ARD-Programmchef Volker Herres "Der Tatort hat für jeden etwas zu bieten"

Donnerstag, 12. Mai 2016
ARD-Programmdirektor Herres spricht über den „Tatort“ als Kultformat.
ARD-Programmdirektor Herres spricht über den „Tatort“ als Kultformat.
Foto: ARD
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Täuscht der Eindruck oder tut sich tatsächlich wieder etwas mehr in der deutschen TV-Landschaft? Netflix, Amazon Video und Co machen es mit Serienerfolgen wie "House of Cards" und "Orange is the New Black" vor. Der "Tatort" ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch im klassischen Fernsehen zunehmend auf die veränderten Zuschauerwünsche reagiert wird. Im Interview mit HORIZONT spricht Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, über das deutsche Kultformat.

Der "Tatort" ist Kult. Herr Herres, wie würden Sie die Formel für einen guten Tatort beschreiben?
Die "Kultformel": Tatort = mindestens ein Mord mit 100 Prozent Aufklärungsrate + starke Kommissartypen × spannende Kriminalfälle, nah dran an der Wirklichkeit + Regionalität, das Ganze am Sonntagabend um 20.15 Uhr seit über 45 Jahren.

Krimis gibt es viele in der deutschen TV-Landschaft. Welche Position nimmt der Tatort ein?
Der "Tatort" ist natürlich die harte Leitwährung unter den weicheren Münzen des täglichen Krimi-Kleingelds. Wenn es um die Wertigkeit des deutschen Krimis geht, werden alle zunächst auf den "Tatort" blicken: Wie und was wird da erzählt? Welche Kommissare bringt die Reihe hervor? Natürlich ist der "Tatort" inzwischen auch ein Generationsprojekt im TV, also eine Art sich weiter fortschreibender Fernseh-Mythos, in dem sich Alt und Jung mit ihren Sehgewohnheiten und Seherwartungen finden.

Die Dramaturgie, die Figuren und die Erzählstrukturen haben sich immer wieder gewandelt – teils radikal. Inwiefern folgen sie damit dem Zeitgeist und veränderten Zuschauer-Vorlieben?
Der "Tatort" muss wandlungsfähig und experimentierfreudig bleiben, um den Nerv der Zeit zu treffen. Wenn wir das nicht konsequent täten, würden wir unsere Zuschauer ganz schnell verlieren – zu Recht. An die Tradition kann man anknüpfen, aber man muss sie produktiv machen, auf die Gegenwart beziehen und auch Brüche wagen: erzählerisch, inhaltlich. Alles kommt darauf an, den Menschen die nötige Mischung zu bieten aus Ungewöhnlichem, Überraschenden und Konstantem, Wiederkehrenden.

Sind die inzwischen häufiger polarisierenden Drehbücher auch ein Versuch, ein jüngeres Serienpublikum zu gewinnen, das sich sonst vielleicht ins Netz verabschiedet?
Alle Sender machen sich Gedanken darüber, wie sie junges Publikum gewinnen können. So natürlich auch Das Erste. Nicht, weil wir als Selbstzweck jung sein wollen, sondern weil wir die Jungen heute für ein Qualitätsprogramm gewinnen wollen, von dem wir hoffen, dass sie es auch morgen noch sehen werden. Dazu müssen wir mutig und einfallsreich sein, was uns bisher auch sehr gut gelingt. Beim "Tatort" macht es aber am Ende die Vielfalt der Ermittler und Fälle – da gibt es mehr actionlastige, andere sind gesellschaftskritischer, wieder andere humorvoller oder experimentell in der Erzählweise. Aber in Summe, denke ich, dass der "Tatort" nach wie vor sehr ausgewogen ist und für jeden, dessen Herz für hochklassige Krimiunterhaltung schlägt, etwas zu bieten hat. Sandra Enard

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