iPad-Euphorie? "Rolling Stone"-Verleger watscht Standeskollegen ab

Mittwoch, 01. Juni 2011
"Rolling Stone"-Gründer Jann Wenner
"Rolling Stone"-Gründer Jann Wenner

Kaum zu glauben, aber es gibt sie noch: die iPad-Skeptiker auf Verlagsseite. „AdAge" hat ein aufschlussreiches Interview mit einem leibhaftigen Tablet-Kritiker geführt: Jann Wenner, Gründer des „Rolling Stone", - und der zieht ordentlich vom Leder. Der Tablet-Aufwand lohne nicht, viele Verleger hätten Abermillionen Dollar ins Internet investiert, ohne damit viel Geld verdienen zu können - zuletzt hatte aus Verlagskreisen sich vielleicht Burda-Vorstand Philipp Welte via HORIZONT so kritisch über das digitale Geschäft  geäußert wie jetzt „Rolling Stone"-Chef Wenner via „AdAge". So wenig wie Welte ist Wenner irgendwer. In den vergangenen 44 Jahren hat Wenner aus dem einstigen Hippie-Blatt eine feste Größe nicht nur der US-amerikanischen Medienlandschaft gemacht. Und unter dem Dach von Wenner Media befindet sich ein kleines Medienimperium: Neben dem „Rolling Stone" noch „US Weekly" und „Men's Journal".

Noch immer gilt der „Rolling Stone" - zu Recht - als die Mutter der Musikmagazine. Doch zu behaupten, im Blatt drehe sich alles nur um Popstars, Rapper und Rocker, ist allenfalls die halbe Miete. Natürlich tut es das. Es ist aber vor allen Dingen - auch - eine Zeitschrift, die seit ihrer Gründung mit Exklusivstorys und investigativ recherchierten Geschichten für einiges Aufsehen gesorgt hat. So musste im vergangenen Jahr der Afghanistan-Kommandeur Stanley McChrytal nach einem Interview mit dem „Rolling Stone" seinen Hut nehmen.

Was Wenner sagt, hat also Gewicht. Nun hat der US-Amerikaner sich den beiden Lieblingsthemen seiner Kollegen angenommen: dem Internet im Allgemeinen, iPads und Tablets im Besonderen. Es zeigt sich: Auch wenn die Wenner-Medien durchaus respektable Online-Ableger haben, bleibt der "Rolling Stone"-Chef eher skeptisch, was Businessmodelle und Umsatzerwartungen angeht. In der deutschen Übertragung aus dem Amerikanischen liest sich diese Web-Skepsis dann auszugsweise folgendermaßen.


Jan Wenner über Verlage und das Internet:
-           „Das Wichtigste, was ein Magazin online machen kann, ist, seine Marke erhalten und stärken.",
-          „Es ist ein Fehler, zu glauben, dass man bloß sein Magazin 1:1 online bringen muss. Man bekommt nicht genügend Reichweite für Anzeigenverkauf, man wird damit nicht viel Geld verdienen können."
-          "Die Verleger haben Millionen und Abermillionen Dollar in das Internet investiert und hatten dabei ihren Kopf in den Sand gesteckt. Vielleicht sind sie jetzt dabei, das zu bemerken. Diesen Weg sind wir nie gegangen. Wir haben nur Geld verdient."


Jan Wenner über das iPad und Tablets:
-          "Es ist eine großartige Sache. Aber ist es auch eine großartige Sache für Magazine?"
-          „Von einem verlegerischen Standpunkt aus gesehen halte ich es für verrückt, auf Tablets und iPads zu setzen: Verleger werden hier doch viel weniger Geld von den Werbungtreibenden erhalten als bei ihren Printobjekten."
- "Der Drang, sein Magazin-Geschäft wegzuwerfen und es auf das iPad zu übertragen ist verrückt und Unsicherheit und Furcht geschuldet."
-          „3000 Exemplare hier, 5000 Stück dort - das lohnt doch den ganzen Aufwand an Forschung, Entwicklung und Instandhaltung nicht."
-          „Das Tablet ist ein netter Zusatz, aber es ist nicht das neue Business."
-          „Ja, es gibt einen Shift hin zu Tablets, aber es wird noch zwei Generationen dauern, bis dieser Shift wirklich ausschlaggebend ist."


  Wenner war im vergangenen Jahr Kopf einer „Pro Print"-Initiative, bei der sich die  US-Verlegerszene zum durchaus reflektierenden Stelldichein vor laufender Kamera traf. Dass Print-Freund Wenner also die Entwicklungen im Digitalen kritisch beäugt, überrascht nicht. Überraschend ist aber die Gnadenlosigkeit, mit der Wenner  indirekt seine Zunft abwatscht. Doch vermutlich passt die Message des „AdAge"-Interviews gut zum derzeitigen Zeitgeist in Sachen iPad: Von vielen US-Verlegern hymnisch gefeiert, macht sich an der einen oder anderen Stelle inzwischen Ernüchterung breit: Murdochs „Daily" ist als Tiger gestartet, muss aber aufpassen, nicht als Bettvorleger zu landen; Apples rigide Dominanzstrategie führt nicht unbedingt dazu, dass aus der Anfangsbegeisterung nachhaltiger Enthusiasmus wird. Und Agenturen wie auch Werbungtreibende sind nach wie vor überfordert, für iPad und Tablet kreative Anzeigenlösungen zu entwickeln. „It's a small additive; it's not the new business." Wenners Negativ-Einschätzung des iPad wird in den USA bestimmt zu Diskussionen führen. Irgendwann, sagt Wenner im AdAge-Interview, werde es auch den "Rolling Stone" auf dem iPad geben, aber eilig sei es nicht. vs
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