70 Jahre "Spiegel" "Redaktionen sind Wahrheitssuchmaschinen" / Hamburg feiert sein Nachrichtenmagazin

Freitag, 06. Januar 2017
SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
© Nicolas Böyer / Senatskanzlei

Gestern, heute, morgen: Bei seiner Gründung vor 70 Jahren war der „Spiegel“ ein Kind seiner Zeit – ebenso wie die Jubiläumsreden an diesem Freitagvormittag im Hamburger Rathaus die Themen unserer Zeit reflektieren. Genaugenommen: Dieses eine große Thema von Lüge, Wahrheit und der Pflicht der Presse.

Rund 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind der Einladung von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz ins Rathaus gefolgt, um den „Spiegel“ zu dessen 70. Geburtstag zu feiern. Darunter auch ehemalige Chefredakteure, die einst im Streit geschieden waren – im Streit mit dem Verlag wie etwa Stefan Aust (ebenfalls 70), oder auch im Streit untereinander wie Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, die nun im Großen Festsaal aber auch hinreichend weit weg voneinander saßen. Der zuletzt (Ende 2014) als Chefredakteur demittierte Wolfgang Büchner war der Einladung indes nicht gefolgt.

Bürgermeister Olaf Scholz und Bundesministerin Ursula von der Leyen auf dem Senatsempfang
Bürgermeister Olaf Scholz und Bundesministerin Ursula von der Leyen auf dem Senatsempfang (Bild: Nicolas Böyer / Senatskanzlei))
Und Stephan Scherzer ist gekommen, der Geschäftsführer des VDZ, dessen Fachverband auch der „Spiegel“ jüngst erzürnt verlassen hatte. Außerdem die Halbgeschwister Franziska und Jakob Augstein, Nachkommen und Mit-Erben des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, die ebenfalls nicht immer einer Meinung sind, sogar dann nicht, wenn es um die Zukunft ihrer Anteile geht.

Doch was ist der Streit von gestern gegen die Herausforderungen von heute für Frieden und Freiheit von morgen? Genau diese waren das Thema der drei Festreden, vor dem Hintergrund von Hass und Fake-News im Netz, „Lügenpresse“-Diffamierungen und einer drohenden Spaltung der Gesellschaft im sogenannten postfaktischen Zeitalter.

„Politik und Medien müssen nach 70 Jahren wieder aufstehen für die offene und liberale Gesellschaft – keinesfalls gemeinsam, aber für das gemeinsame Ganze“, zeigt sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen unbedingt abwehrbereit gegen die Feinde der Demokratie. Zwar gehöre auch "Trumps schneller (Twitter-) Daumen zur Meinungsbildung mit dazu", unabhängig davon, ob man seine Ansichten teile oder widerwärtig finde - "doch strategisch geplante und maschinell verbreitete Fake-News aus Troll-Fabriken verschütten die Meinungsbildung", so die Ministerin. Im Sinne der "Wehrhaftigkeit der offenen Demokratie" lebten Meinungsbildungsprozesse dagegen davon, "dass es Institutionen gibt, die sich für Objektivierung einsetzen". Man darf hoffen, dass sie damit den Aufdeckungs- und Meinungswettbewerb einer freien Presse meint - und nicht etwa staatliche Organe.

Ohne Demokratie wäre der „Spiegel“ („Ein erfahrener und unbeugsamer Advokat der Freiheit des Wortes“) nicht möglich – er stehe immer wieder vor der Aufgabe, „seine Ausdrucksform den neuen Zeiten anzupassen und gleichzeitig seine journalistischen Grundwerte zu bewahren“. Das Magazin ringe täglich um Wahrhaftigkeit und Fairness. „Dabei schont er nicht, und er wird nicht geschont“, sagt von der Leyen.

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Bild: Der Spiegel

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„Die Wahrheit ist nichts Beliebiges und nichts strategisch Disponibles“, erklärt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, „sie ist etwas, das wir als Gesellschaft identifizieren müssen und das wir zur Grundlage unseres Handelns machen sollten“. Voraussetzung für die Demokratie sei es, Lügen als Lügen enttarnen zu können. „Redaktionen sind doch vor allem so etwas wie Wahrheitssuchmaschinen“, sagt Scholz in seiner Rede und schmeichelt dem Jubilar: „Und die Trefferquoten der ,Spiegel‘-Redaktion zählen dank Ihrer Kompetenz und Ihrer Urteilskraft zu den besten.“ Auch das "Organisieren öffentlicher Empörung" gehöre zur Aufgabe einer Presse, die recherchierend Missstände aufdeckt.

Jedoch: „Die Suche nach der Wahrheit ist aufwendig, sie verlangt Korrespondenten und gut ausgebildete Redakteure und Dokumentare“, erklärt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Dies sei das Gegenteil von „Churnalism“, wie Fließbandjournalismus in Großbritannien heiße, von „medialem Verwursten von PR-Mitteilungen oder Klatsch“. Aufklärung bleibe nötig und sei ja gerade in der digitalen Welt vielfältig möglich. „Wir müssen sie uns leisten“, so Brinkbäumer in seiner anekdoten- wie zitatreichen (von Platon bis zum Komiker John Oliver), launigen wie nachdenklichen („Es sind dunkle Tage für die Demokratie, es ist kein Spiel“) Rede mit besorgten Blicken auf Trumps Wahlerfolg in den USA.

Und dann noch ein Blick aufs eigene Haus, auf den Streit, der da – angeblich? – öfters mal herrscht: In den „Medien-Medien“ lese er hin und wieder, wie zerstritten der „Spiegel“ sei, wie selbstbezogen und reformverweigernd. Aber, so Brinkbäumer: „Ich habe in bisher knapp 24 Jahren in diesem Haus keinen Redakteur oder Redakteurin getroffen, dem oder der nicht ganz und gar ernsthaft am Wohl des ,Spiegel‘ gelegen gewesen wäre.“ Alle wüssten um die Bedeutung des Hauses, um seine Vergangenheit, „um Augsteins Auftrag, unser Erbe“. rp

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