Zustimmung, Skepsis, radikale Ablehnung: Erste Reaktionen auf Bertelsmanns Online-Kiosk

Freitag, 26. Februar 2010
Direct Group und Bertelsmann arbeiten an einem E-Kiosk
Direct Group und Bertelsmann arbeiten an einem E-Kiosk

Die Diskussion ist eröffnet: Nachdem HORIZONT über Details zu Bertelsmanns geplantem Online-Kiosk berichtet hat, verlagert sich die Debatte über die Konstruktion und Geschäftsmodelle des digitalen Medienvertriebs aus den Hinterzimmern der Verlagshäuser in die Öffentlichkeit. Denn Bertelsmann (genauer: der Buchhandelszweig Direct Group und die Verlagssparte Gruner + Jahr über ihre Vertriebstochter DPV) hat mit seinen Plänen vorgelegt - und die ersten anderen Häuser äußern sich nun auf Anfrage von HORIZONT.NET. Dabei wird deutlich, dass wohl der schwierigste Punkt der Verhandlungen die Frage der Exklusivität ist: Von Verlagen, die sich an der noch zu gründenden gemeinsamen Betreiberfirma beteiligen wollen und sollen, verlangen Direct Group und DPV, dass diese ihre Inhalte ausschließlich über die gemeinsame Plattform vertreiben. Für Verlage hingegen, die nur als Vertriebspartner mitmachen, gilt dies nicht - diese können ihre Inhalte also auch noch über andere Plattformen etwa von Apple oder den Mobilfunkanbietern verkaufen. Andererseits: Als Gesellschafter hätte ein Verlag deutlich mehr Einflussmöglichkeiten. Die Fragen sind also schwierig, zumal noch nicht klar ist, welche Alternativplattformen - etwa der Telkos - mit welchen Konditionen wann auf den Markt kommen.

„Wir führen Gespräche mit dem DPV und prüfen eine Zusammenarbeit", sagt Christian Röpke, Geschäftsführer von Zeit Online. Er hält „eine Beschränkung nur auf eine Plattform für nicht zielführend, genauso wenig wie eine undifferenzierte Streuung über alle denkbaren Anbieter". Die Strategie werde weiterhin sein, neue Digitalprodukte auf der eigenen Plattform im Rahmen des Premium-Angebotes zu vertreiben oder zumindest eine enge Verknüpfung zu möglichen weiteren digitalen Produkten zu bieten.

Die „FAZ" bezeichnet sich als „in die Gespräche eingebunden". Über die Rechtsform gebe es noch keine Entscheidung. „Die Möglichkeit, hier ein marktfähiges Modell zu entwickeln, schließt die Sondierung von anderen Optionen natürlich nicht aus", so ein Sprecher. Der Spiegel-Verlag verhandelt zurzeit mit dem DPV. „Wir können noch nichts Konkretes sagen, haben aber unsere Absicht erklärt, dabei sein zu wollen", sagt eine Sprecherin. Die Mediengruppe Klambt befindet sich nach eigenen Angaben „in unterschiedlichen Gesprächen zu diesem Thema" - auch mit Bertelsmann/DPV. Entscheidungen gebe es jedoch noch nicht. Ähnlich äußert sich die WAZ-Gruppe: „Wir führen Gespräche mit G+J."

Befürwortet ein gemeinsames Vorgehen: Konstantin Neven DuMont
Befürwortet ein gemeinsames Vorgehen: Konstantin Neven DuMont
Die Mediengruppe M. DuMont-Schauberg in Köln signalisiert Zustimmung: „Wir befürworten ein gemeinsames Vorgehen der Verlage in Sachen Paid Content", sagt Vorstand Konstantin Neven DuMont: „Insbesondere der Registrierungsvorgang und das Abrechnen über eine Clearingstelle sind von höchster Bedeutung. Wir können uns durchaus vorstellen, bei dem Online-Kiosk von Bertelsmann mitzumachen, wenn die einheitliche Registrierung gewährleistet und Bezahlinhalte auch auf den eigenen Webseiten möglich ist."

Von Axel Springer war aktuell bisher kein Statement zu erhalten. Doch vor drei Wochen hatte sich Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs, in HORIZONT noch eher skeptisch zum Bertelsmann-Projekt geäußert, soweit es damals bekannt war: Eine gemeinsame Plattform aller Verlage wäre „theoretisch ein interessanter Weg, praktisch bietet er viele Schwierigkeiten: Wird es einem solchen Marktplatz gelingen, die notwendige Sogwirkung zu entfalten? Treffen sich Angebot und Nachfrage wirklich gerade dort?" Am besten biete man auf allen seriösen Märkten mit an: „Je größer die Streubreite, desto geringer die Gefahr der Sackgasse, aber auch des Marktmonopols", so Keese vor drei Wochen - und deutet die Situation damit etwas anders als etwa Christian Röpke von Zeit Online. Axel Springer wolle sich jedenfalls „nirgendwo exklusiv binden, sondern die maßgeblichen Innovationen früh erkennen und sie optimal nutzen". [Nachtrag, 1. März: Mittlerweile hat sich auch Springer aktuell dazu geäußert.]

Deutliche Ablehnung hingegen von Hubert Burda Media, derzeit dem Hause G+J auch sonst eher kritisch verbunden, siehe „Bunte" versus „Stern". Ist Burda bei dem Bertelsmann-Projekt mit dabei? „Nein", heißt es in München knapp. Man sei in Kontakt „mit vielen möglichen Marktteilnehmern und Partnern". Derzeit sei jedoch „nicht absehbar, wie sich das „Hype-Thema E-Publishing inhaltlich und vertrieblich" entwickeln werde: „Das Spielfeld ist weit offen", so ein Sprecher.

Am radikalsten klingt die Absage von der Bauer Media Group: „Der Begriff ‚Online-Kiosk' scheint mir schon ein Widerspruch in sich zu sein. Das Thema ist für uns nicht relevant, da zum jetzigen Zeitpunkt keine wirtschaftliche Perspektive zu erkennen ist", sagt Geschäftsleiter Andreas Schoo. rp
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