ARD So begründet Das Erste seine "Brennpunkt"-Entscheidung

Freitag, 25. Oktober 2013
Relevanz ist offensichtlich nicht das alleinige Kriterium für eine Sondersendung (Foto: ARD)
Relevanz ist offensichtlich nicht das alleinige Kriterium für eine Sondersendung (Foto: ARD)


Eigentlich ist Das Erste selten um einen "Brennpunkt" verlegen. Ob politische Stürme oder Schnee und Eis - bei Ereignisse von nationalem Interesse hebt die ARD gerne aktuelle Sondersendungen ins Programm. Doch die jüngsten Enthüllungen in der NSA-Affäre waren Programmdirektor Volker Herres am Donnerstag offenbar keinen "Brennpunkt" wert - obwohl sich die Chefredakteure einstimmig dafür ausgesprochen hatten.
Das berichtet zumindest der Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Blog. Demnach wollten die Chefredakteure der ARD die Ausspähung des Handys von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Thema eines "Brennpunkt" machen. Nachdem die breite Öffentlichkeit das Thema bislang eher mit mäßigem Interesse verfolgt hat, wären die jüngsten Enthüllungen zur NSA-Affäre nach Meinung der obersten Journalisten der ARD ein guter Anlass gewesen, das Thema massenattraktiv zu präsentieren. Durch die Zuspitzung auf die Person von Angela Merkel und ihr Handy sei die Aufmerksamkeit für das Thema größer als in der Vergangenheit, so offenbar die Argumentation der Chefredakteure.

Allerdings verweigerte Volker Herres dem "Brennpunkt" nach Informationen von Niggemeier in der täglichen Schaltkonferenz seine Zustimmung - obwohl auch ARD-Chefredakteur Thomas Baumann und das ARD-Hauptstadtstudio für eine Sondersendung waren. Der Programmdirektor muss Sondersendungen im Ersten absegnen. Das Erste wollte sich nicht zu den Vorgängen äußern.

Über die Gründe kann man trefflich spekulieren: Im Ersten lief gestern Abend die zweite Folge der Show "Die Deutschen Meister 2013" mit Kai Pflaume - und zwar in direkter Konkurrenz zur populären Pro-Sieben-Show "The Voice of Germany". Womöglich hatte Herres Sorge, dass bei einem "Brennpunkt" zu einem sperrigen politischen Thema zu viele Zuschauer um- oder abschalten und das nachfolgende Programm in Mitleidenschaft gezogen wird. Geholfen hat das Veto gegen die Sondersendung indes nichts: "Die Deutschen Meister 2013" lockte deutlich weniger Zuschauer vor die Bildschirme als "The Voice" und die ZDF-Krimireihe "Marie Brand" und erreichte mit 3,12 Millionen Zuschauern lediglich 9,8 Prozent Marktanteil.

Update: Das Erste hat am Freitag via Facebook reagiert. In der Stellungnahme heißt es, man habe sich nach interner Diskussion gegen einen "Brennpunkt" entschieden, "weil dieser über die bereits vorgesehene, umfangreiche nachrichtliche Berichterstattung in einer verlängerten Hauptausgabe der 'Tagesschau' hinaus zu diesem Zeitpunkt kaum weitere filmische Erkenntnisse liefern hätte können. (...) Da die Datenaffäre insbesondere eine vertiefende Diskussion erfordert", habe man kurzfristig das Thema bei "Beckmann" geändert.

"Die Entscheidungen zu diesen Programmänderungen erfolgten ausschließlich aus inhaltlichen Gründen und nicht - wie von Stefan Niggemeier in seinem Blog behauptet und frei erfunden -, um eine Unterhaltungsshow nicht zu verschieben", heißt es weiter. Diese habe durch die Verlängerung der "Tagesschau" ohnehin später begonnen. dh
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