Zeit-Online-Chefs zum Umzug: "Wir wollen die beste Nachrichtensite werden"

Donnerstag, 02. April 2009
Wolfgang Blau
Wolfgang Blau

In dieser Woche ist es so weit: Zeit Online präsentiert sich in verändertem Gewand, und neue Redaktionsteams starten in Berlin und Hamburg. Im Interview mit HORIZONT.NET erklären Chefredakteur Wolfgang Blau und Geschäftsführer Christian Röpke, wo sie mit dem neuen Auftritt hinwollen. Die Site kommt optisch entschlackt daher, mit weniger Grauflächen und weniger dicken Balken. Möglichst bald will Chefredakteur Wolfgang Blau auch auf das Newsfeed des Holtzbrinck- und Zeit-Digital-Schwesterangebots Tagesspiegel.de verzichten und dessen Geschichten gleichrangig auf der Zeit.de-Site einbinden. Außerdem hat er weitere Ressorts eingeführt (Digital, Studium, Karriere, Lebensart, Auto) und Themen neu angeordnet.

Auch Organisationsstruktur und Workflow werden verändert: Die Chefs von Zeit Online und Tagesspiegel Online können künftig einfacher auf die Texte der jeweils deutlich über 100 Köpfe starken Print-Redaktionen von „Zeit“ (Hamburg) und „Tagesspiegel“ (Berlin) zugreifen, ebenso auf die 43 Redakteure von Zeit Online meist in Berlin (15 Kollegen davon bleiben in Hamburg, als Schnittstelle zu den Ressorts der Print-„Zeit“) sowie auf sieben Tagesspiegel.de-Redakteure. Auch das gemeinsame Video- und Grafik-Team, Korrektorat, Community-Moderation sowie alle Ressortleiter und das Newsdesk arbeiten künftig in Berlin.

Technik und Vermarktung bleiben in Hamburg (rund 20 Mitarbeiter). An der doppelten Zusammenarbeit mit den beiden Holtzbrinck-Vermarktern IQ Digital (Zeit Online) und Urban Media (Tagesspiegel.de) will Geschäftsführer Christian Röpke derzeit nichts ändern. Zeit Digital erzielte 2008 einen geschätzten Werbeumsatz von über 4 Millionen Euro und soll bis 2012 schwarze Zahlen schreiben. rp
 

Zum Wortlautinterview mit Wolfgang Blau und Christian Röpke

Herr Blau, Zeit Online liegt im aktuellen Reichweiten-Ranking mit 1,47 Millionen Unique hinter FAZ.net, Stern.de, Sueddeutsche.de, Focus Online, Welt.de, und Spiegel Online sowieso. Was gibt es noch zu tun?

Wolfgang Blau: Einiges, denn mittelfristig sehe ich Zeit Online bei 2 Millionen Unique Usern. Wir wollen nicht um jeden Preis die größte Nachrichtensite werden, aber die beste. Dabei genießen wir den Vorteil der „späten Geburt“ und können viele der Fehler vermeiden, die unsere Wettbewerber zuvor gemacht haben. So wollen wir für höheren Traffic weder den Preis der Boulevardisierung zahlen, noch reinen Nachrichtenlärm erzeugen.

Sondern?

Blau: Wir stellen Nachrichten nur dann online, wenn sie eine gewisse Relevanzschwelle überschritten haben. Zeit Online soll wie die gedruckte „Zeit“ Einordnung und Analyse bieten – aber eben nicht im Wochenrhythmus, sondern im Stunden- und Minutentakt. Und falls aktuell wenig nachrichtlich Relevantes geschieht, haben wir den Mut, auch mal mit einem Hintergrundstück aufzumachen, anstatt Aktualität oder Brisanz zu fingieren.


Das klingt nach gemächlichen Zeitläuften auf Zeit Online ...

Blau: Überhaupt nicht. Wir müssen und wir wollen die Aktualität abbilden. Dabei können wir auf unseren neuen News-Desk in Berlin und auch auf die Nachrichten der Tagesspiegel-Redaktion zurückgreifen.

News müssen also doch sein?

Blau: Natürlich. Im sehr viel größeren englischen Sprachraum können Sie auch allein schon mit Hintergrund und Analyse genügend Reichweite aufbauen, um eine Online-Redaktion zu finanzieren. Der deutsche Sprachraum ist dafür viel zu klein. Hier muss man auch die Aktualität bedienen, um eine kritische Größe zu erreichen. In der Fokussierung auf die wirklich relevanten Nachrichtenthemen des Tages sehen wir auch die logische Ergänzung zur gedruckten „Zeit“.

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Christian Röpke
Christian Röpke
Die CvDs von Zeit.de und Tagesspiegel.de können sich aus mehreren internen Quellen bedienen: es stehen Texte der Print-Redaktionen von „Zeit“ und „Tagesspiegel“ zur Verfügung, außerdem gibt es 43 Zeit-Online-Redakteure sowie sieben Tagesspiegel-Online-Redakteure. Wie wollen Sie verhindern, dass die beiden Sites am Ende gleich aussehen, weil beide auf die besten und damit die selben Texte zugreifen?

Blau: Es ist unsere Herausforderung, genau das zu verhindern und Synergien zu heben, ohne die Produkte zu verwässern. Wir können das vorher nur begrenzt planen. International ist uns für eine solche Konstruktion auch kein Vorbild bekannt. Wir kennen noch keinen anderen Wochentitel, der sich in dieser Weise online mit einer Tageszeitung verbündet hat. Die richtige Mischung werden wir dann im Tagesgeschäft herausfinden.

Christian Röpke: Es gibt dabei eine natürliche Trennlinie zwischen Zeit Online und Tagesspiegel.de. Zwar weisen beide Sites Leserschaften mit ähnlichem Alter, sowie hohem Einkommen, Bildung und hohem Frauenanteil auf – aber Tagesspiegel.de lebt von den Berlin-Themen, gerade auch durch Zugriffe von außerhalb Berlins. Das Interesse an Berlin-Themen ist auch bundesweit sehr groß. Wir glauben, dass Tagesspiegel.de in Kooperation mit Zeit Online diese Stärken noch besser zur Geltung bringen kann als bisher.

Zeit.de hat weitere Ressorts eingeführt und Themen neu angeordnet. Was versprechen Sie sich davon für die Vermarktung?

Röpke: Wir haben nun eine größere Klarheit auf der Seite, mit eindeutiger Zuordnung der Themen und besserer Benutzerführung. Damit werden zugleich die Werbeumfelder und ihre Zielgruppen besser beschrieben, etwa das neue „Lebensart“-Ressort mit seinem hohen Frauenanteil.

Bei Ihnen tummeln sich noch immer zwei Vermarkter: IQ Digital für Zeit Online und Urban Media für Tagesspiegel.de. Wann legen Sie die Vermarktung im Sinne des viel zitierten „One Face to the Customer“ in eine Hand?

Röpke: Die Zusammenarbeit funktioniert gut, und wir sind mit beiden Vermarktern sehr zufrieden. Daher sehen wir gerade in dem aktuell unruhigen Marktumfeld keinen Anlass, diese erfolgreiche Konstellation zu verändern. Aber natürlich kann ich nicht ausschließen, dass wir uns das Thema gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt einmal anschauen.

Das heißt, Sie kommen so schnell nicht aus den Verträgen heraus?

Röpke: Nein, keine Sorge. Wir möchten hier derzeit einfach nichts ändern. Beide Vermarkter gehören im übrigen ja zur Holtzbrinck-Familie, das erleichtert die Zusammenarbeit und die Konzeption gemeinsamer Vermarktungspakete zusätzlich.
Interview: Roland Pimpl
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