Wulff-Affäre bei Günther Jauch: Aus dem „Stahlgewitter“ wird eine Endlosschleife

Montag, 09. Januar 2012
Günther Jauch mit dem stellvertretenden "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome
Günther Jauch mit dem stellvertretenden "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome

Politik und Journalismus haben eines gemeinsam: In beiden Fällen geht es darum, Themen zu besetzen. Kai Diekmann und die „Bild" inszenieren den Niedergang des Bundespräsidenten als Dokumentardrama - eine Art Wikileak in eigener Sache. Und die Günther-Jauch-Runde gestern zeigte: Aus dem „Stahlgewitter" wird langsam eine journalistische Endlosschleife. 1. Boulevard macht auf Wikileak.

Kai Diekmann ist ein großer, und, ja ich wage zu behaupten, manchmal auch großartiger Meister der (Selbst-)Inszenierung. Als Blogger hatte der "Bild"-Chefredakteur sich selbst  persifliert, aber auch die gesamte deutsche Blogger-Szene 100 Tage düpiert. Seine Wahl zum HORIZONT-Medienmann des Jahres 2009 begleitete er - durchaus in Absprache mit HORIZONT -  mit einer ironischen „Wahlkampagne".

Doch auch bei den wirklich wichtigen Themen beweist er immer wieder seine Ausgebufftheit. Im ersten Akt des Theaterstücks um Christian Wulff macht man gar nichts, sondern lässt „FAS", „SZ" - und die neuen Freunde vom „Spiegel" - agieren. Das Boulevardblatt selbst übt ungewohnte, vornehme Zurückhaltung. Die Affäre inszeniert "Bild" eher als eine Mischung zwischen teilnehmender Beobachtung und Wikileak in eigener Sache.  Man könnte fast den Eindruck haben, nicht Kai Diekmann führt Regie bei der Tragikkomödie um ein überfordertes Staatsoberhaupt, sondern der Dramatiker Rolf Hochhuth. Veröffentlicht werden in "Bild" vor allen Dingen Schriftstücke, die Chronologie der Ereignisse - und die Meinungen von Journalisten, die „Bild" eigentlich kritisch gegenüberstehen. Erst am Freitag meldet sich Diekmann zu Wort - und macht sich, so „TAZ"-Kommentator Ulrich Schulte, „ganz bewusst kleiner, als er ist".

Auch in der „Bild" von heute, 9. Januar, kommt ein „Bild"-ferner Journalist zu Wort: Statt eines Kommentars druckt die Zeitung ein Interview von Hans Leyendecker - „Chef-Rechercheur der „Süddeutschen Zeitung" („Bild") - ab, das dieser dem WDR 2 gegeben hat. Leyendeckers Conclusio: „Er (Wulff) hat eigentlich keinen Spielraum mehr. Und deshalb weiß ich auch nicht, wie der das aushalten will als Bundespräsident." „Bild" inszeniert die Wulff-Affäre - mit anderen Journalisten als Kronzeugen und Mitspieler: Das ist nicht verwerflich, sollte aber einmal festgehalten werden. Und damit wir uns nicht missverstehen: Christian Wulff hat bewiesen, dass er seinem Amt nicht gewachsen. Und die Medien tun gut daran, ein Staatsoberhaupt, das Pressevertreter bedroht, in den Sonntagsreden aber das Hohelied der Pressefreiheit intoniert, zum Rücktritt aufzufordern. 

2. Wenn Journalisten in einem Boot sitzen. Die Christian-Wulff-Affäre gibt vielen Medien und Journalisten publizistisch das erste Mal seit langem wieder das Gefühl: Wir sind wieder wer. Seit der digitalen Revolution befindet sich der Qualitätsjournalismus in einer Identitätskrise. Die Geschäftsmodelle der klassischen Medien funktionieren im digitalen Raum nicht so richtig, Blogger und Mitmachweb konnten sich eine Zeitlang als die „basisdemokratische" Alternative zum Leitartikel-Journalismus positionieren. Doch Wulff vermittelt dem „Qualitätsjournalismus"  - dem sich „Bild" genauso wie der „Spiegel" (zurecht) verpflichtet fühlen - als 4. Gewalt im Staate. Dies erklärt (auch), warum sich „Bild" und „Spiegel" auf einmal so gut verstehen - und der eine von der Rechercheergebnissen des anderen profitiert und sich - wie gestern bei Günther Jauch geschehen - artig beim Kollegen bedankt.

Günther Jauch mit dem stellvertretenden "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome
Günther Jauch mit dem stellvertretenden "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome
Vor noch nicht einmal einem Jahr hatte sich der „Spiegel" die Boulevard-Kollegen vorgeknöpft. Einige Wochen später hatte dann Medienwissenschaftler Norbert Bolz in „Bild" behaupten dürfen: „Wenn es den „Spiegel" nicht mehr gäbe, würde der deutschen Öffentlichkeit nichts fehlen. " Und weiter: „Im Grunde handelt es sich hier um eine Art Boulevard für Intellektuelle, also um Klatsch und Tratsch höherer Ordnung. Doch wie verträgt sich das mit dem Anspruch, das deutsche Nachrichten-Magazin zu sein?" Dieser Krieg unter Kollegen, dieses „Stahlgewitter" der beiden wichtigsten Presseorgane der Republik ist Schnee von gestern: Wulff mag eine Nation spalten, innerhalb der Medien hat er zu ungeahnten Freundschaften und Koalitionen verholfen. In der Jauch-Runde äußert „Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo weiterhin seine Skepsis über die „Integrität von Bild", doch derzeit überwiegen auch bei ihm zu Recht die Zweifel an der Integrität des Bundespräsidenten. Und so werfen sich Mascolo und „Bild"-Vize Nikolaus Blome eloquent die Argumente zu.

3. Günther Jauch:  Aus dem Stahlgewitter wird eine Endlosschleife. Spiegel Online titelt über die Jauch-Sendung scharfsinnig: „Paralyse im Gasometer". Autor Stefan Kuzmany beschreibt  sehr schön, „wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt". Das Stahlgewitter ist zur Endlosschleife mutiert. Nach einer Stunde Jauch beschleicht einen wirklich das schreckliche Gefühl: Am Ende hat Wulff mit seiner Mutmaßung, das „Stahlgewitter" gut zu überstehen, doch recht. „TAZ"-Autor Ulrich Schulte ist sicher:Die letzte Patrone liegt in der Schublade von "Bild"." Oder, wie Springer-Chef Mathias Döpfner formuliert hat: „Wer mit der Bild-Zeitung im Fahrstuhl fährt, fährt auch mit ihr wieder herunter“.  Man darf weiterhin gespannt sein. vs
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