Ach Mensch Reinhard Haas - der entspannte Downsizer

Freitag, 25. Oktober 2013
Reinhard Haas in seiner neuen Arbeitskluft beim Kochen
Reinhard Haas in seiner neuen Arbeitskluft beim Kochen

"Ach Mensch" heißt eine neue Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe künftig bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Der langjährige "GQ"-Chefredakteur Reinhard Haas, der sich neuerdings als Geschäftsführer und Gastgeber vom Gasthof Almbad Huberspitz verdingt.

Der entspannte Downsizer

Winterlich: Das Almbad Huberspitz liegt auf 1.100 Metern Höhe
Winterlich: Das Almbad Huberspitz liegt auf 1.100 Metern Höhe
Die Spinatknödel köcheln im Hintergrund und die Karotten-Ingwersuppe wartet darauf, noch zubereitet zu werden. Die Luft rund um das Almbad Huberspitz riecht würzig nach Herbstlaub mit einer Nebelnote . Reinhard Haas, langjähriger Chefredakteur des Männermagazins GQ und des Kunstmarktblattes Artinvestor ist an diesem Tag mit sich und der Welt im Reinen. Das ist er meist, seit der bekannte Medienmann aus München Anfang des Jahres einer Intuition folgend seinen langjährigen Bekannten Peter Kirchberger anrief. Dieser bot ihm prompt einen Job als Geschäftsführer auf der Almhütte mit unvergesslichem Blick auf den Schliersee und der imposanten Bergkulisse dahinter an. Seit knapp sechs Monaten betreibt Haas, wie er es selbst beschreibt Management en miniature . Er ist nicht nur der Gute-Laune-Bär für die Gäste, die zu Workshops, Hochzeiten und Geburtstagsfeiern auf die in 1.100 Metern hoch gelegene Hütte kraxeln, sondern muss das Personal organisieren, die Lebensmittel- und Getränkeplanung machen, Angebote und Rechnungen schreiben, kochen und auch danach schauen, dass der bayerisch-gemütliche Gasthof und das Gelände drumherum im Tip-Top-Zustand sind. Für einen Mann, der früher ein großes Redaktionsteam geleitet hat, in der Münchner Schickeria als King of Cool galt und ganz selbstverständlich mit vielen Stars hautnah verkehrte, sind das überaus irdische Aufgaben. Und er scheint sie alle zu genießen. Wenn Haas, 53, beschreibt, wie er morgens nach dem Aufstehen mit einem Kaffee auf dem Balkon seiner kleinen Mansarde über den Gasträumen sitzt, um die Morgenstille zu genießen, den Blick schweifen zu lassen und zu schauen, wie das Wetter wohl wird, hört man sein inneres Strahlen sogar durchs Telefon. Die Wetter-App ist jetzt sein wichtigstes Arbeitsinstrument, die Natur ist der Taktgeber und sagt, wo es am Tag so langgeht . Erst neulich musste er bei einer Fahrt runter ins Tal umkehren, eine Kettensäge holen, um einen den Weg versperrenden Baum erstmal zu Brennholz verkleinern. Solche Ereignisse und das Leben auf der Hütte mitten in der Natur haben ihn entschleunigt. Man lebt hier wesentlich analoger , erzählt Haas, dessen Arbeitstage schon mal bis tief in die Nacht gehen.

Umsteiger der zweiten Lebenshälfte

Reinhard Haas verwöhnt seine Gäste auch mal mit Bio-Essen
Reinhard Haas verwöhnt seine Gäste auch mal mit Bio-Essen
25 Jahre beschäftigte sich Reinhard Haas mit den schönen und teuren Dingen des Lebens. Er liebt sie noch heute und empfindet sein früheres Highflyer-Leben keinesfalls als Schattenseite. Und so schaut er weder bedauernd noch zynisch auf seine erste Lebenshälfte. Dennoch war der 50. Geburtstag Turning-Point in seinem Leben. Es beschlich ihn das Gefühl, dass es wichtigere Dinge im Leben gebe als das neueste Gucci-Jacket und die 20. Fashionweek irgendwo auf der Welt. Damals dachte er über ein Bed & Breakfast-Konzept nach, während er noch als freier Medienmacher und Berater arbeitete. Der Zufall half Anfang 2013 nach: ein geplatztes Projekt, der richtige Anruf zur richtigen Zeit plus eine Vakanz auf dem Huberspitz-Gasthof brachten die herbeigesehnte Wende. Sein altes Terrain München, die Gin Tonics mit Freunden in der Schumanns Bar vermisst er nicht wirklich. Er kommt nur noch selten in die Stadt. Sein Hab und Gut hat er fast vollständig eingelagert und ist mit wenigen persönlichen Dingen auf den Berg gezogen. Die Gnade des Alters besteht darin, dass andere Lebensinhalte wichtiger werden und eine Lust in der Reduktion besteht , erzählt der Almwirt. Auch wenn sein Leben einfach ist und er auf dem Berggasthof kein Geld in der Tasche braucht, asketisch und zurückgezogen lebt Haas nicht. Er hält über WLAN und Telefon Kontakt zu Freunden, viele Bekannte kommen ihn auf der Hütte besuchen. Doch sein Fokus hat sich klar verschoben. Wenn die Hütte mal nicht ausgebucht ist was die letzten Monate selten der Fall war ist er mit sich und der Natur. Darüber hinaus hat er die Lust am Lernen wiederentdeckt. Natürlich auch gezwungenermaßen, denn von Gaststättenbewirtschaftung, Kochen und Hotellerie hatte er vorher nicht wirklich Ahnung. Er musste sich alles im Schnellverfahren aneignen. Genossen hat er es trotzdem, denn Neues zu lernen, finde ich wahnsinnig wichtig .

Der Ausblick auf den Schliersee
Der Ausblick auf den Schliersee
Reinhard Haas fühlt sich pudelwohl in der Rolle als Gastgeber, holt sich viel Kraft und gute Laune fürs tägliche Geschäft aus den zwischenmenschlichen Begegnungen und den vielen interessanten Menschen, die er hier oben kennenlernt. Die Arschlochquote geht gegen Null , lacht er. Die Gäste, darunter auch viele Dax-Vorstände, profitieren von einem lässigen, lebensklugen und weltmännischen Gastgeber. Man kann sich also schon gut vorstellen, wie einige dem Gastwirt, der Sonntags gerne mal traditionelle Lederhosen trägt, sogar um den Hals fallen, weil die Feiern so gelungen waren und das Bio-Essen so lecker. Im Moment denkt er nicht daran, in seine alte Branche zurückzukehren, aber Haas ist durchaus Realist. Ich weiß zwar nicht, was mich noch reizen sollte, aber never say never. Im gleichen Atemzug jedoch erzählt er schon voller Enthusiasmus von weiteren Plänen im Gastrobereich, die er mit Peter Kirchberger ausbrütet. An denen mag er gedanklich weiterspinnen, wenn die Hütte im November vorübergehend schließt und Reinhard Haas als Kontrastprogramm nach Los Angeles fliegt. Bei seiner Rückkehr auf den Berg stehen im Dezember Hirschgulasch und Maronensuppe auf der Winterkarte. Und die Luft dürfte sich weich und kühl anfühlen, während es nach Schneeflocken riecht.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

-
-
Meist gelesen
stats