Zensur beim "Focus": Wie sich die Apple-Prüderie verselbständigt

Montag, 07. Mai 2012
Ungewöhnliche Maßnahme: Das Cover des digitalen "Focus" wurde zensiert
Ungewöhnliche Maßnahme: Das Cover des digitalen "Focus" wurde zensiert
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Focus Apple Zinio Grund Dominanz Pressefreiheit Zensur Android


Die Dominanz von Apple auf dem Markt für Tablets wird allmählich zur Bedrohung für die Pressefreiheit. Wie mächtig der kalifornische Konzern inzwischen ist, erfuhr am Wochenende der "Focus" am eigenen Leibe. Dessen Dienstleister hat kurzerhand das Cover der aktuellen "Focus"-Ausgabe zensiert. Die Abbildung einer barbusigen Frau auf dem Titel war für den E-Kiosk-Betreiber Zinio Grund genug, um die Ausgabe notfalls sogar komplett zu kippen.
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Leser der digitalen "Focus"-Ausgabe dürften diese Woche wahrlich irritiert sein. Während der "Focus" seine Titelgeschichte zum Thema "Schöne Haut" auf dem Cover der Printausgabe auch mit ebensolcher bebildert, wird die Brustpartie des Oben-Ohne-Models auf dem Titel der digitalen Ausgabe mit einem schnöden grauen "Zensiert!"-Balken verdeckt.

Es hätte sogar noch schlimmer kommen können. Wie ein Sprecher gegenüber HORIZONT.NET erklärt, wurde dem "Focus" förmlich die Pistole auf die Brust gesetzt: "Wir hatten die Wahl, entweder den Titel zu verändern, gar nicht zu erscheinen oder das Model mit einem grauen Balken zu verdecken. Wir haben uns für das geringste Übel entschieden", so der Sprecher. "Wir lassen uns die Wahl unserer Titelmotive nicht von Vertriebspartnern vorschreiben. Auch eine von Prüderie getriebene Zensur widerspricht unseren Vorstellungen von Pressefreiheit", so der Sprecher weiter.

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Als Konsequenz aus dem Vorfall erhöht der "Focus" nun bei der Entwicklung seiner Tablet-Apps das Tempo. Voraussichtlich im August will das Fakten-Magazin neue Apps für iPad und Android-Geräte präsentieren, die anders als die über den Zinio-Kiosk vertriebene digitale Ausgabe auch Multimediainhalte bieten werden.

Ob sich auf diese Weise Debatten um Oben-Ohne-Bilder auf dem Titel umschiffen lassen, darf aber bezweifelt werden. Denn Apple ist bereits selbst häufig wegen seiner prüden Vorschriften und Zensurvorwürfen in die Schlagzeilen geraten. So löste der Konzern eine Welle des Protests aus, als er Anfang 2010 nach der Veröffentlichung seiner neuen Richtlinien mehrere Tausend Apps wegen angeblich "anstößiger sexueller Inhalte" kurzerhand aus seinem App-Store löschte. Dass Dienstleister wie der US-amerikanische E-Kiosk-Betreiber Zinio nun im vorauseilenden Gehorsam Verlags-Inhalte zensieren, um ihrerseits Sanktionen von Apple zu vermeiden, zeigt den hohen Grad der Abhängigkeit dieser Anbieter von Apple. Dem Vernehmen nach erzielt Zinio den Löwenanteil seines Umsatzes mit Applikationen für Apple-Geräte. mas
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