Yahoos "Cybergeddon" im HORIZONT-Check: Blick in die Zukunft des Fernsehens

Mittwoch, 26. September 2012
"Cybergeddon" ist die erste große Eigenproduktion von Yahoo
"Cybergeddon" ist die erste große Eigenproduktion von Yahoo


Die Yahoo-Serie "Cybergeddon" soll eine neue Ära des Internetfernsehens einläuten: Der von CSI-Macher Anthony E. Zuiker produzierte Cyberkrimi besticht durch seine hohe Produktionsqualität und umfangreiches Zusatzmaterial und eröffnet einen Blick in die Zukunft des Fernsehens. Allerdings offenbart "Cybergeddon" auch die Schwächen von Web-TV: Die Serie leidet teilweise unter dem hektischen Erzählrhythmus, große Reichweiten sind in den unendlichen Weiten des Internet bislang nur schwer zu realisieren.

Die Serie

Dabei bringt "Cybergeddon" eigentlich alles mit, was ein potenzieller TV-Hit braucht: Entwickelt wurde die Serie von keinem geringeren als Anthony E. Zuiker, Erfinder und Produzent des weltweiten Serienhits "CSI". Zum Cast der Serie gehört unter anderem der Hollywood-Star Olivier Martinez, bekannt aus Filmen wie "Untreu" oder "SWAT", die weibliche Hauptrolle spielt die noch relativ unbekannte Missy Peregrym. Auch die Produktion der insgesamt 90 Minuten lange Serie (Produktion: Dolphin Digital Studios) überzeugt und hätte in dieser Form sicherlich das Zeug zum TV-Hit. 

Etwas gewöhnungsbedürftig ist allerdings die auf die Nutzungssituation im Netz zugeschnittene Länge der Episoden: Yahoo veröffentlicht vom 25. bis zum 27. September pro Tag jeweils drei Folgen à zehn Minuten auf einer eigenen Microsite. Mit diesem etwas unorthodoxen Rhythmus versucht Yahoo offensichtlich, die flüchtige Aufmerksamkeit im Internet mit althergebrachten TV-Sehgewohnheiten irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Das Ergebnis kann allerdings nicht ganz überzeugen: Um mal eben eine Folge zwischendurch zu schauen, sind zehn Minuten pro Folge fast schon zu lang. Nutzern, die sich "Cybergeddon" in Ruhe zu Hause auf der Couch anschauen möchten, dürften die Episoden mit zehn Minuten dagegen deutlich zu kurz sein – der Spannungsbogen wird so allzu häufig unterbrochen. Hier müssen Produktionsfirmen sicherlich noch mehr Erfahrungen sammeln, um den für Web-TV-Formate idealen Erzählrhythmus zu finden.

Die Website bietet jede Menge Zusatzmaterial
Die Website bietet jede Menge Zusatzmaterial

Die Plattform

Yahoo hat rund um "Cybergeddon" eine eigene Website gebaut, die mit jeder Menge Zusatzmaterial aufwartet. Neben den Folgen bietet die Seite kleine Zusatzvideos, die hier "Zips" genannt werden, Bildergalerien, unter der Rubrik "All Access" recht gut getarntes Hintergrundmaterial und natürlich sehr prominente Hinweise auf den Sponsor der Serie, den Internet-Sicherheitsspezialisten Symantec (Norton Internet Security), der die Macher der Serie bei der Produktion laut Yahoo auch beraten hat und in der Serie leider teilweise etwas zu offensichtlich ins Bild gesetzt wurde. Anbindungen an soziale Dienste wie Twitter und Facebook dürfen natürlich nicht fehlen. Optisch ist die komplett im Look & Feel der Serie gehaltene Seite durchaus gelungen. Die Fülle an Material lässt die Seite allerdings auch mit einer guten Breitbandverbindung zuweilen ziemlich langsam reagieren.

Allerdings lässt "Cybergeddon" erahnen, was im anbrechenden Zeitalter von internetfähigen TV-Geräten und speziell für's Netz produzierten Bewegtbildinhalten künftig alles möglich ist. Wovon die TV-Macher und -Vermarkter seit Jahren träumen – Stichwort Red Button – und im klassischen Fernsehen bislang nur ansatzweise realisieren konnten, ist im Internet spielend leicht umzusetzen: Die Anbindung an soziale Netzwerke, der direkte Zugriff auf Zusatzmaterial oder die direkte Einbindung und der Rückkanal zu Webepartnern.

Die Reichweite

"Cybergeddon" zeigt allerdings auch recht deutlich, warum sich Web-TV immer noch schwer tut: Da ist zum einen das bereits erwähnte Problem, einen für die Nutzungssituation passenden Erzählrhythmus zu finden. Mit der steigenden Anzahl von genuinem Web-TV-Content werden sich aber sicherlich auch im Netz bald eigene Erzählformen etablieren, die die Stärken des Mediums für sich nutzen.

Auch bei der Reichweite hapert es derzeit noch gewaltig: Bis Mittwochabend hatte "Cybergeddon" gerade einmal knapp 2800 Likes auf Facebook und knapp 600 Follower bei Twitter eingesammelt. Wenn man diese Zahlen als Indiz für die Zahl der Zugriffe heranzieht, dürften die Zuschauerzahlen von "Cybergeddon" trotz des parallelen Starts in rund 25 Ländern weltweit im Vergleich zum klassischen TV also noch homöopathisch sein. Web TV wird von vielen Nutzern nach wie vor mit Videoschnipseln in Heimvideo-Optik gleichgesetzt. Auch die beliebtesten Videos bei Youtube erreichen nur selten mehr als ein paar Hunderttausend Zugriffe. Das reicht natürlich nicht aus, um eine Produktion wie "Cybergeddon" zu refinanzieren.

Globale Branchenriesen wie Yahoo und Google steigen derzeit allerdings im großen Stil in die Produktion von selbst produzierten Inhalten für ihre Video-Plattformen ein. Wenn die Verbreitung von internetfähigen TV-Geräten erst so weit fortgeschritten ist, dass sich Millionen Haushalte Online-Videoportale wie Youtube oder das Yahoo-Videoportal Screen bequem auf den heimischen Fernseher holen können, dann dürfte die Jagd auf klassische TV-Krimis wie "CSI" eröffnet sein. Bis dahin dürften allerdings noch einige Jahre ins Land ziehen. dh
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