"Zehn Jahre Stillstand": Thomas Middelhoff stichelt gegen Bertelsmann

Montag, 02. April 2012
Thomas Middelhoff war bis 2002 Vorstandschef von Bertelsmann
Thomas Middelhoff war bis 2002 Vorstandschef von Bertelsmann


Einst träumte Thomas Middelhoff davon, Bertelsmann an die Börse zu führen. Doch er scheiterte am Widerstand der Eigentümerfamilie Mohn und musste schließlich seinen Hut nehmen. Dass der neue Vorstandschef Thomas Rabe Europas größten Medienkonzern nun doch noch an die Börse bringen will, ist für Middelhoff eine späte Genugtuung. Allerdings kommt der Schritt zehn Jahre zu spät, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".  "Ich sehe die Entwicklung bei Bertelsmann mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt der Manager, der von 1998 bis 2002 Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann war. "Weinend, weil dieser Konzern zehn Jahre Stillstand hinter sich hat. Lachend, weil endlich umgesetzt wird, was mein Führungsteam schon vor einem Jahrzehnt als richtig und wichtig empfohlen hat." Allerdings sei der Strategieschwenk wohl nicht nur aus Überzeugung erfolgt, sondern auch unter großem Druck.

Dass Bertelsmann noch einmal zum weltweit führende Medienunternehmen aufsteigen könne, glaubt Middellhoff indes nicht: "Dafür ist zu viel Zeit verstrichen." Zudem herrscht nach der Einschätzung des einstigen Vorstandschefs in Gütersloh nicht mehr der gleich Unternehmergeist wie zu seiner Zeit: Er habe Bertelsmann "als verschworene Gemeinschaft mit elitärem Selbstverständnis" erlebt, "deren Ideengeber rund um die Uhr und rund um den Globus für ein großes Ziel arbeiteten", so Middelhoff. "Wer jetzt nach 17 Uhr an der Bertelsmann-Zentrale vorbeifährt, denkt unwillkürlich an Hausmeister Krause."

Der Bruch zwischen Bertelsmann und dem Manager hat tiefe Gräben hinterlassen. So empfinde er die Schilderung seiner Rolle in der Chronik zum 175. Unternehmensjubiläum schlicht als Frechheit: "Die Schilderung steht im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass sich Bertelsmann jetzt auf meine Strategie besinnt."

Dass der neue Bertelsmann-Chef in Anlehnung an ihn "Tommy reloaded" genannt wird, findet er dagegen "amüsant". Aber es entspreche nicht der Realität: "Herr Rabe und ich haben offensichtlich deckungsgleiche Strategien, sind aber als Menschen völlig unterschiedlich." dh
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