Ach Mensch Markus Bäuchle - Der Wandervogel

Dienstag, 27. Mai 2014
Markus Bäuchle (Foto: privat)
Markus Bäuchle (Foto: privat)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Markus Bäuchle, Ex-Chefredakteur bei eMarket, heute Veranstalter von Wanderurlauben in Irland.
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Das größte Grundstück in Glengarriff ist der Friedhof. Aber keine Bange, auch wenn das Dorf nur um die 800 Einwohner hat, ist es doch aufgrund seiner Lage im wunderschönen Südwesten von Irland, lebendiger denn je. Der Ort gilt als Perle der Bantry Bay und erfreut sich unter Touristen besonders wegen der vielen Wanderwege großer Beliebtheit. Als Tourist kam Ende der 70er Jahre auch Markus Bäuchle nach Irland und verfiel dem Land und der großartigen Natur: "Ich habe mich gleich wohl gefühlt." Das schnell wechselnde Wetter, die dramatischen Lichtstimmungen und die pralle Wucht der Naturlandschaften faszinieren ihn noch heute. Der 54-jährige Journalist und Autor stammt aus dem Schwarzwald und bezeichnet sich selbst liebevoll-ironisch als "Landei". Er ist 19 Mal in seinem Leben umgezogen und spürte irgendwann, dass nach den vielen Städteaufenthalten "die Natur kommen musste".

1999 fand er im Urlaub mit seiner Frau ein Holzhaus in Glengarriff, das sie von Grund auf renovierten und ab 2000 mit den beiden Söhnen zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt machten. Allzu viele Gedanken, wie er in Irland sein Geld verdienen würde, machte sich der ehemalige stellvertretende Chefredakteur von "Werben & Verkaufen" nicht: "Der Vorteil des Globalismus ist, dass man sich seinen Wohnort aussuchen kann. Ich hatte keinen großen Plan, aber immer die Möglichkeit, genug Geld zu verdienen. Aber ohne das Internet hätte ich den Schritt sicher nicht gemacht." Eine gute Basis verschaffte ihm damals in der Zeit der New Economy, als alles noch möglich schien, eine freie Tätigkeit als Chefredakteur des Wochenmagazins für Online-Marketing und E-Commerce "eMarket". Für zwei Jahre pendelte er zwischen Irland und München. Dann wurde ihm das zu anstrengend und er ersetzte nach und nach die Tätigkeiten, die ihn an Deutschland banden. In den folgenden Jahren schrieb er zwar weiter, realisierte aber auch Websites und Grafik-Design für Kunden. Vor allem aber eroberte er sich Land und Gegend durch ausgiebige Wandertouren. Er kennt quasi jeden Baum und jeden Stein, Naturschutzgebiete, die normale Touristen alleine nie entdecken würden, Eichenwälder und wilde Berge, die man in der Gegend nicht vermutet und Flora und Fauna, die einzigartig ist, weil aufgrund des Klimas "hier fast alles wächst". Bäuchle kannte durch seine frühere Arbeit für Touristikmedien die Reisebranche, irgendwann machte es Klick: Warum nicht selbst Reisende mit auf Wandertouren nehmen?

(Alle Fotos: Markus Bäuchle)
(Alle Fotos: Markus Bäuchle)
2008 beschloss der umtriebige Journalist nur noch über das zu schreiben, was ihn wirklich interessiert und begann mit dem Online-Webmagazin IrlandNews.com. Ein Jahr später gründete er dann den Reiseveranstalter "Wanderlust". Bäuchle und seine Frau begannen mit Botanik-Touren, mittlerweile ist das Angebot breit gefächert und reicht von klassischen Wanderferien über Besuche der Küsteninseln bis hin zu Touren durch die schönsten Gärten der Gegend. Maximal 18 Teilnehmer nehmen an einem Kurs teil und inzwischen läuft das Unternehmen so gut, dass sie sich im letzten Jahr Unterstützung durch Wanderführer und für die Administration holten. Zwischen April und September ist Hochsaison für Wanderer im Südwesten von Irland, wo "Raum, Ruhe und gute Luft Privileg sind", wie Markus Bäuchle erzählt. Mit seiner Familie lebt er direkt am Atlantik, wo es im Winter, wenn er die kommende Feriensaison vorbereitet, auch schon mal recht stürmisch zugehen kann. Aber er genießt es, außer "Wind und Vögeln" nichts zu hören. Bis zum nächsten Bäcker sind es fünf Kilometer. Irlands zweitgrößte Stadt Cork ist mit dem Auto mehr als eine gute Stunde entfernt. Auch zum nächsten Nachbarn ist es ein ganzes Stück. "Man muss hier allein sein können. Manche werden verrückt, weil nichts los ist", lacht der passionierte Wanderer. Inzwischen sind die Bäuchle s in Irland gut integriert, aber es dauerte eine Weile über die höflich-freundliche Fassade der Iren hinweg, echte Freundschaften zu schließen. Gelernt hat die Familie in all den Jahren vor allem Geduld zu haben, manche Dinge brauchen in Irland länger als anderswo. "Man wird aber auch lässiger. Vieles juckt mich nicht mehr", ergänzt Bäuchle, der 2013 das Buch "Irland. Ein Länderporträt" über seine neue Heimat geschrieben hat. Die liberale Mentalität und Freundlichkeit der Menschen sind für Markus Bäuchle längst wichtiger Bestandteil seiner Lebensqualität geworden. "In Deutschland wird man schnell mal angepampt, die Iren sind freundlicher und relaxter im Umgang."

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Auch wenn er kein großer Reiseveranstalter werden will, so arbeitet er doch stets an weiteren Konzepten. Im letzten Jahr startete er mit zwei Partnern das Angebot "Wildes Irland". Dabei geht es um unverfälschte Erlebnisse in den wilden Bergen der Gegend, ohne Handy, ohne Uhr und ohne Geld. So sollen sich Menschen darauf besinnen können, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben. Das Angebot gibt es darüber hinaus auch für Unternehmen und Manager zugeschnitten, die abseits vom ständigen Entscheidungsdruck und Email-Strom über ihre Rolle als Führungskraft nachdenken wollen.

Über seine alte Branche denkt Bäuchle ab und an noch nach, denn er ist gut vernetzt und dank Internet bestens informiert. "Die Branchenpresse betreibt zu sehr Nabelschau und ist zu wenig selbstkritisch. Die intellektuelle Enge hat mir damals die Lust verdorben", lautet sein kritisches Urteil. Sein grüblerischer Moment hält aber nicht lange an. Denn über ihm reißt der Himmel auf und die Sonne lässt die grünen Wiesen und Hügel noch ein bisschen satter leuchten als sonst. Am Ende ist die Weite der Natur eben doch wichtiger als ein paar Fachartikel.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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