Wulff, Fukushima und Co: Über Konformitätsdruck und Grenzüberschreitungen der Presse

Dienstag, 17. Januar 2012
"FTD"-Chefredakteur Klusmann mit Kollegen Jörges, Peters und Tichy (v.l.)
"FTD"-Chefredakteur Klusmann mit Kollegen Jörges, Peters und Tichy (v.l.)

Nein, so ganz ohne die schwelende Affäre um den Bundespräsidenten Christian Wulff kam auch die Chefredakteursrunde beim Deutschen Medienkongress nicht aus, den HORIZONT gemeinsam mit The Conference Group, beide aus dem Deutschen Fachverlag, am Dienstag und Mittwoch dieser Woche in Frankfurt veranstalten. Wulff deshalb, weil man an dem Fall zwei Medienphänomene bestens betrachten kann: Zum einen den Umgang mit Meinungen und Informationen, zum anderen das Verhältnis zwischen Print- und Online-Medien. Und dann gibt es da noch die Nutzer - Leser, User und Zuschauer.

„Der Konformitätsdruck der deutschen Medien ist ermüdend", sagt Roland Tichy, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche", mit Blick auf die Wulff-Wellen der vergangenen Wochen - aber auch etwa auf die Berichterstattung über die Unglücke im japanischen Fukushima: Die weltweiten Medien hätten vor allem über die katastrophalen Folgen der Erd- und Seebeben geschrieben - doch in Deutschland habe das Atomkraftwerk im Mittelpunkt gestanden. „Journalisten und Medien, die dort oder im Fall Wulff abweichende Meinungen vertreten, gelten hierzulande schnell als bestochen, vom Präsidenten oder von der Atomlobby." Und die Menschen, das Medienpublikum, spüren diese Gleichförmigkeit und weichen aus, so Tichy.

Dem widerspricht Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der „Stern"-Chefredaktion, nur scheinbar. „Wir erleben in diesen Wochen die Medienrepublik in Reinform." Die Politik sei zur Seite getreten vor Medien, die sich in einer selten erlebten Weise einig seien. „Doch wie immer, wenn alle in die selbe Richtung laufen, gibt es auch Grenzüberschreitungen", sagt Jörges und nennt hier die Tatsache, dass verschwiemelte Gerüchte über das private Vorleben von Bettina Wulff auch in seriöse Medien eingedrungen seien sowie die „Salamitaktik", mit der Informationen über Wulffs Mailbox-Sprüche an die Öffentlichkeit lanciert wurden. Dass es dort nach wie vor keine Mehrheit für einen Wulff-Rücktritt gebe, zeige, dass viele Menschen den Medien offenbar nicht ganz trauten.

„Das Thema wäre schnell erledigt, wenn sich Wulff endlich mal richtig äußern würde", sagt Jan-Eric Peters, Chefredakteur der „Welt"-Gruppe. Ihn langweile das Thema. Allerdings sagt er auch, dass alle Wulff-Meldungen in der Beliebtheitsskala der Leser ganz oben stehen. „Das Thema wird zunehmend selbstreferentiell", erklärt Steffen Klusmann, Chefredakteur „FTD" und „Capital". Wulff hätte zurücktreten sollen, aber er tue es nicht. Basta. „Irgendwann ist dann auch mal gut.

Derweil zeige sich an der Causa Wulff auch das journalistische Verhältnis zwischen Print und Online. „Die Online-Ausgaben der Medien treten viel aggressiver auf als ihre Print-Pendants, sie fungieren als Stimmungsanheizer und Verstärker von Gerüchten", sagt „Stern"-Mann Jörges. Online müssen die gleichen Recherche-Standards gelten wie in Print, entgegnet Klusmann - auch dann, wenn es schneller gehen muss: „Sonst können wir gleich anfangen, Blogs zu machen." Doch apropos Blogger: Über die Sitten der deutschen Presse im Fall Wulff verlieren die Medienseiten der großen Zeitungen kein Wort, bemerkt Jörges - es seien allein unabhängige Mediendienste und Blogger gewesen, die hier kritisch berichten. rp
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