Abschied vor Umbau G+J verliert "Stern"-Geschäftsführer Thomas Lindner

Montag, 12. August 2013
Thomas Lindner kehrt Gruner + Jahr den Rücken
Thomas Lindner kehrt Gruner + Jahr den Rücken


Die Führungsreihen unterhalb des G+J-Vorstandstrios lichten sich: Nach zuletzt Axel Wüstmann, Ingrid Haas und wohl bald auch Olaf Conrad verlässt in dieser Woche mit Thomas Lindner der vierte unter den früheren CEOs Bernd Kundrun (2000 bis 2008) und Bernd Buchholz (2009 bis 2012) aufgestiegene Geschäftsführer das Haus. Lindner ist Chef der Verlagsgruppe Agenda ("Stern", "Geo", "Eltern"). Sein Abgang erwischt G+J-Chefin Julia Jäkel mitten im Verlagsumbau. Die bevorstehende Neuorganisation dürfte auch der Grund dafür sein, dass der bisherige "Stern"-Verlagsleiter Frank Stahmer zwar Lindners Leitungsaufgaben übernimmt - nicht aber dessen formale Geschäftsführerposition. Denn bald ist sowieso wohl alles anders.
Die Abgänge Wüstmanns, Haas' und Conrads haben, wie beim Bekanntwerden jeweils beschrieben, ihre eigenen Vorgeschichten. Und auch Lindner ist ein eigener Fall: Der 48-Jährige war dem Vernehmen nach für eine herausgehobene Position im künftigen G+J-Organigramm vorgesehen. Die neue Struktur, das ist seit Wochen ein offenes Geheimnis, sieht statt der zuletzt sowieso nur noch zwei Verlagsgruppen Agenda und Life - Chef der Life-Gruppe ist schon praktischerweise G+J-Produktvorstand Stephan Schäfer - so genannte Communities of Interest (CoI) vor. Darunter versteht der Verlag Interessengebiete, in denen man mehr über Themen, Leser und User wisse und über mehr Inhalte verfüge als andere.

Konkret hat G+J dafür Kochen ("Essen & Trinken", Chefkoch.de), Living ("Schöner Wohnen"), Family ("Eltern", Urbia.de) und Beauty & Mode ("Brigitte") auserkoren. Hinzu kommen das Thema Agenda Setting rund um den "Stern" sowie ein paar kleinere CoI, etwa Wissen ("Geo", "P.M.") und Reise ("Geo Saison"). Um diese Inhalte herum will man Werbevermarktung, Paid Content und Paid Services betreiben, und - das ist neu für G+J - bei den vier erstgenannten großen CoI, bei denen man genug Masse auf die Straße bringt und digitale Expansionsmöglichkeiten sieht, auch E-Commerce, inklusive Akquisitionen.

Allein: Jede dieser CoI gerät deutlich kleiner als die bisherigen Verlagsgruppen. Ein CoI-Chefposten wäre für Lindner also, anders als für die Riege der Verlagsleiter, alles andere als ein Aufstieg gewesen. Um ihn trotzdem im Haus zu halten, hat man ihm dem Vernehmen nach zusätzliche übergeordnete Verantwortungen angeboten - vergeblich. Mit Lindner verliere G+J einen "exzellenten Medienmanager", der das Haus "entscheidend mitgeformt" habe, bedauert Produktvorstand Schäfer: "Wir hätten diesen gemeinsamen Weg gerne fortgesetzt", aber Lindner habe sich anders entschieden - "und das müssen wir akzeptieren."

Lindner stand seit über 18 Jahren in Diensten von G+J. Der Diplomkaufmann stieß 1994 zum Verlag und wurde nach Stationen in der "Stern"-Anzeigenleitung (1996 bis 1999), als Anzeigenleiter von "Brigitte" (2000 bis Ende 2002), "Stern" (2003/2004) und der damaligen Gruppe Stern/Geo/Art (2005 bis 2007) erst kurz Geschäftsführer der früheren kleinen Verlagsgruppe Living (2008) - und im selben Jahr dann der größten Sparte Stern/Geo/Art, die 2012 zur besagten Verlagsgruppe Agenda wurde, inklusive dem Verlagsstandort München.

In diesen Jahren erwirtschaftete Lindner zum Teil Rekordergebnisse (2010 honoriert mit dem Bertelsmann-Unternehmerpreis) und verantwortete zuletzt verlagsseitig die Umpositionierung des "Stern" sowie den Umbau der Redaktion. Beförderungen in den Vorstand (wie Jäkel, 41, und Schäfer, 38) oder wenigstens in das sechsköpfige Executive Committee blieben ihm indes ebenso verwehrt wie neue strategische Großaufgaben; Vermarktungschef Stan Sugarman etwa bekam im September 2012 noch das wichtige Digitalgeschäft hinzu. rp
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