich mixtvision schnell zur Perle unter den Kleinverlagen und wurde inzwischen mit dem bayerischen Kleinverlagspreis und dem Innovationspreis der Frankfurter Buchmesse für das Bilderbuchportal pikcha.tv ausgezeichnet. Und als wäre der Aufbau eines Verlags mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien nicht genug, entwickelte Sebastian Zembol mit Kooperationspartnern parallel TV-Formate wie etwa "Gut zu wissen" und "Wie schlau ist Deutschland". Im Jahr 2008 kam dann noch in Zusammenarbeit mit Tivola pikcha.tv hinzu. Auf dieser Plattform finden Eltern unter anderem Bilderbuchfilme in altersgerechter und hochprofessioneller digitalisierter Form für den Nachwuchs. Über die Jahre sind so viele hundert Bücher wie "Janosch", "Urmel" und "Lilifee" mehrsprachig digitalisiert worden und seit langem auch in einer speziell dafür entwickelten App verfügbar. Weitere Apps sind inzwischen entstanden: anspruchsvoll, originell und immer mit dem Ziel spielerisch zu bilden. Die aktuelle Auszeichnung der buchnahen Mixtvision-App "Die große Wörterfabrik" unterstreicht das eindrucksvoll.

Auf die Frage wie er das alles jongliert, kontert er ehrlich begeistert: "Ich finde es einfach spannend, immer wieder neue Sachen zu machen". Um dann aber auch etwas atemlos zuzugeben, dass es auch ihm manchmal etwas zu viel würde. Mit seinem kleinen Team bringt Zembol im Jahr 15 Bücher heraus. Er gilt als Teamplayer und Motivator, allerdings auch als ungeduldiger Perfektionist. Zu den Bestsellern des Verlags zählt die KeinBuch-Reihe, mit der das Mitmach-Buchsegment neu belebt wurde. Ursprünglich sollte die Reihe eher lesefaule Kinder und Jungen spielerisch an Bücher heranführen, denn auf den Seiten darf sich jeder nach Lust und Laune mit eigenen Ideen austoben. Inzwischen erreicht die Reihe längst ein breites Publikum jeden Alters. Parallel zur Buchreihe gibt es ein Internet-Portal, wo Leser ihre Bilder und Videos hochladen können. 180.000 Stück hat der Verlag von den Mitmach-Büchern verkauft, es wurde in fünf Sprachen übersetzt und von der Konkurrenz im Nachgang vielfach kopiert. Das Herzstück des Verlags ist und bleibt aber das Segment für anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur. Zembol ist fest davon überzeugt, dass man "Kindern mehr zutrauen kann, als man denkt. Wir wollen Kinder und Jugendliche ganz bewusst dazu bringen, zu hinterfragen, zu begreifen und sich auseinanderzusetzen". Das kommt an. So schafft Mixtvision immer wieder das Kunststück, mit Büchern wie "Die große Wörterfabrik" bis zu 65.000 Stück abzusetzen. Außerdem wurden zahlreiche Bücher wie "Die Sprache des Wasser" und "Somniavero" mit Preisen ausgezeichnet.


Während sich viele Verlagskollegen immer noch mit der Digitalisierung schwertun, hat Mixtvision das Thema von Anfang an offensiv angepackt. So entwickelte der Verlag, der im hübschen Schwabing residiert, eine eigene Technik, um Kinderbücher in die digitale Welt zu übersetzen und geräteoptimiert umzusetzen. Gerade gab der Verlag bekannt, dass es zu jedem Buch automatisch das E-Book inklusive gibt. Ein schlauer Schachzug, mit dem mixtvision dem veränderten Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen Rechnung trägt. "Es stimmt nicht, dass Kinder nicht mehr lesen. Aber das Buch konkurriert mit anderen Freizeitaktivitäten. Deshalb haben wir digitale Produkte immer mitentwickelt anstatt sie zu verteufeln".

Seit 2010 kümmert sich Sebastian Zembol verstärkt um eine weitere Leidenschaft die Entwicklung und Produktion von Kinofilmen. International erfolgreiche Dokumentationen zählen ebenso zum Repertoire wie fiktionale Kinostoffe, für die zur Zeit die Finanzierungsvorbereitungen laufen. Gerade kam das hochgelobte Drama "Staudamm" ins Kino, bei dem mixtvision außerdem als Verleih fungiert. Der Film behandelt aus ungewöhnlicher Perspektive Amokläufe an den Schulen und erhielt bereits zwei Preise. Zembol will mit solchen Filmen den gesellschaftlichen Diskurs anregen: "Gewalt in den Schulen wird in Deutschland als Thema totgeschwiegen. Man muss sich aber damit auseinandersetzen, denn es geht uns alle an." Mit seinem Unternehmen sieht sich der Münchener ganz klar in der Verantwortung, sich auch sozial und gesellschaftspolitisch zu engagieren. Vor diesem Hintergrund gründete Zembol mit seiner Frau, der Schauspielerin und Autorin Alexandra Helmig, 2011 das Kinderkunsthaus München. "Das Kinderkunsthaus ist eine logische Konsequenz aus dem, was uns bewegt. Wir wollten Kindern einen Raum bieten, wo sie ihre Kreativität ausleben können". Das offene, generationenverbindende und medienübergreifende Programm ist einmalig in Deutschland. Mitten in München Schwabing in einer ehemaligen Flaschenfabrik werden Kinder von Malern, Bildhauern, Trickfilmern und Medienpädagogen angeleitet und inspiriert. Es wird gebastelt, geschnitzt und auch mal richtig rumgesaut. Für sozial schwache Familien werden Patenschaften übernommen. Getragen wird die gemeinnützige Institution von privaten Spenden ortsansässiger Unternehmen. Die Designerin und Moderatorin Judith Milberg konnte als Schirmherrin für das Kinderkunsthaus München gewonnen werden und gibt auch selbst dort Kurse. An Zembol begeistert sie, dass "er immer von der Neugierde und Kreativität von Kindern inspiriert ist und medienübergreifend denkt".

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Trotz all dieser Aufgabenfelder, die für mehr als ein Leben reichen würden, findet der Unternehmer noch Zeit, herunter zu kommen. Vor allem seine Familie mit zwei Töchtern erdet ihn. Beim Joggen kann er - je nach Tageszeit - Ideen spinnen oder total abschalten. Angekommen bei dem, was er am besten kann, ist Sebastian Zembol sicher. Das Feld der unterhaltsamen Wissensvermittlung ist ein Trendthema und wird durch die Digitalisierung eher noch zunehmen. Der Verlag ist also gut aufgestellt. "Wir wollen nicht deutlich größer werden, sondern schlank und schlagfertig bleiben, damit wir weiter mit offenen Augen am Puls der Zeit sein können. Wir sind in einer kleinen, feinen Nische, dennoch wünschen wir uns noch mehr Bekanntheit für unsere Produkte", formuliert der Verleger mit den vielen Talenten seine Zukunftsvision. Dann hält er kurz inne, schmunzelt in sich hinein und ergänzt: "Vor allem möchten wir immer wieder überraschen, auch uns selbst". Und schon ist er im Eiltempo aus dem Raum, um an neuen Konzepten zu basteln, die seine eigene Neugier immer wieder neu entfachen.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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