"72809616"-Macher Oliver Wurm "Ein gedruckter Appell für mehr Mut in der Verlagsbranche"

Sonntag, 12. Juni 2016
"72809616" ist seit Mai erhältlich
"72809616" ist seit Mai erhältlich
Foto: Fußballgold

Vor zwei Jahren startete der Sportjournalist Oliver Wurm im Selbstverlag eine Heft-Reihe zu Fußball-Großereignissen. Nun setzt er die Reihe zur Fußball-Europameisterschaft fort. HORIZONT hat mit ihm über das ehrgeizige Projekt gesprochen.
Sein Projekt, das ist eine Serie aus Sonderpublikationen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 (unter anderem mit einem silbernen Nagel beim ADC 2015 ausgezeichnet), die nun zur Europameisterschaft 2016 eine Fortsetzung findet. Seinem Erfolgsrezept ist Wurm dabei treu geblieben: Viel Raum für gut recherchierte und noch besser erzählte Geschichten, opulente Fotos, edles Papier. "Meiner Meinung nach ist die Wertigkeit eines Printprodukts – also Druck, Papier und Ausstattung – für den Erfolg ein entscheidender Faktor", sagt Wurm.
"72809616" ist seit Mai erhältlich
"72809616" ist seit Mai erhältlich (Bild: Fußballgold)
"72809616", das sich auf die bisherigen deutschen EM-Erfolge und den hoffentlich vierten Titel bezieht, ist wie seine Vorgänger "das etwas andere Fußball-Heft". Nicht nur, dass Wum bei der Themenwahl und der Augestaltung nahezu Narrenfreiheit besitzt: er kann auch bei der Vermarktung andere Wege gehen, als dies in einem großen Verlag möglich wäre. Das bei den ersten Heften bereits bewährte Prinzip der "Freundewand" wird auch diesmal fortgesetzt. Dabei zahlen die Sponsoren den symbolischen Preis von 2016 Euro für die Platzierung ihres Logos. Die DFB-Partner Adidas, Mercedes-Benz und Telekom machen davon ebenso Gebrauch wie zahlreiche große Werbeagenturen. Ansonsten ist das Heft komplett anzeigenfrei. "Irgendwann habe ich gemerkt: Der Einstieg ins Heft und die einzelnen Geschichten entfalten eine ganz andere Wucht, wenn sie Anzeigenfrei daher kommen", erklärt Wurm. Deswegen gibt es abgesehen von der Freundewand keine weiteren Präsentationsflächen für Werbungtreibende. "Das wäre auch uncool gegenüber denen, die mit ihren Logos von Beginn an an das Ding geglaubt haben."
Oliver Wurm bei der WM 2014 in Brasilien
Oliver Wurm bei der WM 2014 in Brasilien (Bild: privat)
Das Konzept geht inzwischen auf: Bei den ersten Heften blieb Wurm teilweise auf den großen Kosten sitzen. Dieses Mal kann er die Produktionskosten, die sich im niedrigen sechststelligen Bereich bewegen, komplett hereinholen und sogar ein Plus verbuchen.
Und nicht nur das: "Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass wir die Verluste der Vorgängerhefte annähernd reinholen können", so Wurm.

Die Heftreihe ist auf diese Weise ein positives Signal für die ansonsten so gebeutelte Printbranche: Wenn man hinter einem Projekt steht und es mit Leidenschaft und Professionalität anpackt, kann am Ende auch der wirtschaftliche Erfolg stehen. Der Macher appelliert daher auch an seine Kollegen: 
"Die Serie ist mit Sicherheit ein nachahmenswertes Beispiel und ein gedruckter Appell für mehr Mut in der Verlagsbranche."

Wobei Wurm auch abgesehen von Konzeption und Vermarktung einiges richtig macht. Er sorgt für ein permanentes Grundrauschen im Internet und bekommt durch seine hervorragende Vernetzung auch viel Earned Media, selbst bei großen Medien wie Sky und Sport 1. "Um mit Print erfolgreich zu sein reicht es nicht, auf die klassischen Vertriebswege zu setzen. Man muss Alternativen im Netz aufbauen", erklärt Wurm die Strategie.
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Eine weitere Zutat zu seinem Erfolgsrezept sind die Kollegen, mit denen Wurm das Projekt stemmt. Dazu gehören 
bekannte Sportjournalisten wie etwa die England-Experten Raphael Honigstein und Ronald Reng oder der schon mit vielen Preisen ausgezeichnete Fotograf Paul Ripke. Wurms wichtigster Sidekick ist aber Art Director Andreas Volleritsch. Er könne sich keinen besseren kreativen Sparringspartner für das Projekt vorstellen, schwärmt Wurm. "Er ist ein super Designer, uneitel genug, um auch Ideen von mir anzunehmen – aber stark genug, meine schlechten Ideen zu ignorieren. Und da er sich in Fußballfragen nicht wirklich auskennt, kann ich mich manchmal in Optikfragen durchsetzen, indem ich einfach behaupte: Das muss jetzt so sein. Das verstehen die echten Fans", erklärt Wurm mit einem Augenzwinkern.

Wie geht es nun weiter? In den kommenden Wochen ist Wurm erst einmal mit dem Auto bei der EM in Frankreich unterwegs - den Kofferraum hat er natürlich vollgepackt mit hunderten Exemplaren seines jüngsten Babies. Und danach? Läuft es so, wie in den Jahren zuvor, wird Wurm beim nächsten Großevent nicht um ein weiteres Heft herumkommen. Denn die inzwischen enorme Fangemeinde wird ihn ständig fragen, wann denn die nächste Ausgabe kommt. 

Das Heft:

Druckauflage: 100000 Exemplare
Copypreis: 9,50 Euro
Vertrieb: Stationär über den Pressehandel und
im Internet unter der Dachmarke Fußballgold
(fussballgold.de)
Inhalt: 130 Seiten, darin etwa Interviews mit den
deutschen Europameistern Günter Netzer (1972),
Bernard Dietz (1980) und Oliver Bierhoff (1996)
sowie Infos, Hintergründe und Unterhaltungsthemen
zum Turnier in Frankreich
Gestaltung: Der historische Teil des Hefts ist auf
rauem, holzhaltigerem Papier gedruckt als die
aktuellen Seiten

Eines ist allerdings klar: Wurm wird das Projekt auch weiterhin im Selbstverlag mit dem eigens gegründeten Label Fußballgold stemmen. Selbst wenn ein großer Publisher mit dem Geldkoffer kommen würde, würde er ablehnen, sagt Wurm: "
Ich würde die Lizenz nie an einen Verlag verkaufen. Man zieht doch kein Baby groß, um es dann an Pflegeltern abzugeben." ire
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