Zeit-Online-Geschäftsführer Christian Röpke: "Wir haben Chancen, die muss man nutzen"

Freitag, 05. August 2011
Hat auch vor der "Tagesschau"-App keine Angst: Christian Röpke Foto: Vera Tammen
Hat auch vor der "Tagesschau"-App keine Angst: Christian Röpke Foto: Vera Tammen

Nicht nur in Print, auch online ist „Die Zeit" mittlerweile eine Macht. Im HORIZONT.NET-Interview schildert Zeit-Online-Geschäftsführer Christian Röpke, was Zeit Online auszeichnet, warum er Steve Jobs nicht auf den Knien dankt  und warum er die Perspektiven für Medienhäuser durchaus optimistisch sieht. Ist Zeit Online mittlerweile eine eigenständige journalistische Plattform oder ist Digital nach wie vor ein Appendix zum Hauptmedium Print? Zeit Online war immer eine eigene Marke, das eigenständige Profil wurde in den letzten zwei Jahren noch einmal deutlich gestärkt, aber natürlich gibt es eine enge Verbindung zur Printmutter. Die Wochenzeitung und unser minutenaktuelles Online-Angebot ergänzen sich ideal. Die vielzitierten Kannibalisierungseffekte sind bei uns jedenfalls nicht eingetreten: Sowohl „Zeit" als auch Zeit Online haben in der Reichweite in den letzten Jahren deutlich zugelegt, Zeit Online im letzten Jahr durchschnittlich um stolze 45 Prozent zum jeweiligen Vorjahresmonat. Das zeigt: Das eine Angebot schließt das andere nicht aus, sondern sie stärken sich sogar gegenseitig.

Das richtige Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter ist ein Dauerthema für Medienhäuser. Auch für Zeit Online? Unser digitales Geschäft basiert auf drei Säulen. Zum einen auf den klassischen Werbeerlösen, bei denen wir in diesem Jahr weiter deutlich zulegen - wir liegen bei den Ist-Zahlen und den Anzeigen-Einbuchungen bei über 50 Prozent Zuwachs zum Vorjahr. Deshalb kann ich auch manche Kollegen nicht  verstehen, die bezweifeln, dass Verlage im Internet mit Werbung nennenswerten Umsatz machen können. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir auf Zeit Online viele exklusive Werbekunden haben, beispielsweise aus dem Modebereich, die wir früher nicht hatten. Und immer stärker sind dies Unternehmen, bei denen wir nicht befürchten müssen, dass sie beispielsweise Restplatzvermarktung wie Google Adsense buchen. Diese Kunden wollen sich inszenieren, und wählen dafür bewusst Zeit Online. Zweite wichtige Erlössäule sind die Rubrikenmärkte,  beispielsweise der Stellenmarkt im Bereich des öffentlichen Dienstes oder im Lehre- und Forschungsbereich. Und die dritte Säule, die noch am kleinsten ist, aber sehr dynamisch wächst, ist der E-Publishing-Bereich, also der Verkauf der App, PDF-Formate, der Verkauf über E-Kioske und die Kindle-Ausgabe der „Zeit".

Kann es im Digitalen so viele journalistische Marken geben wie in der analogen Welt? Wahrscheinlich werden es nicht so viele sein, da gebe ich Ihnen recht. Aber man sollte sich fragen, ob die Auflistung zum Beispiel: der IVW oder Agof der Top-20-Nachrichtenmarken im Netz schlüssig ist. Dort finden sich TV-Sender wie N24 oder N-TV, die im Digitalen gegen Spiegel Online oder Zeit Online konkurrieren, aber im klassischen Bereich nicht in einen Topf geworfen werden. Man muss sich also fragen, ob die Segmentierung stimmt.

Sind Sie eher der Auffassung, dass man Steve Jobs auf den Knien danken muss, oder gehören Sie zu der Fraktion, die der Meinung ist, dass Apple seine Marktmacht schamlos ausnutzt? Beides ist mit einem etwa einjährigen Abstand sehr plakativ von Springer-CEO Mathias Döpfner gesagt worden. Ich würde mich in der Mitte einordnen. Ich danke Steve Jobs nicht auf den Knien, muss aber gleichzeitig zugeben, dass das iPad ein tolles Gerät ist. Es eröffnete Medienmarken viele neue Möglichkeiten. Andererseits ist  Apple sehr restriktiv und intransparent und deshalb kein idealer Partner für Verlagshäuser. Wir müssen Wege finden, mit unseren Produkten zu unseren Vorteilen auf dem iPad aufzutauchen. Mit anderen Worten: Apple schafft gerade einen neuen Markt. Das ist gut. Nicht gut ist, wie das Unternehmen seine Marktmacht ausnutzt.

Ist die „Tagesschau"-App der Tod des Journalismus? Ich glaube nicht, dass diese eine mit Gebühren bezahlte Applikation den Tod des privatwirtschaftlich finanzierten Journalismus bedeutet. Unsere Stärke liegt nicht so stark darin, nachrichtliches Bewegtbild in Masse zu produzieren, sondern eher bei Texten und Analysen. Insofern steht die Tagesschau-App gar nicht in so starker Konkurrenz zu unserem Angebot. Andererseits ist es für alle Medienhäuser mittelfristig durchaus ein Problem, wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihre Angebote permanent und stark gebührenfinanziert ausbauen würden. An der Klage der Verlage hat sich der Zeit-Verlag nicht beteiligt.

Wie sieht die Zeit-Online-Strategie in Sachen iPad aus? Wir fahren eine Strategie, die wir etwas hochtrabend als produktzentrische Strategie im Gegensatz zu einer geräte- oder betriebssystemzentrischen Strategie bezeichnen. Der Zeit-Verlag hat zwei wundervolle Marken, Zeit Online und „Zeit". Und wir glauben, dass für Zeit Online der Browser die ideale Plattform auf Tablets ist. Deshalb haben wir im November vergangenen Jahres das viel beachtete Projekt der Tablet-optimierten Website gestartet. Zeit Online können Sie auf allen Tablets, egal ob Android oder Apple iOs, in optimierter Version lesen. Nichtsdestotrotz glauben wir, dass auch Apps ihre Berechtigung haben, nämlich in unserem Fall für die Printmarke „Zeit". Eine App ist wie gemacht für eine periodische Erscheinungsweise, das Produkt hat einen Anfang und ein Ende und für dieses Bundle ist deshalb die Zahlungsbereitschaft der Leser auch höher als bei der Website.

Wie entwickelt sich der Anzeigenverkauf für „Zeit"-App? Der Anzeigenverkauf steht in unserer bisherigen Kombi Zeit Online plus App nicht im Vordergrund. Wir werden noch in diesem Sommer eine neue App launchen, die Anzeigenformate vorsieht, die über das, was wir in Print, aber auch in der jetzigen App bieten, hinausgehen. Dann werden wir auch im Anzeigenverkauf deutlich zulegen.

Nicht nur Apple stellt Verlage vor große Herausforderungen. Auch mit Google sind die Medienhäuser in einer Art Hassliebe verbunden. Sicher ist Google einer der dominierenden Player der Online-Welt. Aber bei aller berechtigter Kritik muss man der Suchmaschine zugute halten, dass sie für Millionen Menschen, Marken und Medien das Internet erschlossen hat, weil auf einmal so viele Inhalte gefunden werden konnten. Ich sehe Google und die Perspektiven für Medienhäuser im digitalen Zeitalter nicht so fatalistisch wie manche Kollegen. Wir haben Chancen, die muss man nutzen.

Ein Lead Award für Zeit Online im Bereich Magazin, ein Lead Award und ein Grimme-Preis für das Projekt „Verräterische Handys" - Zeit Online hat sich an der Spitze qualitativ hochwertiger Angebote etabliert. Wie wichtig sind solche Auszeichnungen? Das „Verräterische Handy" ist ein tolles Beispiel für das, was Online-Journalismus leisten kann. Die Verknüpfung von Daten und Informationen zu einer im besten Sinne interaktiven Anwendung zeigt die Stärken von Online-Journalismus. In Print hätte man so etwas nie leisten können. Und die beiden Preise sind auch eine Bestätigung für die Arbeit der letzten drei Jahre, in denen wir Zeit Online systematisch ausgebaut haben.vs
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